Neuer Feminismus

33. Kapitel

„Omi, deine Ribiselschnitten sind wieder einmal hervorragend!“ lobt Lilly ihre Großmutter während sie sich noch ein großes Stück genehmigt. Sichtlich genießt sie diese süße Köstlichkeit.

„Du weißt aber schon, dass du in deinem Zustand nicht über die Stränge schlagen sollst und auch ein bisschen darauf achtgibst, was und vor allem wie viel du in deinen Körper stopfst!“, lacht Leonie, die sich auch schon die zweite Schnitte auf ihren Teller lädt.

„Was glaubt ihr, ist der Vorteil meiner vierten Schwangerschaft? Ich nehme alles nicht mehr so genau. Ich habe schon Erfahrungen. Ich sage euch, ich genieße diese neue tiefe Gelassenheit wirklich sehr. Ich erfahre gerade diese neue Fähigkeit, über die ich mich jeden Tag noch mehr freue. Es ist ein wunderbares Geschenk!”,  lacht Lilly und genießt den nächsten Bissen, den sie sogar noch mit etwas cremigen Schlagobers aufpeppt.

„Was meinst du damit, du bekommst Gelassenheit geschenkt. Vom wem? Muss man sich um diese nicht bemühen oder sie erarbeiten?“, fragt Leonie, jetzt neugierig geworden, nach.

„Ja, das dachte ich auch immer, aber vielleicht ist es mit vielen Fähigkeiten, wie Erkenntnis, Gelassenheit, Hoffnung oder auch mit Neidlosigkeit so, dass wir sie uns im Endeffekt nicht erarbeiten können, sondern wir diese einfach geschenkt bekommen. Oder sehe ich das falsch? Omi, Mama, was haltet ihr von meiner These?“, ernstgeworden, richtet Lilly ihre Frage an die anwesenden Frauen.

Ingeborg, aus der Küche kommend, frische Cappuccinos bringend, bleibt stehen, betrachtet den wunderschönen Garten und entdeckt eine gelbe Blume, die frech ihren Kopf in die grüne Wiese streckt. Einen Löwenzahn. „Schaut euch einmal dieses großartige Gewächs an. Die meisten glauben es ist Unkraut, aber genau betrachtet ist sie wunderschön. Wir bekommen sie geschenkt und ja, ich glaube du hast recht, wir empfangen diese Fähigkeiten, diese Haltungen, wenn wir dafür bereit sind, geschenkt. Man kann es auch Gnade Gottes nennen.“

„Nein, das glaube ich wiederum nicht!“ beteiligt sich auch Gertrude am Gespräch. „Ich bin der Meinung, man muss dafür arbeiten, sich bilden und den ausdrücklichen Willen haben, um diese „Attribute“ leben zu können.

„Ja, was jetzt. Arbeit oder Geschenk?“, will Leonie wissen.

„Das meine liebe Mutter ist wieder so ein richtiger 68iger Gedanke. Man muss alles erkämpfen, man will alles ändern und wie es die Feministinnen wollen, auch alles dekonstruieren. Sie wollen sogar die Geschlechterunterschiede zwischen Mann und Frau aufheben! Keiner kann mehr Dinge einfach annehmen, wie sie sind. Noch weniger können sich Menschen beschenken lassen“, wütend blickt Ingeborg ihre Mutter an.

Gertrude erstaunt und irritiert, fühlt sich ungerechtfertigt angegriffen und antwortet: „Du glaubst der Feminismus war und ist falsch? Wir sollten eigentlich dankbar sein. Viele mutigen Frauen haben in den 1850 Jahren gegen die scharfe Abgrenzung zwischen Mann und Frau gekämpft. Durch ihren Einsatz wurde das Wahlrecht der Frauen ermöglicht, Frauen durften arbeiten gehen und auch Karriere machen. Ich weiß nicht, warum du dich so ärgerst. Diese Zeit war notwendig und gerade im Heute nur positiv für uns Frauen!“, versucht Gertrude ihre Ansichten zu verteidigen.

„Aber was hat das mit Geschenk oder Arbeit zu tun?“ fragt Lilly, verwundert über den heftigen Schlagabtausch der beiden, nach.

Ingeborg merkt, dass sie wieder einmal zu heftig erwidert hat und fühlt sich nicht wohl. So bittet sie ihre Mutter umgehend um Verzeihung. „Bitte entschuldige, ich habe etwas überreagiert. Aber was wir im Moment erleben ist nun mal nicht mehr ganz einfach zu verstehen. Ich glaube, wir bekommen von Gott viel mehr geschenkt, als uns allen bewusst ist. Nehmen wir die Sexualität, sie ist so viel größer, wichtiger und bedeutender, als uns seit den 68igen weiß gemacht wird. Damals glaubte jeder in der freien Sexualität liegt das ganze Glück, doch in Wirklichkeit ging es nur um reine Triebbefriedigung. Viele Menschen, mehr davon Frauen, wurden instrumentalisiert und sogar benützt. Ich weiß die meisten wollten diese Freiheit selbst, aber sie wussten dabei nicht, wie hoch der Preis ist und wen sie aller verletzten. Kinder, Partner, aber vor allem sich selbst!“, erklärt Ingeborg bewegt ihren Standpunkt.

„Ich will der Frauenbewegung gar nicht absprechen, dass sie viel Notwendiges und Gutes erreicht hat, die Gleichheit bei Arbeit und bei Chancen war und ist sehr wichtig und gut. Nur gibt es keine Gleichheit zwischen Mann und Frau, keine Gleichheit in unserem Sein. Mann und Frau sind nun mal in vielen Dingen sehr verschieden.

