Zeitdruck!

39. Kapitel

„I can´t help myself. I love you, I love you!“, möchte sie ihm nachschreien, doch Andreas ist aus ihrem Blickfeld verschwunden und der Schmerz, der durch ihren Körper rast,  ist der ihres zerspringenden Herzens. Sie läuft, läuft und läuft.

Leonie wacht, bedeckt mit kaltem Schweiß und nach Luft ringend, auf. Ihr Bett ist zerknüllt und völlig durcheinander. Der Schmerz in ihrer Brust pocht und tobt. Sie blickt auf die Uhr. Mitternacht. Nach einigen Umdrehungen und erfolglosen Versuchen weiterzuschlafen, steht sie auf und schaltet ihren Laptop ein.

„Ich bin nach einem One-Night-Stand schwanger, was soll ich tun?“, tippt sie angeödet in die Maschine. Sofort werden ihr einige Seiten vorgeschlagen. Sie klickt und findet sich auf einer Internet-Plattform wieder.

Noch einmal stellt sie dieselbe Frage: „Ich bin nach einem One-Night-Stand schwanger, was soll ich tun?“.

„Abtreiben!“

Sofort schreibt jemand und die Antwort erscheint schwarz auf weiß vor ihren Augen. „Abtreiben natürlich!“, wiederholt CoolGirl.

„Ist das der Weg?“, will Leonie, immer bedrückter werdend, wissen. Sie vergisst einen Nicknamen zu verwenden und schreibt ihren richtigen Namen unter ihren Chat.

„Ja, was denkst du denn? Willst du ein Kind von einem Dahergelaufenen, den du nicht kennst?“, erwidert CoolGirl schlagartig.

„Aber es ist ja auch mein Kind!“, blitzschnell und ungewollt findet sich Leonie in einer Verteidigungsrolle wieder.

„Eines ist klar, das ist noch kein Kind, sondern ein Zellhaufen und da brauchst du dir gar nichts denken!“, klinkt sich eine zweite Person Namens Rosirot in den Chat ein.

Kurz wundert sich Leonie, wer sich um diese Zeit noch aller im Netz aufhält.

„Nach einem One-Night-Stand kannst du dir kein Kind erlauben, oder bist du so reich?“, noch eine dritte Person, KarinEs chatet mit.

„Ich bekam gerade ein gutes Angebot von meiner Firma und könnte viel für meine Karriere erreichen. In Wirklichkeit kommt dieses „Kind“ zur ungünstigsten Zeit!“, antwortet Leonie in den anonymen Raum.

„Was fragst du dann so blöde. Die Antwort liegt doch auf der Hand. Abtreiben ist die beste, schnellste und einfachste Lösung!“, meldet sich CoolGirl wieder.

„Genau, und wenn du es klug anstellst, zahlt dir der Staat auch noch etwas dazu!“, schreibt KarinEs ihre Meinung.

„Du kannst immer wieder Kinder bekommen, nämlich dann, wann es für Dich am besten ist!“, findet Rosirot.

„Du darfst auf keinen Fall auf Dich selbst vergessen. Zuerst kommst Du dran. Scheiß Dir nichts!“. eine vierte Stimme schalt aus dem Nichts.

Leonie blickt verstört auf den Bildschirm. Alle raten ihr zur Abtreibung. Ist es wirklich so einfach? Warum geht es ihr dann so schlecht? Warum leidet sie seit Tagen? Völlig aufgewühlt klappt sie den Laptop zu.  Sie legt sich ins Bett und versucht ihre Tränen zu unterdrücken. Plötzlich spürt sie etwas Weiches, Warmes, das sich ganz eng an ihren Kopf schmiegt. Da bricht der Damm und die Tränen strömen. Ein lautes Schluchzen durchdringt den kleinen dunklen Raum. Leo blickt auf. In der Dunkelheit starren sie zwei schwarze, fragende Katzenaugen an, um sich aber gleich wieder im warmen Kopfpolster zurück zu kuscheln. Durch das leise Schnurren ihres geliebten Freundes, schläft Leonie letztlich doch ein.

„Töte den Bastard!“, schreit ihr die Meute entgegen! Angstvoll und mit beiden Händen ihren Bauch schützend, stolpert Leonie rückwärts und versucht sich und ihr Kind der Menschenmenge zu entziehen. Doch der Mob kommt immer näher und in ihren Ohren dröhnen die Schreie: „Töte den Bastard, töte den Bastard!“.

Leonie fährt hoch.  5 Uhr!  Aufgewühlt und zitternd, vom Traum benommen, steht sie schnell auf und kühlt sich ihr Gesicht mit frischem, kaltem Wasser. Was für Bilder. Sie geht in die vom spärlichen Dämmerungslicht beleuchtete Küche und brüht sich mit dem kleinen, italienischen Espressokocher einen starken Kaffee auf. Immer öfter greift sie zu diesem alten Gerät, anstatt ihre moderne Kaffeemaschine anzuwerfen.

Die dampfende Tasse mit beiden Händen umschließend, blickt sie in den beginnenden Morgen.  Nicht nachdenkend, klappt sie ihren Laptop auf. Er fährt hoch und sofort erscheint die Maske des Chatrooms.

„Hi! Guten Morgen!“, erscheinen schwarze Buchstaben auf ihrem Bildschirm. „Ich kann mir vorstellen, dass du eine ziemlich aufwühlende Nacht hattest. Wie geht es dir? Hast du dich ausruhen können?”, fährt der Schreiber, um 5 Uhr 10 fort. Rechts unten erscheint die aktuelle Zeit auf ihrem Bildschirm: 5 Uhr und 12 Minuten.

