Ins Herz geschrieben!

31. Kapitel

„Guten Morgen lieber Leo.“, Leonie blinzelt durch ihre verschlafenen Augen und kuschelt sich noch einmal in ihre gemütliche Decke. Kater Leo fühlt sich sofort aufgefordert, es ihr gleich zu tun. Selbstannahme! Der gestrige Abend war lehrreich, lustig und wahrlich labend.

Leonie streckt sich in ihrem kuscheligen Bett aus, krault ihren Kater und denkt über diese letzten Tage nach. Sie ist glücklich.

Auf einmal spürt sie ein schnell aufsteigendes, ungutes Gefühl in der Magengegend. Wie von der Tarantel gestochen, springt sie aus ihrem Bett, sprintet ins kleine Bad, um sich völlig überraschend zu übergeben. Vor ihrer Toilette knieend, überrumpelt, nach Luft ringend, kommt ihr ein erschreckender Gedanke. „Nein, das ist nicht möglich. Ich nehme ja die Pille. Wahrscheinlich habe ich gestern doch zu viel Wein getrunken.“, versucht sich Leonie selbst zu beruhigen.

Die Übelkeit ist so schnell, wie sie gekommen ist, vorüber und so verscheucht sie jeden schlechten, stimmungstrübenden Gedanken. Bevor sie gestern die Mädchen traf, verabredete sie sich für den heutigen Morgen. Andreas!

Selbstannahme! Irgendwie kommt ihr vor, als ob sie sich selbst, durch diese vielen Gespräche mit den ihr nahestehenden Frauen, näherkommt.

Leonie duscht, schlüpft ohne viel zu überlegen in sportliche Jeans, stülpt sich ein einfaches T-Shirt über, schnappt sich die dazu passenden Sneakers, packt sich ihre Lieblingswindjacke und verlässt, nach dem sie noch Kater Leo gefüttert hat, beschwingt ihre Wohnung. Kurz steigt ein schlechtes Gewissen gegenüber der Katze hoch, doch sie weiß, der alte Freund liebt es, den ganzen Tag zu schlafen, nachdem er wieder die ganze Nacht die Dächer von Salzburg unsicher gemacht hat.

Andreas möchte sie gerne entführen, so wie er sich gestern ausdrückte und als sie aus ihrem Hauseingang in das Sonnenlicht tritt, sieht sie ihn schon wartend, auf seinem Rad lehnend, ihr vom gegenüberliegenden Salzach-Radweg entgegengrinsen. Sie nimmt ihrerseits ihr Rad und stockt. „Er hat wirklich einen Helm auf!“, denkt sie verstohlen. Sie winkt ihm zu, verschwindet noch einmal im Haus, um einige Sekunden später mit ihrem pinken Helm wieder auf zu tauchen. Eigentlich benützt sie dieses hässliche Ding nicht gerne, fühlt sich aber durch sein Verhalten dazu aufgefordert.

Sie schiebt das Rad über die Straße und begrüßt Andreas mit einem Lächeln, unsicher, wie nahe sie ihm kommen soll. Doch diesmal zieht er sie mit einer Selbstverständlichkeit an sich und haucht ihr einen leichten und doch zärtlichen Kuss auf ihre Lippen. Leonies Herz springt und leichtes Flügelschlagen kitzelt sie in der Mitte ihres Körpers. Welch wunderbares, leichtes, freies Gefühl.

Beide schwingen sich auf ihre Räder und treten vergnüglich in die Pedale. Richtung Süden. Es ist die gleiche Strecke, die Leonie zu ihrer Oma nimmt. Andreas gibt das Tempo und die Richtung vor und es dauert nicht lange und beide treten im selben Takt.

Ganz selbstverständlich folgt Leonie diesem jungen Mann und genießt es einfach hinter oder neben ihm durch die wunderbare Landschaft zu düsen. Ja, sie düsen in einer Geschwindigkeit die eigentlich gar nicht möglich ist. Kurz schießt ein Gedanke durch den Kopf: „Er übernimmt die…“, doch sie war zu glücklich, um negative Einflüsse zuzulassen. Nein, bitte diesen Tag nur genießen! Sie wundert sich, wie schnell sie unterwegs sind, wie geschickt Andreas sie über Straßen, Wege und Kreuzungen führt. Sie hätten gar keine Zeit, um quatschen zu können. Wie durch ein unsichtbares Band verbunden, gleiten die beiden durch diesen wunderbaren Flecken Erde.

