Leben - Nimm dir die Zeit!

34. Kapitel

Schon wieder! Entsetzt wacht Leonie auf! Bitte nicht schon wieder. Seit Tagen wird sie mit dieser Übelkeit munter und es kommt ihr vor, als ob dieses Unwohlsein von Tag zu Tag heftiger wird. Panik steigt in ihr auf. „Ich kann doch nicht schwanger sein. Bitte nicht jetzt. Endlich lerne ich einen Mann kennen, ich lerne ihn sogar lieben und würde von einem anderen ein Kind erwarten. Nach einem One-Night-Stand. Das geht nicht!“. Ihre Gedanken werden von einem starken Brechreiz unterbrochen! Sie springt wieder einmal auf und sprintet wie jeden Morgen in ihr kleines Bad. Verzweifelt kniet sie vor ihrer Toilette und übergibt sich immer wieder! Heute scheint es gar nicht mehr aufzuhören. Tränen laufen ihr über ihr bleiches, schweißnasses Gesicht. „Bitte nicht!“, nur mehr diese Gedankenfetzen durchschweben ihren Kopf. Als der Spuck vorbei zu sein scheint, schleppt sie sich ermattet zurück in ihr Bett, deckt sich langsam zu und lässt ihrer Traurigkeit freien Lauf. Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Zorn übernehmen die Führung.  Sie kann und wird dieses Kind nicht bekommen. Nie und nimmer!

So schnell wie gekommen, hört diese Unangenehmheit wieder auf. Erschöpft schläft Leonie ein und Leo ihr treuer Kater schmiegt sich an sie.

Erschrocken wacht sie, kurz vor Mittag, auf. Sie blickt auf ihren Wecker und fährt hoch. Vor einer Stunde hätte sie sich mit Andreas treffen sollen. Sofort nimmt sie ihr Handy zur Hand, stockt aber. „Was soll ich sagen, wie entschuldigen? Soll ich jetzt schon mit Lügen beginnen?“, ratlos nimmt sie Leo in den Arm und blickt ihm direkt in die großen, runden Katzenaugen. „Guter Freund, was soll ich nur tun?“. Sie nimmt das Handy und wählt die Nummer. Andreas meldet sich sofort. „Hallo, bitte entschuldige.  In der letzten Nacht ging es mir schlecht, aber ich konnte am Morgen noch einmal einschlafen und jetzt habe ich glatt verschlafen.“, Leonie schnauft durch, „Ich glaube ich möchte heute im Bett bleiben, mir geht es zwar schon besser, aber ich fühle mich noch ganz schlapp!“, traurig, aber ehrlich erklärt sie ihm ihren Zustand.

„Oh, das tut mir leid, ich habe mich so auf dich gefreut. Aber natürlich, erhole dich und wir sehen uns in ein paar Tagen“, kurz angebunden, eher emotionslos beendet Andreas das Gespräch und legt auf.

Enttäuscht betrachtet Leonie das schwarze Display. Tränen steigen wieder auf und sie fühlt sich einsam und verlassen. Plötzlich trommelt es durch ihre Wohnung. Andrea! Sofort nimmt Leonie ab, froh ihre geliebte Freundin zu hören.

„Hallo, wie geht es dir, wann sehen wir uns wieder einmal?“, fragt Andrea beschwingt und bringt gleich Farbe in die kleine Wohnung.

„Jederzeit! Ich mache heute blau! Wenn du Zeit hast, kannst du immer vorbeikommen!“, freut sich Leonie über die unerwartete Wendung.

„Ja, das ist eine Ansage, ich komme in einer halben Stunde und bringe Semmeln mit. Dann können wir wieder einmal richtig quatschen!“, flötet Andrea ins Telefon und legt sogleich auf.

Leonie freut sich auf ihre Freundin und kuschelt sich noch einmal ins Bett. Sie ist noch wirklich matt.

Als es läutet, steht sie kurz auf, drückt auf den Türöffnungs-Knopf für den Eingang und öffnet auch die Wohnungstür, um nicht noch einmal aufstehen zu müssen.

Sie hört wie die Tür aufgeht und sich leise schließt.  Andreas. Er steht grinsend, bepackt mit Allerlei vor ihr. Verdattert blickt sie hoch und zieht sich die Decke bis zu den Ohren. Sie sieht furchtbar aus, hat den pinken Overall, ihr Lieblingskuschelteil, an, ist nicht geschminkt und total zerzaust. Röte schießt ihr ins Gesicht.

„Also ich konnte unser Date heute unmöglich sausen lassen! So dachte ich mir, ich bringe dir Suppe zur Genesung, drei wunderbare Filme zur Unterhaltung und mich für deine Seele mit. So wird es dir bald wieder besser gehen.“, erklärt lachend Andreas und zeigt seine Schätze, darunter ihr absoluter Lieblingsfilm – Titanic.

In dem Moment erscheint auch Andrea in dem kleinen, gemütlichen Zimmer. Sie überblickt die Situation und durch ihre kluge weibliche Intuition, weiß sie sofort, was Sache ist. Andrea lächelt Leonie zu, die noch immer hinter ihrer Decke halb versteckt hervorlugt, hebt die Hand und winkt zum Abschied.

„Schau meine Liebe, ich habe dir einige Semmeln gebracht, erhol dich gut, ich muss leider schon wieder los“, lacht sie und verschwindet so schnell, wie sie gekommen ist.

Andreas blickt sich um, geht mit einer Selbstverständlichkeit in den kleinen Wohnraum, in dem die kleine Küchenzeile montiert ist und beginnt die Suppe aufzuwärmen.

