Sehnsucht des Herzens

37. Kapitel

Anstelle des einen großen Kreuzes klumpen sich viele kleine zusammen, wirr durcheinander, stachelig wie ein Igel, wenn man sie in die Hand nimmt. Nichts Gewaltiges, eigentlich leicht zu tragen, trotz allem aber schmerzhaft, stechend.“

„Lobe den Herrn, lobe ihn meine Seele …“ Andreas versucht sich auf seinen Chor, auf seine Arbeit als Lobpreisleiter zu konzentrieren. Leonie. Immer wieder kommt ihm das gestrige Zusammensein mit Leonie in den Sinn. Immer wieder denkt er an diese hübsche junge Frau, immer wieder schieben sich ihre strahlenden und doch traurigen Augen vor sein gesamtes Gesichtsfeld. Normalerweise kann er sich, gerade wenn er seine Sänger leitet, ganz auf sein Tun einlassen. Doch heute fühlt er sich unruhig und innerlich aufgewühlt. Leonie in ihrer charmanten und trotzdem immer skeptischen, nachfragenden Art, hat tief in ihm eine Tür geöffnet.  Sie ist wirklich intelligent und es macht einfach Spaß, mit ihr zusammen zu sein. Sie kann witzig und ernst sein, sie kann lustig und traurig sein, sie kann stark sein und doch kann sie sich anlehnen, wie er gestern mit großer Freude erleben durfte. Die Diskussionen mit ihr über Werte, Menschenwürde, Glauben und Gott findet er erhellend und sie fordern ihn heraus. Durch ihre Attacken und Wiedersprüche wird ihm zugemutet, seine Gedanken zu kontrollieren und seine Argumente bestmöglich zu formulieren. Indirekt wird von ihm verlangt, seinen Glauben zu verteidigen und das bereitet ihm richtig Spaß.

Aber gestern lag etwas über ihr, ein drohender, dunkler, schwerer Schatten, der hinter, über und rund um ihr schwebte. Diesen Schatten kennt er nur zu genau und sein Herz schlägt seit gestern Alarm.  Bevor er heute zur Probe, zum Einsingen vor der heiligen Messe kam, nahm er ein kleines Büchlein, gespickt mit guten Texten, zur Hand. In diesem schmökert er oft und gerne und fand diesen Abschnitt, der ihm seit dem im Kopf kreist: „… klumpen sich viele kleine zusammen, wirr durcheinander, stachelig wie ein Igel, wenn man sie in der Hand hält!“. Auch ihm kommt es vor, als ob viele kleine Kreuze sein Leben bestimmen. Eins davon scheint Leonies Sorge zu werden. Denn, dass sie etwas betrübt, ist wahrlich ersichtlich.

„Weißt du, wann Mama wiederkommt?“, ängstlich sieht Michael zu seinem großen Bruder hoch. „Bald, du wirst sehen, zu deinem Geburtstag ist sie bestimmt wieder da.“, versucht Andreas seinen kleinen Bruder zu beschwichtigen. In Wirklichkeit weiß er selbst nicht, wie das alles weiter gehen soll. Claudia, seine Mutter, ist immer wieder für längere Zeit unterwegs und durch die vielen Streitereien mit Helmut ihrem Mann, werden die Abstände zwischen den Reisen immer kürzer und die Zeiten ihrer Abwesenheit immer länger. Mit seinen 17 Jahren versucht Andreas seinen Vater im Haushalt und bei der Betreuung von Michael so gut wie möglich zu helfen, aber beide können dem Kleinen die Mutter nicht ersetzen. Und so schwebt Abschied, Verlassenheit und Einsamkeit über dem bescheidenen Männerhaushalt.

„Mama, könntest du nicht mehr für Michael da sein? Er braucht dich doch und vermisst dich so sehr!“, traurig versucht Andreas auf seine Mutter einzureden und sie zu überzeugen.  Doch nur übers Handy ist dieser Versuch schon zum Scheitern verurteilt.

„Ach mein Schatz, ich werde am Donnerstag um 15 Uhr mit dem Flieger landen und bin um 17 Uhr bei euch zu Hause. Ich bringe einen Kuchen mit und habe für Michael schon eine dieser neuen Figuren gekauft, die er so liebt.“, flötet Claudia ins Telefon.

„Mama, Pokémons mag er schon lange nicht mehr. Er wünscht sich ein Spiel für seinen kleinen Computer. Fifa. Du musst kommen. Bitte versprich es und vor allem halte es auch!“, schreit Andreas wütend ins Handy. Diese nervenaufreibenden Situationen kennt er schon zur Genüge.

