Leihmutterschaft?

40. Kapitel

Nervös! Angespannt! Aufgeregt…

…und verspätet trifft Leonie in dem großen, modernen Bürogebäude ein. Die Glasfront, die sich an der gesamten Fassade hochzieht, versetzt sie in Gedanken nach New York. Heute ist das erste Meeting. Heute lernt sie ihre neuen Kollegen kennen. Heute beginnt ihr neues Leben. Ein freies, ein erfolgreiches! Wie sehr sie sich darauf freut!

Knapp vor Beginn der Sitzung huscht sie, nachdem sie sich an der pompösen Rezeption des Anwaltsbüros angemeldet hat, in den ihr zugewiesenen Raum. Ihr stockt der Atem. Das Zimmer ist nicht wie erwartet ein normales Büro, sondern ein sehr großer Raum, der von einem überdimensionalen, blankpolierten, ovalen Tisch dominiert wird. An diesem sitzen schon an die 20 Leute, Männer und Frauen, vor ihnen aufgeklappte Laptops und jeweils zwei verschiedene Getränke stehend.

„Na, sehr professionell. Das wird sicher interessant!“, denkt sich Leonie und ein Lächeln huscht ihr über das Gesicht. Sie sucht sich einen freien Platz und landet zwischen einer adretten, sehr gut gekleideten Dame und einem smarten Mann in den Vierzigern. Als es ruhiger wird, blicken alle in ihre Richtung und da merkt Leonie, dass die Dame rechts von ihr, eine wichtige Stellung innehaben muss.

„Ach herrje, warum muss ich mir genau diesen Platz aussuchen?“, durchzuckt ein Gedanke Leonies Kopf und sie versucht mit einem Lächeln ihre Unsicherheit zu überspielen.

„Guten Morgen liebe Damen und Herren, liebe Kollegen!“, beginnt ihre Nachbarin sogleich. „Ich freue mich sehr, sie in unserer Kanzlei begrüßen zu dürfen. Wie sie alle wissen, wollen wir uns mit einem neuen Gesetzesentwurf beschäftigen, den eine Regierungspartei einbringen will. Hierbei handelt es sich um die Einführung der traditionellen und der schwangerschaftlichen, auch gestationalen Leihmutterschaft , in Österreich. Unsere erste Aufgabe wird es sein, so viele Informationen wie möglich zu sammeln, uns mit den internationalen Gegebenheiten und Gesetzen vertraut zu machen, Ideen, Vorschläge und auch rechtliche Voraussetzungen auszuarbeiten, so dass Leihmutterschaft rechtlich möglich wird. In Deutschland ist diese, wie in Österreich, noch verboten, aber auch dort gibt es viele Interessen und Aktivitäten, um die Gesetzeslage zu verändern!“, erklärt die stilvoll gekleidete Frau an ihrer Seite.

„Bevor wir beginnen, möchte ich, dass wir uns alle kurz vorstellen. Meine Betonung liegt bitte auf kurz, denn wir haben für heute noch sehr viel vor uns. Mein Name ist Maria Hensel, ich bin die Leiterin dieser Arbeitsgruppe „Leihmutterschaft“ und seit 35 Jahren Juristin. Ich behandle meist Fälle in denen es um Menschenrechte geht. Mein Hauptaugenmerk liegt hierbei auf Antidiskriminierung und dabei haben ich und meine Mitstreiter schon viel für dieses Land erreicht. Für mich ist die Gleichstellung der Frau in unserer männerdominierten Gesellschaft ein sehr wichtiges Anliegen.“, schließt Frau Hensel ihre Vorstellung und nimmt wieder neben Leonie Platz.