„Ehrlich gesagt, ich habe sehr schlecht geschlafen und hatte einen fürchterlichen Traum.“, schildert Leonie müde ihre letzten Stunden.

„Das kann ich mir vorstellen, du stehst ja wirklich vor einer schweren Entscheidung. Das ist keine leichte Situation für dich.”, antwortet die oder der Unbekannte im Chatroom sofort. Ein tröstliches, warmes Gefühl durchströmt Leonie und sie ist sich fast sicher, dass es sich um eine Frau handelt, die so mitfühlend schreibt.

„Ja so könnte man es nennen. Ich bin nach einem One-Night-Stand schwanger und ich will das nicht!“ Wieder macht sich Verzweiflung breit.

„Das war sicher ein großer Schock für dich! Bestimmt hattest du für dein Leben ganz andere Pläne!”, erkundigt sich die Fremde.

„Ja, es ist ein großer Schrecken. Ich weiß einfach nicht, warum gerade mir das passiert. So One-Night-Stands sind ja keine Seltenheit. Aber gleich beim ersten Mal schwanger!“, fängt Leonie an zu erzählen. „Das dumme an der ganzen Geschichte ist, dass ich mich in einen anderen Mann verliebt habe und ich glaube er auch in mich, aber da er sehr konservative Ansichten hat, kann ich ihm das gar nicht erklären. Darum habe ich gestern mit ihm Schluss gemacht.“, schreibt Leonie weiter.

„Und wie hat der Mann auf deine Beendigung der Beziehung reagiert?“, will ihre Chatpartnerin wissen.

„Er hat gar nichts gemacht. Zwar glaube ich, dass er auch sehr traurig ist, aber er sagte einfach, er akzeptiere meine Entscheidung, drehte sich um und verschwand!“, einsam tippt Leonie in den Computer und ihre hoffnungslose Situation wird durch das Schreiben noch deutlicher.

„Es ist bestimmt enttäuschend für dich.“, eine kurze Pause entsteht, bevor sich der Cursor weiter vor ihren Augen bewegt. „Dann hast du ja nicht nur einen Schock zu verarbeiten!“, stellt ihr Chatgegenüber fest.

„Ja es fühlt sich wie eine Niederlage an. Obwohl ich ja den ersten Schritt getätigt habe. Aber ich glaube, irgendwie hoffte ich, dass er um mich kämpft. Jetzt fühle ich mich noch mehr verlassen. Deshalb werde und muss ich diese Schwangerschaft beenden!“.

„Du bist in einer wirklich schwierigen Situation und das tut mir sehr leid. Vielleicht suchst du, bevor du eine Entscheidung triffst, noch deinen Gynäkologen auf, um zu überprüfen, ob es überhaupt eine intakte Schwangerschaft ist.“

„Aber ich habe keine Zeit mehr. Ich glaube ich bin in der achten Woche und in Österreich ist Abtreibung verboten, aber eben nur bis zur zwölften Schwangerschaftswoche straffrei und deswegen muss ich handeln!“

„Ich kann mir vorstellen, dass dir eine Abtreibung schwerfällt, denn vielen Frauen geht es gleich, da das ein sehr belastender Schritt ist. So würde ich dir raten, dir Zeit zu nehmen für diese schwere Entscheidung. Weißt du, um entscheiden zu können, ist es gut auch andere Möglichkeiten zu erwägen. Ich glaube du bist es dir selbst schuldig. Wenn du dir Zeit nimmst und genau abwägst, ist es für dich sicher leichter einen inneren Frieden finden zu können.“, rät ihr die Unbekannte.

Leonie ist einerseits geschockt von den offenen Worten ihrer Chatpartnerin, andererseits fühlt es sich gut an, so klare Ansichten zu hören. Irgendwie spürt sie, dass sie hier unterstützt wird. Als ob ihr jemand die Hand reichen würde. Sie nimmt einen Schluck ihres stärkenden Kaffees, blickt in den heller werdenden Tag und so etwas wie Hoffnung scheint mit der Sonne, die heute wieder einen heißen Tag verspricht, aufzusteigen.

„Ping“. – Ihr Computer gibt ihr ein Zeichen, dass noch eine Nachricht eingetroffen ist.

„Falls du noch mit mir chatten willst, ich heiße Heike S. und wir können noch gerne weiter quatschen. Bis dahin einen guten Tag.“, verabschiedet sich die Unbekannte.

Ein Gefühl der Hoffnung findet in ihr immer mehr Platz. Hier in diesem anonymen Raum scheint es Menschen zu geben, die zumindest versuchen, sie zu verstehen.

„Tötet den Bastard!“. Plötzlich fällt ihr der Alptraum wieder ein. Ja genau, sie kennt diese Stelle aus einem berühmten Theaterstück, das sie damals sehr betroffen gemacht hat. Im Moment fällt noch nicht der Groschen, um welches Stück es sich handelt, aber die Beklemmung ob dieser Szene ist augenblicklich wieder spürbar.

Leonie zieht die Beine an und umschlingt sie mit ihren Armen. Sie hält sich fest!

„Du bist es dir selbst schuldig.“, Dieser Teil des Satzes von Heike S. klingt in ihren Ohren nach und verleiht ihr so etwas wie Freude.

„Das alles sagte mir mein Herz, doch meistens hab’ ich’s nicht gehört. Kogong, kogong, es will durch den Beton!“, tönt es in diesem Moment aus dem Radio.

Für sich selbst einstehen. Auch ihr Herz will durch den Beton! Zärtlich durchströmt sie die Melodie. Als ob jemand sie umarmen würde, fühlt sie sich in Sonnenschein getaucht, auf einmal getragen, hoffnungsvoll und fast ein bisschen glücklich.

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