Balken

38. Kapitel

Balken. Zwei. Die ihr Leben ändern. Die sie aus der Bahn werfen. Die sie von ihrer geplanten, erhofften Zukunft trennen. Balken, die ihr Leben zerstören!

Schwanger! Auf dem kleinen weißen Stab leuchten zwei Balken grell auf. Sie springen ihr direkt ins Gesicht. Eigentlich sind es nur zwei dünne blaue Striche auf dem kleinen Fenster. Zwei dünne Striche, die sich wie schwere, dunkle Balken anfühlen.

Schwanger! Leonie, hockt auf der Toilette der Anwaltskanzlei und Tränen suchen sich den Weg ins Freie. Heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit kaufte sie einen Schwangerschaftstest und nun sitzt sie hier und kann es nicht glauben. Es war doch nur ein One-Night-Stand. Marco. Sie kennt nur seinen Namen. Mehr nicht. Was soll sie tun? Sie will das Kind nicht. Nicht jetzt. Später vielleicht? Aber nicht jetzt! Für was hat sie so lange studiert. Um Zuhause beim Kind zu versauern? Babygeschrei, Babywindeln, Babykotze. Nein danke!

Leonie verlässt die Toilette und macht sich frisch. Gerade heute Morgen wurde kurzfristig in der Kanzlei eine wichtige Besprechung einberufen, die in fünf Minuten beginnen soll. Sie kühlt sich das Gesicht, die Oberarme und den Nacken. Sie versucht die Spuren der Tränen zu beseitigen. Schminkt sich nach. Mit jedem Wimpernstrich richtet sie sich ein klein wenig mehr auf. Als sie sich die Lippen in einem schönen frischem Rot nachzieht, gelingt ihr sogar ein kleines Lächeln. Nein, sie wird sich durch dieses kleine Missgeschick nicht ihr Leben kaputtmachen.

„Unsere Partnerkanzlei in Wien hat letzte Woche angefragt, ob wir sie dabei unterstützen, das Thema Leihmutterschaft in Österreich gesprächsfähig zu machen. Leihmutterschaft ist in Österreich verboten, aber es gibt Interesse, diese Gesetzeslage verändern zu wollen und so möchten wir gerne eine Gruppe von jungen Juristen zusammenstellen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen.“, erklärt der Seniorpartner der Kanzlei. „Frau Buchsteiner, wir haben dabei an sie gedacht. Frau Buchsteiner!“, richtet er das Wort an Leonie.

Leonie schreckt auf, als sie ihren Namen hört. Sie war mit den Gedanken weit weg.

„Bitte entschuldigen sie, aber wie kann ich mir das vorstellen?“, versucht sie ihre Unaufmerksamkeit zu überdünken.

„Wir stellen aus drei Kanzleien eine Gruppe aus circa 5 bis 6 jungen Juristen und erfahrenen Politikern zusammen, die sich mit den Gesetzeslagen der Staaten, in denen Leihmutterschaft erlaubt ist, auseinandersetzen, die die österreichische Lage sondieren und die Möglichkeiten finden sollen, wie wir eine Gesetzesänderung im Parlament durchbringen könnten.“, erklärt Leonies Chef den Sachverhalt noch einmal.  „Natürlich kommen wir für alle Spesen auf, wir stellen Wohnungen zur Verfügung und wenn gut gearbeitet wird, können wir auch über eine Provision verhandeln.“

Der kleine Piepton, der ihr eine Nachricht ankündigt, schwebt leise durch ihre Wohnung. Andreas. Jeden Morgen bekommt sie den lang ersehnten, aber jetzt gefürchteten Weckruf und jeden Morgen holt sie Traurigkeit und Ratlosigkeit ein. Leonie fühlt sich matt und ausgelaugt, als ob sie einen weiten Weg hinter sich hätte. Dabei liegt die Strecke erst vor ihr.

Eine Woche ist vergangen, seit sie weiß, dass sie schwanger ist und sie ist immer noch unsicher, ob ihrer Zukunft. Heute muss sie sich entscheiden. Für oder gegen den neuen Job. Für oder gegen Andreas. Für oder gegen das Kind.

Andreas steht mit dem Rücken zu ihr vor dem Dom und wartet auf sie. Sie verharrt schon lange im Schatten einer großen Säule und beobachtet diesen geliebten Mann. Ja, sie liebt ihn. Diese Erkenntnis überrollt sie. Eine Wolke bestehend aus Wehmut, Traurigkeit und Einsamkeit schwebt über ihr und der dunkle Schatten lauert wie ein sprungbereiter Wolf, drohend hinter ihr. Sie erinnert sich an die Aufführung des berühmten Theaterstückes von Hugo von Hofmannsthal, Jedermann. Dieses Schauspiel, das vom Leben und Tod des reichen Mannes erzählt, wird während der Sommerfestspiele hier auf dem Domplatz aufgeführt. Es ist ein Favorit von ihr und es ist ergreifend. Sie meint die Rufe, die von der Burg, der Residenz und vom Dom erschallen, zu hören. Die kräftigen dunklen, lauten Männerstimmen rufen: „Jedermann!“. Doch heute meinen sie nicht den Protagonisten des Stücks. Heute gelten die Rufe ihr.

Leonie stößt sich ab und betritt den Platz, setzt ein Grinsen auf, in der Hoffnung, dass es als Lächeln durchgehen mag. Sie tippt Andreas auf die Schultern, der sich sofort schwungvoll zu ihr dreht.  Als er sie umarmen will, weicht sie aus und versucht ihm nicht in die Augen zu sehen.

