Wahrheitsfindung

41. Kapitel

Tack. Tack. Tack.

Der Rhythmus, den die Räder erzeugen, wenn sie sich im gleichmäßigen Schwung mit den Schwellen der Gleise treffen, rufen eine wohlige Müdigkeit in Leonie hervor. Genussvoll lehnt sie sich im Zug von Wien nach Salzburg zurück und lässt die vergangene Woche Revue passieren. Die Zeit war aufregend und aufschlussreich. Leonie hat es genossen, mit Kollegen und Politikern über so ein brisantes Thema wie Leihmutterschaft zu diskutieren. Ja es kann eine große Sache werden und vielleicht wird sie sich einmal politisch engagieren, wer weiß?  Sich für die Gesellschaft einsetzen, etwas Gutes tun, das hat schon einen gewissen Reiz, eine spürbare Anziehung. Mit Begeisterung erwartet sie die nächste Woche, denn dann trifft sie wieder mit der Gruppe zusammen, um die Schritte für die nächsten Monate zu planen.

Heute freut sie sich auf ihre Eltern, bei denen sie die zukünftigen Wochenenden verbringen wird. In Salzburg ihrer Heimatstadt , werden so viele Festivals, Opern und Konzerte veranstaltet, da ist es immer ein leichtes, seine Wohnung an einen Opernstar, Konzertmeister oder Musiker weiter zu vermieten. In ihrer Wohnung logiert gerade eine Maskenbildnerin, die in ihrer Sparte schon sehr bekannt ist. Leonie hatte Glück und kann sich jetzt noch ein kleines Taschengeld dazuverdienen. Leo musste zwar auch zu ihren Eltern übersiedeln, aber nach einigen Schmolltagen hat er sich an dieses neue Zuhause gewöhnt. So kehrt sie dieses Wochenende zum ersten Mal seit sehr langer Zeit in ihr altes Kinderzimmer zurück. Ihre Bleibe in Wien ist ein kleines, etwas schmuddeliges, düsteres Zimmer, aber das stört sie nicht weiter, denn sie wird die nächsten zwölf Monate mehr als genug zu tun haben.

Die letzten fünf Tage waren von morgens bis abends gefüllt mit Arbeit, Gesprächen, Recherchen und nettem Beisammensein bei vorzüglichem Essen, so dass sie kaum an ihre Schwangerschaft, noch an Andreas dachte. Ja, sie freut sich auf diesen neuen Lebensabschnitt! Trotzdem findet sie jeden Abend Zeit mit Heike S. kurz zu chatten. Es ist direkt zu einem kleinen Ritual geworden, Heike ihren Tagesablauf zu erzählen. Noch nie hat ihre Chatpartnerin versucht sie von ihrem Vorhaben, die Schwangerschaft abzubrechen, abzubringen. Nein, sie gibt ihr immer wieder den Rat sich noch Zeit zu nehmen. Ein Gynökologe in Wien bestätigte Leonie die Schwangerschaft und als sie ihm erklärte, dass sie das Kind nicht will, gab er ihr einige Adressen von Kliniken, in denen sie die Abtreibung durchführen könnte. Er ist der Meinung, dass es dabei keine Probleme geben würde.

„Papa!“, freudig winkt Leonie ihrem Vater zu, der auf dem Bahnsteig auf sie wartet. Sie liebt diesen großen Mann so sehr und durch ihre stürmische Begrüßung bestätigt sie ihm die Verbundenheit, die seit jeher zwischen den beiden besteht.

„Hallo, meine Kleine!“, etwas überrascht von der überschwänglichen Umarmung, drückt Peter seine Jüngste lange an sich.

„Ach Papa, ich freu mich auf dieses Wochenende mit euch. Ich habe so viel zu erzählen. Wien ist eine schöne, interessante Stadt, die nicht umsonst eine der beliebtesten Plätze der Welt ist. Meine Arbeit wird wichtig werden, denn stell dir vor, wir bereiten ein Thema vor, das auch für Österreich sehr bedeutungsvoll sein wird!“, die Worte sprudeln nur so aus Leonie heraus.

„Um was geht es denn in deinem neuen Projekt?“, will Peter interessiert wissen.

„Wir arbeiten daran, dass es möglich wird, die Leihmutterschaft in Österreich gesetzlich zu erlauben!“, antwortet Leonie mit einem gewissen Stolz in ihrer Stimme.

„Was muss ich mir unter einer Leihmutter vorstellen?“, neugierig geworden, blickt Peter sein Mädchen an und spürt Aufgeregtheit in ihren Worten.

„Leihmutterschaft ist, wenn eine Frau für eine andere Frau ein Kind austrägt!“

„Wie jetzt, eine Frau bringt das Kind einer anderen zur Welt? Wie soll das gehen?“, ganz perplex mustert Peter seine Tochter. Die Stimmung zwischen beiden ist plötzlich um einige Grade kühler geworden. Doch Leonie in ihrem Entzücken merkt nichts davon und fängt an zu erklären:

„Also bei einer Leihmutterschaft wird einer Frau das befruchtete Ei einer anderen Frau eingesetzt und sie trägt es dann neun Monate aus.“

„Aber wer ist dann die Mutter dieses Kindes?“ immer mehr greift Unsicherheit um die Beiden.

„Die Mutter ist die Frau, die das Kind nach der Geburt bekommt und aufzieht. Diejenige halt, die den Auftrag erteilt hat.“, erläutert Leonie

„Das kling aber sehr nach Handel. Kinderhandel? Warum bekommen Frauen nicht ihre eigenen Kinder und warum bieten sich Frauen an, ein fremdes Kind auszutragen? Scheint alles etwas skurril zu sein.“, verdutzt versucht Peter sich ein realistisches Bild zu machen.