Aber gerade, in dieser Verschiedenheit sind wir einzigartig und dadurch ist ja das andere Geschlecht so spannend und vor allem so anziehend!“, aufgeregt und mit zittriger Stimme endet Ingeborg.

„Mama, glaubst du, der Feminismus hat falsche Ziele verfolgt?“, will Lilly sich kundig machen.

„Am Anfang war es sicher sehr notwendig, aber als sie anfingen die Frau nach dem Mann auszurichten, so unter dem Motto, Mann und Frau sind gleich, es gibt keine Unterschiede, begingen sie die großen Denkfehler. Nun bestreiten viele auch die biologische Differenz, als würden Mann oder Frau von der Kultur gemacht. Sind wir in Wirklichkeit in einem Gruselkabinett?“, schließt Ingeborg ihr Statement fragend.

Gertrude hört ihrer Tochter aufmerksam zu und jedes einzelne Wort brennt sich in ihr Herz. Sie ist sich des Schmerzes, den sie vor einer Stunde empfunden hat, noch ganz gewahr. Sie weiß, aus ihrer Tochter spricht große Verletztheit.

„Mein Schatz, ich weiß ich habe damals einen großen Fehler begangen, als ich dich nicht bei mir haben wollte. Ich war, ob der neuen Lebensweise der berühmten 68iger verblendet. Du hast recht, sie wollten ein neues Menschenbild konstruieren und sie wollen es auch jetzt noch. Die ganze Gender- und Gleichheitsdebatte ist nichts anderes. Wir dachten wirklich, durch freie Liebe, die aber nichts mit wirklicher Liebe zu tun hat, durch die freie Sexualität könnten wir freie und glückliche Menschen werden. Was für eine große Lüge! Die meisten von uns bereuen diese Zeit bitterlich!“, endet Gertrude mit erstickender Stimme.

Gertrude schaut in die ihr vertrauten Gesichter, nimmt einen großen Atemzug und fährt fort: „Ich glaube wir brauchen einen neuen Feminismus. Einen Feminismus, der die Frau so sieht wie sie wirklich ist. In ihrer Leiblichkeit, in ihrer Art zu denken, in ihrer Art zu fühlen. Die letzten 50 Jahre wurde immer die Frage gestellt: „Wie wird man eine Frau? Ich glaube man sollte eher eine andere stellen: „Was ist eine Frau?“. Wir alle wissen, Mutterschaft ist genauso wichtig wie Selbstbestimmung, Karriere oder Arbeit. Ich persönlich weiß, sie ist noch viel wichtiger.  Wenn die Gesellschaft und die Politik den Frauen wirklich helfen will, dann nicht durch Gender oder Me-too Debatten, sondern durch Familienprogramme, finanzielle Unterstützung der Mütter oder durch Hilfestellungen bei den katastrophalen wohnlichen Situationen für junge Familien. Wir könnten so viel erreichen und es wäre uns leichter möglich ein glückliches Leben führen zu können. Ich trage den Schmerz des Verlustes meines Kindes seit mehr als 50 Jahren in mir!“, Gertrude schaut auf und langsam tropfen kleine Tränen über ihr Gesicht. „Meine geliebte Tochter, es tut mir so, so leid und wenn ich es irgendwie ändern könnte, ich würde alles dafür tun.”

Lilly und Leonie betrachten die Unterhaltung und fühlen sich zwar wie Zaungäste aber trotzdem mitten drin im Geschehen. Beide sind berührt, von den Worten, den Gesten und der Stimmung, die in diesem kleinen, innigen Kreise schwebt.

Mit strahlenden, ja freudige Augen lächelt Ingeborg ihre Mutter an und sie spürt eine Liebe durch ihren Körper fließen, die sie noch nie so wahrgenommen hat und es wird ganz warm in ihrem Herzen. An die alte Dame gerichtet, beginnt sie wieder zu sprechen: „Danke Mama für diese ehrlichen Worte. Der Gedanke an einen neuen Feminismus ist wunderschön. Martin Buber sagte einmal: „Im du findest du das ich!“ Ja er hat recht. Viele Frauen finden ihr Frausein erst im Gegensatz zum männlichen anderen, so auch die Männer im weiblichen Gegensatz. Aber auch durch unsere beiden Geschichten durften wir uns selbst kennen lernen. Wir sind beide das, was wir sind, durch den anderen. Du wurdest durch mich, was du heute bist und ich durch dich. Ich werde durch Peter, durch unsere Verschiedenheit zu dem was ich bin.  Ja, ich bin noch immer verletzt. Aber glaub mir, ich trage eine Liebe zu dir, zu Lilly und zu Leonie in mir, die einfach da ist. Trotz der Verletztheit, trage ich Liebe in mir. Ich glaube, wenn wir den anderen annehmen, wenn wir ihn als Geschenk in unserem Leben sehen, herrscht Verständnis, Hingabe, herrscht wirkliche Liebe zwischen uns. Alles ist ein Geschenk!“, fährt Ingeborg fort.

Leonie lauscht den Worten ihrer Mutter und sie spürt ihrerseits Liebe zu diesen Frauen. Ganz langsam schiebt sich aber ein anderes Gesicht vor ihre Augen. „Ja, du bist bestimmt ein Geschenk in meinem Leben!“, lächelt sie in sich hinein und spürt dem immer wärmer werdenden Herzen nach.

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