Dimensionen der Sexualität

36. Kapitel

Welch schöner Tag! Leonie, auf dem Weg zu ihrer Großmutter, genießt die unabhängige, zügige Fahrt mit ihrem Drahtesel durch die wunderbare Landschaft. Der Wind weht ihr mit einer leichten Brise entgegen und gibt ihr wieder einmal das Gefühl, fliegen zu können. Gertrude hat sie heute Morgen kurzfristig auf ein Frühstück eingeladen und es ist für sie eine willkommene Ablenkung in ihrer verzwickten Situation. Ihr Gedankenkarussell dreht sich immer fort und sie hofft mit diesem Ausflug ins Freie ihre Grübelei stoppen oder zumindest für eine gewisse Zeit verschieben zu können. Der gestrige Nachmittag und Abend mit Andreas war, trotz ihrer Traurigkeit und Verzweiflung, einfach nur schön. Sie schauten sich nur Titanic an, denn einmal mit dem Reden begonnen, konnten sie ihren Gedankenaustausch fast nicht mehr abbrechen. Zwischendurch holte Andreas Sushi vom nahe gelegenen Restaurant und die beiden genossen die Köstlichkeiten und unterhielten sich bis spät in die Nacht.

Wieder erzählte er von seinem Alltag, von seinem Projekt reine Herzen und vor allem schwärmte er von dem letzten großen Treffen der Loretto Gemeinschaft von einigen Tausend Jugendlichen im Salzburger Dom. Dieses wegweisende Wochenende findet jedes Jahr zum Pfingstfest statt und bringt junge Menschen näher zu Gott. Während er ganz begeistert erzählte, von seinem Glauben schwärmte, die Lieder nachsummte, merkte Leonie wie sehr er den Glauben, die Menschen und die gemeinsame Zeit mit ihnen liebte. So viel Freude, Begeisterung und Einsatz für eine ehrenamtliche Tätigkeit kann man nur aufbringen, wenn man diese, voller Überzeugung und aus Liebe verrichtet. Einige Male stach es Leonie ins Herz, denn immer wieder kamen ihre Bedenken hoch: „Ich kann und werde ihm nie ein Kind eines anderen zumuten!“.

Da es heute Sonntag ist, ist es ihr nicht möglich einen Schwangerschaftstest zu kaufen und so muss sie die Ungewissheit noch einige Stunden aushalten. Am Morgen weckte sie die schon altbekannte und vertraute Übelkeit. Doch jetzt freut sie sich auf Gertrude und auf Andrea, die sie kurzerhand eingeladen hat, auch zum Frühstück zu kommen. Sie weiß, ihre Großmutter freut sich über Andrea genauso, wie über sie. Als Andrea nach ihrer Abtreibung schwere Zeiten erlebte, nahm Gertrude sie, wie ihre eigene Enkelin, an.

Ach, wie sehr liebte sie dieses kleine Haus. Als sie eintritt, sitzt Andrea schon im Garten und quatscht mit Omi. Leonie beobachtet ihre Freundin, die sich nicht nur sehr klug ausdrücken kann, nein sie unterstreicht das Gesagte immer mit ihrem ganzen Körper. Da kommen ihre italienischen Wurzeln mütterlicherseits immer wieder zu Tage. Leonie genießt es im Hintergrund stehend, beobachtend, wie sie mit beschwingtem Elan, Omi in ihren Bann zieht.

Gertrude blickt auf und entdeckt ihre Enkelin. „Hallo meine Süße. Du kommst gerade rechtzeitig. Stell dir vor, Andrea will doch Medizin studieren! Welch schöne Nachricht.“. Nach dem Tod ihres Freundes und der Abtreibung des gemeinsamen Kindes, brach Andrea alles ab, was sie mit dem alten Leben verband. Schule, Familie und auch ihre damaligen Zukunftspläne. Statt zu studieren, machte sie die Ausbildung zur Krankenschwester.

„Was? Du willst Medizin studieren? Ich dachte du bist mit deinem Beruf glücklich?“, erstaunt blickt Leonie Andrea an.

„Bin ich auch. Aber ehrlich, ich glaube als Mediziner, als anerkannter Ärztin hätte ich bessere Möglichkeiten, Frauen von einer Abtreibung abzuraten.“, antwortet Andrea mit einem leichten Lächeln auf ihren Lippen, um dann aber gleich ernst zu werden. „Ich bin davon überzeugt, wir sollten die Menschen, Frauen und Männer besser aufklären. Gerade was die freie Sexualität betrifft. Wenn jeder nur mit dem ins Bett gehen würde, mit dem er sich ein Kind vorstellen könnte, dann würde es so gut wie keine Tötungen von unschuldigen Kindern geben. Liege ich da richtig, liebe Gertrude?“, richtet Andrea die Frage an die alte Dame.

Die Farbe in Gertrudes Gesicht wechselt von leicht rosa in dunkelrot und sie fühlt sich ob der Frage nicht wohl. Sie denkt angestrengt nach, was man in ihren Gesichtszügen buchstäblich ablesen kann. Andrea und Leonie prusten gleichzeitig los. Da muss auch die Großmutter lächeln. „Ja du hast wahrscheinlich recht. Wenn ich damals nicht nur nach der Befriedigung meiner Lust gegangen wäre, sondern auch auf andere Aspekte geachtet hätte, hätte ich mir viel Leid erspart.“, antwortet sie langsam und mit Bedacht.