Er befürchtet, dass sie auch diesmal, auf Grund einer dringenden Sitzung, einem Notfall in der Druckerei oder anderen Problemen, nicht kommen wird. Ihm ist es eigentlich schon egal, aber wenn er seinen kleinen Bruder so traurig und verlassen sieht, bricht es ihm jedes Mal sein junges Herz.

Helmut betritt das Zimmer und sieht seinen Ältesten gebückt und mit hängenden Schultern über sein Handy gebeugt auf seinem Bett sitzen. Er hörte die letzten Worte und dieser große, durchtrainierte, so stark wirkende junge Kerl, tut ihm unsagbar leid. Er tritt an den Tisch, tippt ihm ganz leicht und sacht auf die Schultern, um ihn mit den Augen zu fragen, ob er sich neben ihn setzen darf. Andreas nickt kurz.

„Hallo, mein Großer. Ich weiß, unsere Familiensituation ist nicht leicht zu ertragen. Aber glaubst du, du kannst irgendjemand außer dich selbst ändern? Deine Mutter möchte nun mal gerne arbeiten und sie genießt es, Erfolg zu haben.  Es steht uns nicht zu, sie davon abzuhalten. Du weißt, jeder hat nun mal die Freiheit. Für uns wird es leichter, wenn wir lernen, uns für sie zu freuen.“, versucht Helmut seinen Sohn zu beruhigen. „Wir können das Ding ja ganz gut schaukeln und du musst zugeben, wir sind ein ganz brauchbares Team.“, aufmunternd klopft Helmut seinem Sohn auf die muskulösen Schultern.

„Aber Papa, für mich ist das ja kein Problem, aber Michael?“

„Ja, es ist oft schwierig zu verstehen und auch zu akzeptieren, wenn geliebte Menschen, aufgrund des Verhaltens eines anderen zu leiden haben. Trotzdem kannst du daran nichts ändern. Außer für Michael da zu sein und ihm deine Liebe zu schenken. Nicht mehr und nicht weniger.  Glaub mir, mit Gottes Hilfe werden diese Verwundungen zu Erfahrungen.“, versucht Helmut seinen Sohn beizustehen und blickt ihn mit aufrichtigen und liebenden Lächeln an. „Du weißt dem Stolpernden streckt sich die Hand entgegen!“.

Verlassenheit!

Dieses Gefühl, hat er gestern bei Leonie wahrgenommen. Ist diese Stimmung von Leonie alleine ausgegangen oder wird er an seine eigene Geschichte erinnert. Fürchtet er immer noch, dieselben Verwundung wieder zu erleiden und den Schmerz fühlen zu müssen. Fürchtet er wieder verletzt zu werden. Er versucht sich wirklich mit seiner Geschichte auseinander zu setzen, aber dieses Gefühl des verlassen werdens, steckt noch tief in ihm.  Andreas glaubt zu wissen, warum diese Emotion oft so weh tut.  Sie erinnert ihn einfach daran, dass seine große oft fast unstillbare Sehnsucht nach Liebe tief in seinem Herzen verankert ist. Geliebt zu werden und auch lieben zu dürfen. Er glaubt, dass er damit nicht alleine ist und es vielen Menschen so ergeht. Diese schwere, dunkle Traurigkeit, die von Leonie gestern auszugehen schien, hat etwas in ihm ausgelöst.

Andreas taucht aus seinen Gedanken auf. Er nimmt sich zusammen und konzentriert sich auf den Chor. Sich kurz durchschüttelnd, legt er alle Bedenken zur Seite und jetzt gelingt es ihm, sich ganz auf die Musik und auf die Stimmen einzulassen. Der Lobpreis hilft ihm immer wieder ins Vertrauen, in die Hoffnung und auch in die Liebe zu kommen. Alle Chormitglieder, Mädchen wie Buben verlassen sich auf ihn und lassen sich durch ihn führen.

Ja dem Stolpernden streckt sich die Hand entgegen. Er wird Leonie die Hand reichen und ihr zur Seite stehen. Er wird sie auffangen, wenn sie fällt. Während die Stimmen zum Schlussgesang anheben, durchströmt ihn eine Welle der Liebe und er sieht sie, vor sich stehen. Ihm ihren entzückenden Kopf zugewandt, ihr Gesicht ihm vollkommen entgegenstreckend, einen Kuss erwartend.

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