 

„Hallo meine Schöne! Ich habe dich die letzten Tage vermisst, aber ich finde es gut, wenn du dich jetzt in der Anfangszeit in deine Arbeit vertiefst.“, glücklich strahlt Andreas sie an und schafft es doch, sie in den Arm zu nehmen. Leonie lehnt sich kurz an ihn und erinnert sich an den wunderbaren Moment ihres ersten Ausflugs. „Das ist der Platz, an dem ich immer sein wollte!“, durchzuckt die Erinnerung ihr Herz.

Ganz abrupt löst sie sich von ihm und blickt ihn mit ernsten Augen an.

„Ich muss mit dir reden. Vor einer Woche bekam ich ein sehr gutes Angebot von meiner Kanzlei. Ich soll für einige Monate nach Wien übersiedeln, um bei einem neuen Projekt mit zu arbeiten. Wir bekommen die Wohnung gestellt und verdienen gut. Ich mache es mir nicht leicht, aber diese Aufgabe wird höchst spannend. Es ist wirklich ein interessantes, aber auch schwieriges, juristisches Thema und es wäre für Österreichs Gesellschaft sehr von Vorteil, wenn wir Erfolg hätten. Es werden anstrengende Monate und ich werde fast Tag und Nacht arbeiten müssen. Deshalb werden wir uns nicht mehr viel sehen können. Ich weiß, ich bin jetzt unfair, aber ich will keine Fernbeziehung!“, wie aus einem Maschinengewehr fliegen die Worte Andreas entgegen und sie fühlen sich auch so an.

Bleich geworden blickt er sie an und versucht etwas zu sagen, aber die Worte finden keinen Weg. Seine Stimme versagt. So steht er stumm vor ihr und merkt, wie sein Herz sich verhärtet.

„Heißt das, es ist zu Ende, bevor es richtig angefangen hat?“, stößt er gepresst aus und blickt ungläubig in ihre Augen.

„If I would tell you, how much you mean to me
I think you wouldn’t understand it, so I wait I wait, until this day comes, when you will understand me“, der Text eines ihrer Lieblingssongs der Kellys steht plötzlich vor ihren Augen und Leonie kämpft mit ihrer Fassung: „Ja. Ich weiß, es hätte keinen Sinn. Lass es uns einfach cool nehmen. Du bist hier in Salzburg glücklich und ich möchte unbedingt Karriere machen. Ich habe so viel gelernt und im neuen Job habe ich sicher keine Zeit für eine Beziehung.  Also lass uns Freunde sein!“, wieder setzt sie ein Grinsen auf, in der Hoffnung das es ein Lächeln sei.

Andreas kennt diese Worte nur zu gut, er kennt diese Situation, er kennt die Geschichte.  Er knickt ein. Sein Vater hat so lange um seine Frau gekämpft, er hat so lange um seine Mutter gekämpft. Beide haben sie verloren. Jetzt hat er wieder verloren. Der Schmerz macht sich ganz langsam von seinem Herzen ausgehend in seinem ganzen Körper breit. Mit leiser fast nicht hörbaren Stimme beginnt er zu sprechen: „Wir könnten es trotzdem versuchen, aber ich glaube du bist dir schon sicher. Ich möchte dir nicht im Weg stehen und jeder hat nun mal die Freiheit, sich so zu entscheiden, wie er glaubt, dass es für ihn gut ist.“, enttäuscht und mit hängenden Schultern dreht sich Andreas abrupt um und verlässt den Platz.

„Oh, I cannot change it I’m sure not making it, one big hell of a fuss I cannot turn my back
I’ve got to face the fact, life without you is hazy“, Leonie sieht Andreas nach und Tränen fließen über ihr hübsches, trauriges Gesicht. Sie möchte ihm nachlaufen, ihn umarmen, ihren Kopf an seine Brust legen, um endlich zu Hause zu sein. Aber sie hat keine andere Wahl. Wenn sie sich für das Kind entscheiden würde, könnte sie ihm dieses nicht zumuten. Wenn sie sich gegen das Kind entscheidet, weiß sie, er ist für sie unerreichbar.

Zwei Balken. Ja, sie wird nach Wien gehen. Sie wird arbeiten und versuchen Karriere zu machen und sie wird dieses Kind nicht bekommen. Leonie blickt am Dom hoch, der von der untergehenden Sonne in ein goldenes Licht getaucht wird. Welch ein Kontrast. Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit nehmen sie in Besitz.

„I can´t help myself. I love you, I want you, I want to talk to you, I want to be with you“, möchte sie ihm nachschreien, doch Andreas ist aus ihrem Blickfeld verschwunden und der Schmerz, der durch ihren Körper rast, ist ihr zerspringendes Herz.

Balken. Zwei. Die ihr Leben ändern. Die sie aus der Bahn werfen. Die sie von ihrer geplanten, erhofften Zukunft trennen. Balken, die ihr Leben zerstören!

Warum? Leonie sieht noch einmal am Dom hoch und wendet sich zum Gehen. Doch noch einmal dreht sie sich um, in der Hoffnung die Zeit um 10 Minuten zurückdrehen zu können und singt mit Tränen erstickter Stimme leise und verwundet die letzte Strophe:

„Kiss me, thrill me, don’t say good bye, hug me, love me, don’t say goodbye!“,

Meine Antwort an Leonie:

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