Muttertier

32. Kapitel

„Hallo mein Schatz. Gut das du da bist. Ich freue mich auf euch alle!“, beschwingt begrüßt Gertrude ihre Enkelin, doch unvermittelt stockt sie und schaut Leonie besorgt an. „Du bist ein bisschen grün im Gesicht, geht es dir gut?“ fragt sie beklommen.

Leonie fühlt sich sofort ertappt. Immer wieder durchstreift eine kleine Übelkeit ihre Magengegend, eigentlich nicht der Rede wert, aber, dass ihre sie Omi darauf anspricht, verwundert sie. „Nein mir geht es wunderbar, ich habe nur gerade viele Umwälzungen in meinen Leben!“, weicht Leonie der Frage aus.

„Positive oder negative?“, will Gertrude wissen.

„Beides, meine liebe Omi, beides!“ strahlt Leonie ihre Großmutter an. Ihr kommen Bilder des gestrigen Tages in den Sinn. Untersberg, Sekt, Andreas! In diesem Augenblick spürt sie intensiv seinen feurigen, stürmischen Kuss auf ihren Lippen und ein Schauer durchläuft ihren ganzen Körper. „Wie hat Angelika diese vier Stufen der Liebe erklärt?“, fragt sie sich im Stillen. Ihr fällt nur mehr Wohlgefallen ein. Leonie lächelt leise in sich hinein und blickt in die wunderschönen, vielsagende Augen ihrer Oma.

Leider, kann sie Andreas heute nicht sehen, denn Lilly feiert morgen ihren Geburtstag und Omi hat es zum Ritual erhoben, am Vortag von Ingeborgs, Lillys, Leonies  und ihrem eigenen Geburtstag zu einem Kaffeeplausch zu laden. Sie nennt diesen besonderen Tag den grünen Tag, an dem es, wie sie glaubt, wichtig ist, das letzte Lebensjahr Revue passieren zu lassen und sich auf das neue zu freuen.

Leonie ist die erste im Kreise und freut sich auf Omis besonderen Geburtstagskuchen. Jede, der drei Damen hat ihren eigenen Favoriten und Lilly bekommt die viel geschätzten Ribiselschnitten. Flaumiges, fluffiges, fantastisches Biskuit, darauf fruchtige Ribiselfüllung, die von einer sage und schreibe zehn Zentimeter hohen Baiserhaube abgedeckt wird. Diese Schnitten schmecken fruchtig, süß und sauer zugleich. Himmlisch, für Ribiselliebhaber.

Der Tisch, liebevollst mit bunten Sommerblumen, hübschen Gmunder-Keramik und dazu passenden Servietten gedeckt, lädt die kleine Feiergesellschaft herzlichst ein.

Gertrude beobachtet ihre Enkelin und ist sich unsicher, ob ihres Auftretens. Sie strahlt in einer Art und Weise, wie es Gertrude noch nie bei ihr wahrgenommen hat, doch trotzdem hängt ein Schatten über dem Mädchen, der die Großmutter ängstigt. Sie kommt sich oft, ihrer Gefühle bewusst werdend, dumm oder besser gesagt, hysterisch vor. Aber ihre Intuition hat sie noch selten getäuscht.

Gertrude kann sich nicht mehr daran erinnern, wann diese Vorahnungen, Gedanken, Gefühle, die ihr nahestehenden Personen betreffend, in ihrem Bewusstsein Platz gefunden haben. Doch immer mehr kommt ihr der Verdacht, dass diese „Gabe“ mit dem größten Schmerz, den sie je empfunden hat, geboren wurde. Der Schmerz, als sie ihre Tochter, als sie Ingeborg verlor.

„Gertrude bitte, gib mir die Kleine oder komm nach Hause. In dieser großen Stadt kann das Baby und auch du nicht richtig leben. Papa und ich helfen dir und du findest auch in Salzburg eine gute Stelle. Bitte komm nach Österreich zurück, bitte!“, inständig flehte Maria ins Telefon.