Wie ein Messerstich fühlt sich dieser Satz in Leonies Herzensgegend an. Sie zuckt unmerklich zusammen. Gertrudes Augen treffen sich mit denen von Leonies. Ihre Großmutter merkt sofort, dass sie sie mit dieser Aussage getroffen hat und sie spürt auch den Schmerz ihrer Enkeltochter. Nur Andrea bekommt von allem nichts mit.

Trotzdem fährt sie fort: „Ich wusste damals nicht, dass es beim Sex um viel mehr geht. Uns wurde weißgemacht, dass wir alle durch ungebundene, beziehungsfrei gelebte Sexualität frei und glücklich werden würden. Mittlerweilen weiß ich, es geht um viel mehr, als nur um die körperliche Vereinigung! Erst durch meinen Mann lernte ich, was Nähe, Zärtlichkeit, Achtsamkeit, Geduld und Hingabe bedeutet. Erst in der wahren, hingebenden Liebe ist Sexualität wie ein Hineinschauen in den Himmel!“, mit einem fast überirdisch abgehobenen Lächeln, strahlt Gertrude die beiden staunenden Mädchen an.

„Also Omi, das will ich jetzt aber nicht wirklich hören. Du sprichst ja schon fast wie Mama. Aber Andrea sag das noch einmal. Du meinst, man sollte wirklich nur mit demjenigen schlafen, mit dem man sich ein Kind vorstellen kann. Das würde ja heißen, ich kann mit niemanden mehr ins Bett gehen. Denn bis ich mir mit einem Mann eine Familie vorstellen kann, vergeht bestimmt eine lange Zeit und für die habe weder ich noch die meisten von uns Gleichaltrigen die nötige Geduld. Wir leben in einer Gesellschaft, die es als Privileg betrachtet, alles was man will, bekommen zu können und das natürlich sofort! Diese Ideen oder diese Gedanken kannst du dir echt einrexen!“, ein wenig aufgebracht teilt Leonie ihrer Freundin ihre Ansicht mit.

Andrea, überrascht von Leonies plötzlichem Aufruhr blickt ihre Freundin ungläubig an. „Eben, und deshalb möchte ich viel über Sexualität lernen. Ich will wissen, wie sie sich auf unser Gefühlsleben, auf unseren Körper, auf unsere Beziehungen, wie sich das verschiedene Verhalten auf unser physisches und auch psychisches Befinden auswirkt. Durch die neuen Zugänge, vor allem in der Hirnforschung, wird sich das Wissen über unsere Sexualität in den kommenden Jahren revolutionieren. Da möchte ich irgendwie dabei sein, denn wenn wir alle mehr Bescheid wissen, dann werden wir achtsamer mit unserem Körper umgehen und damit auch ungeplante Schwangerschaften von vornherein mehr ausschließen können.“

„Und du glaubst Medizin ist da der richtige Zugang?“, will Gertrude wissen.

„Leonie kannst du dich erinnern, wir haben vor kurzem darüber gesprochen, wie wichtig für jeden Menschen Selbstannahme ist. Nach diesem Abend habe ich mir viele Gedanken über mich und über meine Zukunft gemacht. Ich las auch ein wunderbares Gebet, in dem Jesus gedankt wird, dass er aus Verwundungen Erfahrungen gemacht hat. Ja, wenn ich mich selbst annehmen soll, dann ist meine Abtreibung eine Verwundung, die sich aber in eine Erfahrung ändern soll und aus der ich auch einen Nutzen ziehen soll. Mein größtes Anliegen wäre, Menschen mit fundiertem Wissen erklären zu können, dass Sexualität etwas ganz Besonderes ist, dass wir nicht einfach mit jedem ins Bett gehen sollten und das Abtreibung der falsche Weg ist. Da ich noch jung, ungebunden und wirklich bereit bin, glaube ich, kann ich so ein Studium schaffen. Oder was sagt ihr dazu. Zu hohe Ziele?“ die Reaktion abwartend, mustert Andrea die beiden Anwesenden.

Leonie lächelt gequält und Röte schießt ihr ins Gesicht. Sie sieht auf und ihr Blick trifft den ihrer Oma. Sorge spricht aus den Augen ihrer Großmutter. „Sie weiß es!“, dieser Gedankenblitz durchfährt ihren Kopf. Sie fühlt sich ertappt! Tränen steigen hoch. Leonie steht auf und verschwindet im Bad.  Erst vor kurzem stand sie vor diesem Spiegel und hat sich vor sich selbst geekelt.

Vielleicht hat Andrea doch damit Recht, nur mit demjenigen ins Bett zu gehen, mit dem man sich ein Kind vorstellen kann. Aber wer weiß das schon. Niemand! Viele glauben, dass es beim Sex nur um die eigene Lust geht. Leonie wäscht sich ihr Gesicht mit eiskaltem Wasser und kühlt sich auch die Arme. Vielleicht geht es in der Sexualität wirklich um viel mehr. Es kommen plötzlich Bilder ihres One-Night-Stands in ihr hoch. Marco. Ekel und Scham machen sich in ihr breit. Ja sie spürt es in sich, Sexualität braucht mehr. Mehr Nähe, mehr Vertrauen, mehr Wissen, mehr Liebe.

„Was soll ich nur tun, wenn dieses Ereignis Folgen hat?“, seufzt sie, richtet sich auf und setzt ein Lächeln, das aber mehr ein Grinsen ist,  auf ihr Gesicht.

„The show must go on!“

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