“Es gibt viele Frauen, die keine Kinder bekommen können, die nicht schwanger sein können oder nicht schwanger sein wollen und für diese Gruppe ist das eine großartige Sache. Mit dieser Methode kann ganz vielen Menschen Kummer erspart werden. Darüber hinaus brauchen wir ja Kinder, oder?“, jetzt nimmt Leonie doch eine gewisse Zurückhaltung ihres Vaters wahr.

„Ja aber denkst du nicht, das mit solch einem Tun auch sehr viel Leid und Elend entstehen kann? Was ist mit der Frau, die das Kind neun Monate in ihrem Bauch trägt? Da entsteht ja eine intensive Verbindung zu dem kleinen Wesen. Wie geht es der Frau, die plötzlich ein fremdes Baby in die Arme gelegt bekommt? Kann sie es so lieben, wie ein Kind, welches in ihr aus Liebe gezeugt wurde und in ihr gewachsen ist? Für mich ist das wieder so eine neue Möglichkeit, die zwar auf den ersten Blick ein großer Gewinn zu sein scheint, aber in Wirklichkeit viel Not und Verwirrung hervorbringt.“, Peters Stimme wird unmerklich lauter.

Jetzt versteht Leonie ihren Vater gar nicht mehr. Der Mann, der sich immer für alle Neuerungen begeistert, der in der Firma als erster den Computer eingeführt und benutzt und die neuesten Maschinen eingekauft hat. Er, der mit seinen innovativen Ansätzen immer erfolgreich war? War ihr Vater plötzlich konservativ geworden?

Als ob Peter Leonies Gedanken lesen könnte, versucht er die Situation zu retten. „Lass und später mit Mama weiter diskutieren. Erzähl mir wie es dir geht. Ist deine Wohnung gemütlich?“.

„Wie soll ich mit Mama denn über dieses Thema reden? Du weißt, wie altmodisch sie ist, das geht gar nicht. Sie verschließt sich gegen alle Neuerungen und durch ihren blöden Studiengang ist sie noch einfältiger geworden. Nein danke!“, wird Leonie plötzlich laut.

Da springt Peter heftig auf die Bremse und Leonie wird durch ihren Gurt schmerzvoll abgefangen. Er parkt das Auto in einer Seitenstraße ab. Nach Luft schnappend blickt Leonie verwundert in Richtung ihres Vaters und will fragen was das sein soll, da dreht er sich ganz langsam zu ihr und beginnt mit ernster Miene: „Mein Schatz, ich will nicht, dass du so über deine Mutter sprichst, über die Frau, die ich über alles liebe. Darüber hinaus gibt es Werte und Ordnungen, die man besser nicht bricht. Ich will jetzt nicht von christlichen Werten, sondern von allgemein gültigen Werten sprechen, die uns das Zusammenleben ermöglichen und da kann ich mir nicht vorstellen, dass es gut ist, einen Menschen wie eine Ware zu gebrauchen. Der Mensch hat eine Würde, die ihm gegeben ist, von Gott oder wenn du willst auch von jemand anderem. Diese Würde verbietet, einen Menschen zu gebrauchen, ihn wie eine Ware zu behandeln oder ihm das Leben zu verweigern. Weder am Anfang des Lebens noch am Ende. Wir sollten nicht lügen, stehlen oder die Frau eines anderen begehren. Wir sollten auch keinen unserer Mitmenschen töten, sowie es in unserem Land tagtäglich hunderte Male vorkommt!“

Verlassen!

Leonie blickt erschrocken in die Augen ihres Vaters. Die Zeit scheint still zu stehen. Ein Abgrund tut sich auf und Leonie gerät in einen Strudel, der sie nach unten in die Dunkelheit zieht. Verlassenheit! Nicht angenommen werden! Sie spürt einen Schmerz in sich, der von ihrem Vater auszugehen scheint. Ganz langsam macht sich dieses Gefühl in ihr breit und drückt sie immer weiter hinunter.

Nicht willkommen sein!

Auch Peter erkennt diesen Schmerz, dieses ihm bekannte Gefühl. In dem Moment wird ihm klar, er hat zu heftig reagiert. „Bitte entschuldige!“, traurig sieht er seiner Tochter tief in die Augen und unerwartet entsteht ein feines, kaum spürbares Band zwischen ihnen, eine neue Verbundenheit. Gleichzeitig nehmen beide ein leichtes, warmes, nicht bekanntes Gefühl in ihnen wahr.

„Liebe Heike S. ich hatte heute eine sinnlose Auseinandersetzung mit meinem Vater. Ich glaube, er ahnt etwas. Ich kann ihn aber nicht ins Vertrauen ziehen, denn ich will dieses Kind nicht. Gerade jetzt könnte ich einen großen Schritt für meine Karriere gehen!“, fast schon automatisch klappt Leonie auf ihrem Jugendbett sitzend, ihren Laptop auf und schreibt an Heike S. Von der gegenüberliegenden Wand strahlt sie Leona Lewis von einem grellen, übergroßen Poster an. „Bleeding Love“ war ihr absoluter Lieblingssong und Andrea und sie hüpften damals auf den Betten, Bürsten als Mikrophone in den Händen und sangen lautstark den Text mit. Leonie summt das Lied nach und tippt heftig auf die Tasten: „Liebe Heike S. was ist richtig, was ist wahr? Bleeding Love, mein Herz, meine Liebe blutet“ Was soll ich nur tun?“

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