Leonie noch immer ganz perplex, hüpft ins Bad, wäscht, kämmt und schminkt sich ein bisschen, um im doch etwas schöneren Jogger wieder auf zu tauchen. Ganz verstohlen schlüpft sie zurück ins Bett. Andreas serviert einen Teller wohlriechender Hühnersuppe. Erst jetzt bemerkt sie, wie hungrig sie ist. Sie nimmt den Löffel und kostet ganz langsam die heiße Köstlichkeit. Wunderbar.

Ihr kommt es vor, als ob die Kraft mit jedem Löffel zurückkommt. In der Suppe schwimmen kleine Karotten-, Sellerie-, und Hühnerfleischstückchen und garniert mit Petersilie scheint es, als bringe diese Energiebombe wieder Freude zurück. Sie isst den ganzen Teller auf und strahlt Andreas an.

„So welchen Film willst du sehen?“, zeigend hebt er die drei Filme hoch und legt sie auf ihr Bett. Leonie kann sich nicht entscheiden und so schlägt er vor, doch alle anzusehen.

„Beginnen wir mit diesem wunderschönen Film, Die Hütte – ein Wochenende mit Gott, dann Titanic und zum Schluss einen Actionfilm, Superman!“, lacht er, legt sich mit Schwung neben Leonie und nimmt ihr den Teller ab. Kurz schmiegt sie sich an ihn. „Jetzt nicht nachdenken!“, versucht sie ihre Gedanken zu stoppen, gibt ihm die Fernbedienung und weist auf den kleinen Fernseher hin.

Der Film Die Hütte handelt von einem Mann, der ein furchtbares Schicksal erlebt.  Seine kleine Tochter wird ermordet. Daraufhin begegnet er Gott in einer Hütte, liest Leonie die Inhaltsangabe auf der Rückseite des Covers.  Am Beginn des Films schmiegt sich Leonie genüsslich an die Schulter von Andreas und versucht sich in den Film fallen zu lassen. Aber es ist nicht möglich. Es gelingt nicht.  Irgendwie kommt ihr vor, als ob sie selbst angesprochen wäre, obwohl die Geschichte rein gar nichts mit ihr zu tun hat.

Nach einiger Zeit, als der Mann erfährt, dass seine kleine Tochter tot ist, drückt Leonie ganz plötzlich und aufgebracht auf die Stopptaste. Zornig und außer sich, fährt sie Andreas an.  „Wie kann ein Mann, dem die Tochter umgebracht wurde überhaupt damit umgehen. Ich will das nicht sehen! Ich könnte das nie verzeihen, geschweige denn vergessen!“.

Von Leonies unerwartetem Ausbruch irritiert, legt Andreas seinen Arm um ihre Schultern und nimmt ihr die Fernsteuerung aus der Hand. „Lass uns den Film doch einfach fertig ansehen? Dann können wir ja darüber reden, oder?“, blickt er sie mit festem Gesichtsausdruck an.

„Nein, so viel Blödsinn ertrage ich jetzt gerade nicht! Oder willst du mich bekehren?“, aufmüpfig blickt sie ihn an. „Glaubst du etwa, dass es das Böse gibt? So ein Schwachsinn! Wir wissen doch alle, dass die Kirche uns mit diesen Sichtweisen zu unterdrücken versucht.“, wettert Leonie vor sich hin. Sie steht auf und starrt Andreas wütend an.

„In diesem Film gibt es eine sehr gute Stelle, in der die Weisheit dem Mann, auf seine Frage, warum Gott es zugelassen hat, dass sein Mädchen umgebracht wurde, antwortet: „Solange es im Universum den freien Willen gibt, wird sich das Böse seinen Weg suchen. Und ja, ich glaube, es gibt den Bösen und es gibt auch das Böse.  Er verführt uns Menschen und versucht uns in schlimme Situationen zu bringen. Aber es liegt an uns, dem Großen, dem Besten und dem Schönsten keine Grenzen zu setzen und uns gleichzeitig auf das Kleine zu konzentrieren, auf die tägliche Hingabe, so sagte zumindest vor kurzem Papst Franziskus!“, versucht Andreas die Kurve zu bekommen.

Da wird Leonie ihr Schmerz vom Morgen bewusst. Sie sollte nach dem Schönsten streben. Sie knickt ein. Tränen überrumpeln sie und sie fängt an bitterlich zu weinen.

Sie lässt sich in die großen, kuscheligen Polster fallen und vergräbt ihr Gesicht in das Fell von Leo. Dem Kater passt das aber gar nicht und er flüchtet fauchend aus dem Bett. Verzweifelt drückt sie ihren Kopf in die Kissen. Andreas hebt sie hoch und nimmt sie in den Arm.

„Ich möcht so gern landen, möcht in deiner Nähe bleiben!“, das Lied von Maria Bill kommt ihr in den Sinn. Ach, wie gerne würde sie endlich landen. Sie will doch auch nur dem Großen, Besten und Schönsten keine Grenzen setzen.

Da hört sie die Anfangsmelodie des Films Titanic. Während die wohlbekannte, wunderbare Melodie durch den Raum schwebt, hebt Andreas ihr Gesicht in seine Höhe, blickt ihr tief in die Augen und beginnt ganz sanft zu flüstern: „Komm meine Schöne, nehmen wir uns Zeit. Streben wir nach dem Besten!“ leidenschaftlich unterstreicht er das Gesagte mit einem langen und doch zärtlichen Kuss.

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