Vater - Wert

35. Kapitel

„Peter? Nein, der Junge bleibt bei mir. Ich brauche ihn!“, zornige Funken blitzen aus Hertas Augen. „Du kannst den Jungen sicher nicht mitnehmen. Er muss mir helfen. Ich bin krank und wer soll mir dann zur Seite stehen, wenn du nie da bist?“, faucht sie ihren Mann an. „Aber es ist doch für den Jungen wichtig auch Zeit mit mir als seinen Vater zu verbringen. Er ist jetzt 14 Jahre alt und da wäre es an der Zeit erwachsen zu werden. Wenn wir gemeinsam einige Tage im Wald verbringen und er mir beim Arbeiten hilft, könnte ich ihm viel zeigen, ihm viel lehren und wir würden uns besser kennenlernen. Er soll doch ein Mann werden!“, leise und auch resigniert, spricht Xaver seine Gedanken aus, wissend das er keine Chance hat. Gegen eine Krankheit ist man machtlos. Er dreht sich um und verlässt gebeugt und mit hängenden Schultern den Raum.

Der Junge, beobachtend, in der Tür stehend, merkt nicht wie seine Tränen über sein Gesicht laufen, während sein Vater geknickt das Haus verlässt.

Peter schreckt durch ein verhaltenes Knarren auf.

Die Tür öffnet sich leise. Ingeborg versucht ganz bedacht und vorsichtig durch die knarrende, schon ältere Haustür zu schlüpfen. Sie will Peter auf keinen Fall wecken. Es ist spät geworden, aber Lillys Geburtstagsvorfeier wurde unerwartet, aber umso schöner, zu einem großen Ereignis für Ingeborg und Gertrud. Es war ein großer Schritt, ein guter Schritt der Versöhnung in ihrer gemeinsamen, von Schmerzen, Enttäuschungen und Verletzungen geprägten Beziehung. Sie hat sich über die Ehrlichkeit der Entschuldigung so sehr gefreut und augenblicklich Erleichterung in ihrem Herzen gespürt. Immer noch klingen die Worte nach: „Meine geliebte Tochter, es tut mir so, so leid und wenn ich es irgendwie ändern könnte, ich würde alles dafür tun.”

Ingeborg schleicht ins Wohnzimmer und wird von einem kleinen Lichtschein überrascht. Peter sitzt halb liegend in seinem geliebten Ohrensessel, über eine Zeitung gebeugt und scheint in den Schlaf der Unschuldigen versunken zu sein. Ganz behutsam kniet sich Ingeborg an seine rechte Seite und will ihm einen leichten Kuss auf seine Wange geben, dabei merkt sie, dass er gar nicht schläft. Ganz langsam dreht er seinen Kopf und lächelt seine Frau mit traurigem Blick an. „Hallo meine Schöne, ich wollte auf dich warten und muss darüber eingenickt sein. Du strahlst ja wie ein Honigkuchenpferd. Hattet ihr einen wunderbaren Nachmittag, beziehungsweise Abend?“, um Bestätigung zu bekommen, schaut Peter auf seine Armbanduhr, die ihm die schon späte Uhrzeit zeigt.

„Ja, stell dir vor, Mama hat sich heute unter Tränen bei mir entschuldigt und es fühlt sich so gut an. Ich spüre eine Gelassenheit und einen Frieden in mir, der mich ganz leicht meine Schritte finden lässt!“, strahlend und mit leichtem Schwung setzt sich Ingeborg auf den Schoß ihres Mannes.

Peter legt seinen Arm um ihre zarten Schultern und zieht sie zu sich. „Das freut mich für euch und ganz speziell für dich, mein Schatz. Als ich heute in der Bibel gelesen habe, kam mir ein wirklich wichtiger Satz unter. Petrus sagte: Wir sollten dem Frieden nachjagen. Nicht den Frieden nur suchen, sondern ihm richtiggehend nachjagen! Das ist wirklich ein starkes, schönes Bild!“, lächelnd blickt er in die Augen seiner geliebten Frau und bekräftigt das Gesagte mit einem zärtlichen Kuss.

Ingeborg schmiegt sich an ihn und genießt die Stille im dunklen, nur von einem Lichtstrahl durchdrungenen Raum. Doch irgendwie fühlt sie Traurigkeit. Da kommt ihr plötzlich Leonie in den Blick und sie spürt das ungute Gefühl wieder, das sie den ganzen Nachmittag über beschlich, wenn sie ihre Jüngste still und verstohlen betrachtete.

Sie richtet sich auf, blickt Peter ernst an und beginnt, ihm ihre Sorgen mitzuteilen: „Leonie hat mir heute gar nicht gefallen. Du weißt vor einiger Zeit bestätigte sie mir, dass sie verliebt sei und ich habe mich so darüber gefreut. Heute lag aber ein dunkler Schatten über ihr und sie war gereizt, unruhig und ich glaube richtig unglücklich.“

„Ach, da kommt ja wieder das Muttertier zu Tage. Ich glaube du übertreibst wieder einmal“, versucht Peter seine Frau zu beruhigen, doch in dem Moment kommen die Bilder seiner Mutter ihn ihm hoch und er stockt mitten im Satz.

Ingeborg merkt es nicht und fährt fort: „Du hast mir vor nicht all zu langer Zeit versprochen mit den Mädchen zu reden. Sie auch auf unseren Glauben hinzuweisen oder besser gesagt mit ihnen über unsere Werte zu diskutieren. Aber bis jetzt ist nichts passiert!“, aufgebracht und beleidigt steht Ingeborg auf und durchquert den Raum, um die große Deckenlampe einzuschalten.