Gertrud stand wie versteinert im Stiegenhaus vor ihrer klitzekleinen Wohnung, die eigentlich nur ein armseliges Zimmer in Paris war. Sie hielt den Hörer in ihrer rechten Hand, während sie die weinende Ingeborg auf ihrer linken Hüfte schaukelte.  Wieder musste sie in dieser Nacht länger in der Bar arbeiten und da sie sich niemand für die Beaufsichtigung ihrer Tochter leisten konnte, blieb das Baby wieder einmal fast die ganze Nacht alleine. Der Gedanke daran schnürte ihr den Hals und nahm ihr die Luft zum atmen. Hämisch begrüßte sie ihre Nachbarin mit vorwurfsvollem Gezeter, nach dem Ingeborg wieder stundenlang geweint haben soll.

„Was soll ich nur machen?“ die junge Frau war verzweifelt. Alle ihre Freundinnen bestürmten sie immer wieder, dieses freie, genussvolle Leben in dieser sinnlichen Stadt nicht aufzugeben. In Paris brachen gerade alle konservativen, bürgerlichen Schranken. Im nahegelegen Pariser Viertel St.-Germain-des-Prés, trafen sich junge Künstler, Philosophen, Studenten und auch der eine oder andere Lebenskünstler. In den lang andauernden Nächten wurde über das Leben, Politik und Gott diskutiert. Sie lebte in der Stadt von Bouvier und Satre, alles lechzte nach freier Liebe, nach freier Sexualität. Die Nächte waren intellektuell, übersinnlich, sie waren einfach berauschend. Gertrude spürte oft Glücksgefühle, die zwar nur kurz andauerten, aber unbeschreiblich waren. Anton, der Vater von Ingeborg kümmerte sich ab und zu um die Kleine, aber man merkte ihm schnell an, dass es ihm nach kurzer Zeit lästig wurde. Für ihn war Ingeborg ein nettes Spielzeug, das man einfach wieder in die Ecke stellte, wenn die Spielzeit vorbei war. Gertrude war über dieses Verhalten traurig, doch sie war machtlos.

Anton liebte seine Freiheit und hatte ihr klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass er sich weder für sie noch für das Kind verantwortlich fühlte. Verzweiflung, Mutlosigkeit und Hoffnungslosigkeit machten sich in Gertrude breit. Keine ihrer Freundinnen hatte Kinder, einige schon Abtreibungen hinter sich und so konnten sie Gertrudes Schmerz und ihr schlechtes Gewissen nicht verstehen, geschweige denn teilen.

„Bitte komm nach Haus!“ flehte ihre Mutter sie zum wiederholten Male an. „Nein, Mama ich will nicht so ein Leben, als Mutter und als Dienstbote von allen. Ich will frei sein und das kann ich nur in dieser Stadt. Hier in Paris lerne ich Menschen, Ansichten und Gedanken kennen, die du dir nicht einmal im Traum vorstellen könntest. Ich bleibe auf jeden Fall hier!“, schrie Gertrude wütend und verzweifelt ins Telefon und knallte den Hörer auf die Gabel. Ihre Nachbarin spähte neugierig und mit dummen und bösem Grinsen aus ihrer Wohnungstür. Da es nur einen Telefonanschluss gab, mussten sie ihre Gespräche im Treppenhaus, des heruntergekommenen, schäbigen maison appartements führen.

Nach diesem heftigen Streit mit ihrer Mutter Maria, war Gertrude am Boden zerstört. Sie wusste nicht ein noch aus. Da sie sich auch fast keine Kohle zum Heizen leisten konnte, wurde das Baby durch die ewige Kälte in der Wohnung schwer lungenkrank. Der Arzt riet der jungen Mutter, die Kleine für einige Zeit aufs Land zu bringen, damit sie Sonnenschein und gesunde Luft tanken könne.