Besorgt schaut sich Leonie um und hofft, nicht die nächste in der Reihe zu sein. Gott sein Dank, die Vorstellungsrunde setzt sich in die andere Richtung fort! Leonie versucht sich auf die Anwesenden zu konzentrieren, aber immer wieder fällt ihr Blick auf die großgewachsene, gutaussehende Frau mit dem kecken, silbergrauen Kurzhaarschnitt. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich dabei auf deren Schuhe. Rote Sohlen! „Diese Lady muss wirklich gut verdienen!“, denkt sich Leonie und versucht wieder den Vorstellungen zu folgen. Zwei hat sie schon verschlafen, der dritte ist ein ca. fünfzigjähriger Politiker, die nächste eine junge Juristin, etwas älter als sie und fünf Jahre in dieser Kanzlei tätig. Ein junger Jurist, ein sehr alt wirkender Politiker und eine junge Politikerin, die in ihrem Outfit und den roten Haaren so gar nicht in diese Runde zu passen scheint, sind die nächsten. Daneben wieder zwei junge Juristen und eine junge Marketingleiterin. „Wieso ist hier eine Marketinglady mit dabei? Wollen die etwas verkaufen?“, schweift Leonie ab. Sie wird aus ihren Gedanken gerissen, als ihr Nachbar, links von ihr, seinen Namen nennt. Der adrette, auch gut gekleidete Mittvierziger, der ihr schon beim Eintreten bekannt erschien, stellt sich vor und da erinnert sie sich, dass es sich hier um einen bekannten Medienmogul handelt. Augenblicklich wird sie nervös, ob dieser wichtigen Runde.

Ihr Hals fühlt sich zugeschnürt an. Nur ihren Namen und dass sie aus Salzburg sei, bringt sie heraus. Nichts von ihrer Freude hier dabei sein zu dürfen, nichts über sie persönlich und natürlich nichts über ihre jetzige schwierige Situation.

„Ich freue mich so sehr, eine so kompetente und ich hoffe auch engagierte Gruppe um mich versammeln zu können. Die Zeit spricht für uns und so bin ich schon jetzt davon überzeugt, dass wir erfolgreich sein werden. Wir beobachten schon seit einer geraumen Zeit eine Umwandlung des ethischen Konsenses in der Bevölkerung. Noch vor 5 Jahren war mit einer reflexartigen Ablehnung auf Leihmutterschaft in der österreichischen und auch der deutschen Bevölkerung zu rechnen. Doch durch Geschichten der glücklichen Leihmütter, die helfen konnten und durch Bilder von Prominenten, die ihr heiles Familienglück veröffentlichten, wie Sahra Parker Jones, Kim Kardashian und Ricky Martin, wurde die Akzeptanz der Vertragsschwangerschaft in dem Bewusstsein der Menschen zum Positiven geändert.

 

„Statistiken zeigen, dass immer mehr Frauen Gefahr laufen, unfruchtbar zu werden, da sie ihren Kinderwunsch auf spätere Lebensjahre verschieben oder weil sie eine frühere Abtreibung durchführten. Darum wird Leihmutterschaft in Zukunft eine große und notwendige Möglichkeit bieten, diesen und ihren Familien zu Wunschkindern zu verhelfen!“, freudig, direkt enthusiastisch erklärt Maria Hensel ihre Ausgangslage. Sie blickt einen jungen Mann an, der ihr gegenüber sitzt und der sich als ihr Assistent vorgestellt hatte und dieser fährt, durch den Augenkontakt informiert, fort.

“Die traditionelle Schwangerschaft, für die die Eizelle von der Bestellmutter kommt und dadurch eine genetische Verwandtschaft besteht, wird nicht so das Problem werden. Aber 2015 hat das europäische Parlament eine Forderung nach Verbot der schwangerschaftlichen Ersatzmutterschaft ausgesprochen, weil es die Menschenwürde der Frau, die ihren Körper und seine Fortpflanzungsfunktion als Ware nützen kann, herabsetzt. Sie führen auch an, dass die reproduktive Ausbeutung und die Nutzung des menschlichen Körpers, insbesondere im Fall von schutzbedürftigen Frauen in Entwicklungsländern, untersagt werden muss.“, erläutert der junge Jurist. Leonie hat den Namen nicht gehört und schweift wieder mit den Gedanken ab. „Was würde Heike S. zu diesem Thema sagen?“, denkt sie. Leonie fühlt sich angesprochen. Sie fühlt sich ertappt.