Jeder noch so kleine Funke an Intimität und Romantik ist mit einem Schlag verschwunden. Peter kneift die Augen, ob der überraschenden Helligkeit, zusammen.

„Aber meine Liebe, ich kann doch die Mädchen nicht einfach besuchen, um sie über Werte, Weltansichten oder Verhaltensregeln zu belehren. Wir wissen hier geht es nicht um Höflichkeit, Nettigkeit oder Fleiß, sondern um unsere Grundwerte, die mit unserem Menschenbild zu tun haben. Ja, du hast Recht, es geht um die Würde des Menschen, wie wir diese schützen zu haben und ja, Leonie hätte da sicher noch einen Lernbedarf, aber ich kann nicht meine erwachsenen Mädchen damit überfallen, dass sie diese einhalten sollen. Das muss dann schon passen. Lilly wird Mutter ihres vierten Kindes und Leonie ist sowieso auf ihre Selbstbestimmung bedacht, da wäre so ein Verhalten und Belehren echt unproduktiv und sogar konträr. Ich glaube es geht immer wieder am besten, indem wir es einfach vorleben. In diesem Artikel wurde ich wieder darin bestärkt, dass Väter enorm wichtig sind und dass es für unsere Gesellschaft ein großer Gewinn wäre, wenn sich Männer mehr in der Rolle des Vaters wiederfinden würden. Aber das braucht nun mal Zeit. Zeit, die man aktiv seinen Kindern schenkt, mit ihnen etwas unternimmt, mit ihnen diskutiert und einfach mit ihnen lebt. Die geknickte Gestalt seines Vaters steht plötzlich vor ihm und er realisiert erst in diesem Augenblick, Xaver hätte es versucht. Peter nimmt einen tiefen Atemzug, streckt sich durch, steht auf und folgt seiner Frau durch den Raum.

„Durch meine viele Arbeit und die finanziellen Probleme kam ich oft müde und ausgelaugt nach Hause und ja, ich hatte nicht viel Zeit für die beiden. Das, meine Liebe, bereue ich genauso wie du.“, immer noch in der Verletzung vom Traum gefangen, umarmt er seine Frau und hält sie fest.

„Jetzt ist die ganze Sache schon schwieriger und da muss ich auf den geeigneten Moment warten. Weißt du, wenn ich damals schon gewusst hätte, wie notwendig Väter für die Familien und wie wertvoll sie für das Gelingen eines gemeinsamen Lebens sind, hätte ich viel mehr Augenmerk auf dieses Thema gelegt.“, resümiert er über seine eigene Geschichte und seine Ansichten.

Peter hebt die Zeitung auf und zeigt sie Ingeborg. „Es ist wieder einmal skurril. Du kommst nach Hause und strahlst, weil du und deine Mutter wieder einen Schritt zueinander gefunden habt und ich, ich dachte gerade heute über meinen Vater und meine Beziehung zu ihm nach. Wir hatten so wenig gemeinsam und durch die Krankheit seiner Frau, bekam er nicht die Möglichkeit, mit mir Zeit zu verbringen oder sich für mich einzusetzen. Wir waren nicht verbunden, wir hatten kein Miteinander. Und dann lese ich in diesem Artikel, wie wichtig die gemeinsame Grundlage für das Lernen wäre. Nicht nur für den Lernenden, nein auch für den Lehrenden. Ein wunderbares Zitat der Schriftstellerin Gertrud von le Fort, das ich mir echt merken muss: „…dass Denken nicht wie Wissen von außen her gelehrt, sondern von innen her erweckt wird! Ja ich möchte auch bei meinen Mädels ein Denken erwecken, das sie in ihrem Leben weiterbringt und ihnen die Möglichkeit gibt, glücklich werden zu können!“, ernst geworden lässt Peter Ingeborg los und geht an den Tisch, wo er schon eine Weinflasche und zwei Gläser bereitet hat. Er öffnet sie und gießt für jeden einen köstlichen Schluck des Rotweins ein.

„Ich glaube, ein kleiner Gute Nacht-Trunk tut uns noch gut.“, mit einem verschmitzten Lächeln reicht er Ingeborg ein Glas, das sie gerne nimmt und ihm zuprostet. „Ich weiß ja, dass du um unsere Mädchen bemüht bist und sie über alles liebst. Aber ich habe nun mal ein ungutes Gefühl bei meinem kleinen Mädchen und ich bin über deine Hilfe dankbar. Gerade Leonie und du habt eine ganz andere, einfachere, unkompliziertere Beziehung, als ich es je mit ihr hatte. Sie war schon immer mehr dein, als mein Mädchen.“, fast ein bisschen traurig blickt Ingeborg in die Augen ihres geliebten Mannes.

„Ich möchte Leonie sowieso gerne treffen, da sie mir für die Firma in einer juristischen Frage vielleicht helfen kann. Vielleicht kommen wir auch auf andere Themen zu sprechen.“, prostet auch Peter seiner Frau zu.

„Es wäre schön, wenn es uns gelingt unsere Mädchen in Liebe, zur Liebe erziehen zu können!“, lächelt er seiner Frau zu und plötzlich breitet sich Frieden, von seinem Herzen ausgehend, im ganzen Raum aus.

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