„Omi, was ist los?“, Leonie stützt Gertrude, die ganz plötzlich blass geworden ist und am ganzen Körper zittert. „Komm leg dich kurz hin, ich bringe dir ein Glas Wasser!“, besorgt führt sie ihre Omi zum Sofa, bettet sie vorsichtig und deckt sie liebevoll zu. Vor kurzem lag sie auf dieser gemütlichen Couch. Genauso wie ihre Großmutter jetzt, müde, traurig und verzweifelt. Grau im Gesicht, trotz der Hitze im Garten fröstelnd, liegt die alte Dame vor ihr und es scheint, als ob nur ihr Körper anwesend sei, sie aber mit den Gedanken weit, weit weg.

„Bäh!“ Ingeborg schrie herzzerreißend, als ihre Mutter sie in die Arme einer fremden Frau legte.

Ein scharfer Schnitt ging durch Gertrudes Herz, sie konnte sogar diesen Riss hören, doch sie drehte sich nicht um und verließ den elterlichen Hof mit schnellen Schritten. Ihr Leben lang wird sie dieses Weinen nicht mehr vergessen können. Das Weinen ihres geliebten Kindes. „Nur ja nicht schwach werden, du musst dein Leben leben!“ immer wieder hört sie die Ratschläge von ihren kinderlosen Freundinnen. „Komm nach Paris und lass uns das Leben genießen. Endlich sind wir Frauen frei und können tun und lassen, was wir wollen. Verzichte nicht auf diese einmalige Chance!“ Wie ein Mantra wiederholte Gertrude diese Sätze. Doch sie konnten die Schreie ihrer Tochter nicht übertönen.

Tränen suchen ihren Weg über das, durch die Zeit gezeichnete Gesicht. Gertrude blickt auf und sieht in das hübsche, aber besorgte Antlitz ihrer Enkelin. „Weißt du, mein Engel, Fehler, die gemacht wurden, kann man nicht mehr rückgängig machen, aber man kann sich derer bewusstwerden, über diese trauern und seine Lehren draus ziehen. Wenn man die Möglichkeit bekommt, ein wenig gut zu machen, sollte man alles, aber auch alles dafür in Bewegung setzen, das Richtige zu tun!“, die alte Frau sieht auf und spricht hastig weiter, so als würde sie befürchten, unterbrochen zu werden.

„Ich musste in meinen Leben viel lernen. Ich musste erkennen, dass es wichtig ist, auf meine Gefühle, auf mein Wissen, auf mein Gewissen zu hören. Meine eigene Intuition ist maßgebend für mein eigenes Leben. Als Frau und gerade als Mutter weiß man, was richtig und wichtig ist. Der beste Gradmesser für jedes Tun, für jede Entscheidung ist aber die Liebe. Meine wichtigste Lektion war und ist, nur die Liebe zählt. Überall wo ehrliche Liebe währt, Liebe, die das Wohl des anderen im Blick hat, Liebe, die sich nach dem anderen sehnt, Liebe, die im Geben und im Nehmen erfüllt wird, das ist das wahre Glück auf dieser Erde!“, wie durch ein Wunder wird aus dem traurigem, alten Gesicht ein strahlendes, wunderschönes. Gertrude lächelt ihre Enkelin an und erhebt sich mit neuem Schwung.

Berührt, aber nicht wissend warum ihre Großmutter dies alles erzählt, bleibt Leonie noch neben dem Sofa sitzen und blickt der geliebten Person nach, die gerade Lilly an der Türe begrüßt und auch diese junge, hübsche, strahlende Frau überschwänglich umarmt.

„Liebe, die sich nach dem anderen sehnt!“ hallt es in Leonies Gedanken nach!

„Begehren!  Ja, das ist die zweite Stufe der Liebe, wie Angelika Karol Wojtyla vor kurzem zitierte. Wie sehr sie Andreas begehrt!“, lächelt Leonie in sich hinein und in der Erinnerung an den Kuss durchfährt ein angenehmer, kleiner Stromstoß ihren ganzen Körper. Angespannt, aufgeladen, elektrisiert!

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