„In Deutschland ist Leihmutterschaft, wie bereits gesagt, verboten. Laut Paragraph 1591 BGB ist die Mutter die Frau, die das Kind geboren hat. Die Vermittlung von Ersatzmüttern ist laut Paragraph 13c AdVermiG verboten, die Durchführung einer künstlichen Befruchtung einer Ersatzmutter ist ebenfalls laut 1 ESchG untersagt. Darüber hinaus ist Kinderhandel laut Paragraph 236 StGB in Deutschland gesetzwidrig.“, übernimmt Maria Hensel wieder das Wort. Wir werden uns alle einsetzen, um diesen Missstand zu ändern, denn es ist unser Bestreben, den Frauen das große Schicksal einer Kinderlosigkeit zu ersparen. Zum großen Glück arbeitet die Zeit für diese benachteiligten Frauen. Es gibt auf dem ganzen Erdball Anstrengungen, diesen Umstand zu ändern. Auch den finanziell zurückgesetzten Frauen in der dritten Welt kann auf diese Art und Weise wunderbar geholfen werden. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass wir in der Moderne, diese Art Kinder bekommen zu können, unbedingt fördern und fordern müssen. Niemand, vor allem keine Frau, darf mehr benachteiligt und diskriminiert werden.“, wie eine Fanfare beendet Frau Hensel ihr Statement.

Leonie schwirrt der Kopf. Von Glück und Unglück gleichzeitig benommen. Bei einem vorzüglichen Abendessen in einem schicken Restaurant lernt sie noch alle persönlich kennen. Mit Stefan, dem Assistenten, versteht sie sich auf Anhieb. Sie erfährt noch viel mehr über Leihmutterschaft, hört traurige Geschichten von einsamen Paaren und es fühlt sich wirklich gut an, diesen helfen zu wollen und in Zukunft auch helfen zu können. Aber ihre eigene Situation drängt sich immer wieder in ihre Gedanken.

„Hi, Heike S. ich bin gerade von meinem neuen Job nach Hause gekommen und hatte heute einen guten Tag. Die interessante Aufgabe in Wien wird mir Spaß machen.“, in dem kleinen schmuddeligen Zimmer angekommen, klappt Leonie noch spät am Abend ihren Laptop auf und findet sich schnell auf dem Forum wieder.

„Das freut mich für dich!“, antwortet ihr Heike S. umgehend.  „Welch ein Zufall. Ich bin gerade zur Tür hereingekommen und wollte nachsehen, ob ich von dir eine Nachricht bekommen habe. Ich dachte den ganzen Tag an dich und wünschte dir in Gedanken viel Kraft. Es tut gut zu hören, dass es dir besser geht.“, schreibt Heike S. weiter.

„Danke. Darf ich dich was fragen? Ich hörte heute, dass es ein großes Unglück sei, keine Kinder bekommen zu können und ehrlich gesagt, stach mir dieser Satz mitten ins Herz. Wir besprachen Leihmutterschaft und weil Frauen, meist aus Karrieregründen, immer später Kinder wollen, besteht eben die Gefahr gar keine Babys mehr bekommen zu können. Auch sei Abtreibung oft der Grund, unfruchtbar zu werden.  Ist das wahr?“, verdutzt schreibt Leonie das, woran sie bis jetzt nie gedacht hat.

„Ja, das ist im Moment die Entwicklung in unserer Gesellschaft. Deshalb unterziehen sich auch viele Paare einer künstlichen Befruchtung, da die Frauen erst nach ihrer Erfüllung im Job, Mütter sein wollen. Aber aus biologischer Sicht wird es ab dem 30igsten Geburtstag mit jedem Jahr schwieriger schwanger zu werden.“, ganz sachlich erklärt Heike S. ihre Sicht der Dinge.

„Und wie ist es nach einer Abtreibung? Besteht die Gefahr unfruchtbar zu werden wirklich?“, immer ängstlicher tippt Leonie in den Computer.

„Ich kenne keine Aufzeichnungen darüber, ob die Gefahr nach einer Abtreibung unfruchtbar zu werden erhöht sei, aber es gibt Studien, dass Frauen, die die erste Schwangerschaft beendet haben, beim nächsten Kind ein erhöhtes Risiko einer Frühgeburt hätten.“ antwortet Heike S.

„Danke dir!“, mit diesen zwei Wörter beendet Leonie ganz abrupt die Unterhaltung. Das wollte sie jetzt nicht hören. Fragend blickt sie auf den Computer und von der Freude des Tages war nichts mehr zu spüren. Welch Kabarett, sie würde ein Kind bekommen und will es nicht und soll sich jetzt einsetzen für Frauen die Kinder wollen, aber keine bekommen können.

Kongong! Wieder pocht ihr Herz. Kongong! Kongong!

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