Am Untersberg, dem Stadtberg von Salzburg angekommen, stoppt die rasante Fahrt. Andreas stellt sein Bike ab und hilft Leonie auch ihres richtig zu parken.

Leonie strahlt! Die Aussicht, diesen wunderbaren Berg zu erwandern, erfüllt ihr Herz. Sie liebt die verschlungen Pfade und Wege auf den Untersberg, der nicht nur imposant, mächtig und eindrucksvoll in den Himmel ragt, nein, er ist auch ein sagenumwobener Platz, dessen viele Legenden, erzählt von ihrer geliebten Oma, sie schon immer in den Bann gezogen haben.

„Gehen wir oder fahren wir mit der Bahn?“ will Andreas wissen und reißt sie damit aus ihrer Betrachtung.

Leonie blickt ihn an und beide wissen die Antwort. Bis dahin hat Leonie den Rucksack gar nicht bemerkt, den er hinten auf seinem Rad montiert hat. Er schultert sich diesen und gibt ihr die Hand. Mit schnellen Tempo, aber bedacht, schreitet er aus, sodass es für Leonie ein leichtes ist, Schritt zu halten.

Sie kommen gut voran und plaudern unbeschwert. Andreas erzählt von seiner Woche, von den vielen kleinen Patienten, von seiner Arbeit und auch von Schicksalsschlägen, die Eltern oft ertragen müssen. Leonie erkennt in seiner Art zu erzählen, dass er seinen Beruf und die Menschen, die er trifft, liebt. Ja man kann wirklich sagen: Liebt!

So wandern sie in einer Leichtigkeit, einer Freude, einer Gemeinsamkeit durch den Wald und erreichen nach 3 Stunden den Gipfel. Leonie verspürt keine Anstrengung, keine Last und keine Müdigkeit. Oben angekommen, beginnt Andreas seinen Rucksack zu leeren und wie bei Hermines Handtasche kommen Dinge zu Tage, die man nicht in diesem vermutet. Eine entzückende, rotkarierte Decke, einige Dosen mit verschiedenfarbigen Deckeln, Schnitten von vorzüglichem Schwarzbrot, Teller, Messer, winzige Salzstreuer und zu guter Letzt eine Flasche Sekt und man glaubt es nicht, 2 Sektflöten.

Leonie lässt sich auf dem einladenden Platz nieder und blickt über die Stadt. Bei jedem Treffen steigen sie höher. „Was kommt als nächstes?“, fragt sie sich im Stillen.

Sie beginnt die Plastikbehälter zu öffnen und freut sich über diese Auswahl an Köstlichkeiten. Beste Aufstriche in vier verschiedenen Farben und Geschmacksrichtungen, hartgekochte Eier, kleine Käsestücke, Tomaten, Paprika und Radieschen. Eine Auswahl an Salamischeiben und die letzte Schüssel die Leonie öffnet, überrascht sie vollkommen. Kleinstgeschnittenes Obst in allen Farben leuchten ihr entgegen.

„Also diese Jause hast du bestimmt nicht selbst zusammengestellt.“, lacht sie und blickt in verschmitzt lächelnde Augen.

„Nein, in meiner Straße gibt es ein kleines Geschäft, das Bioprodukte von den umliegenden Bauern verkauft und da ich Stammkunde bin und ich die Chefin gut kenne, bat ich sie gestern, mir eine kleine Mahlzeit für den Berg zu bereiten. Sowas nenne ich wirklich „Nächstenliebe!“ lacht Andreas und beginnt seinerseits sein Teller mit den Köstlichkeiten zu füllen.

Leonie stößt einen hörbaren Laut aus: „Ja das sind doch wieder diese berühmten christlichen Werte!“, dieser etwas zynische Einwurf ist jetzt nicht angemessen, denkt sie bei sich und möchte das Gesagte zurücknehmen.

„Ich glaube, es gibt keine christlichen Werte!“, antwortet Andreas nachdenkend. „Diese sogenannten christlichen Werte sind genau betrachtet, humanitäre Werte. Werte, die wir brauchen, damit es uns besser geht, Werte, die uns das Zusammenleben ermöglichen, Werte, die wir als Menschen benötigen, um überhaupt überleben zu können. Ich hatte vor einiger Zeit ein Erlebnis, das mich sehr schmerzhaft lehrte, dass wir als Menschen ohne Mitmenschlichkeit, ohne Hilfe, ohne Nächstenliebe nicht überleben könnten!“, erklärt Andreas gelassen, seine Sicht der Dinge.

Nachdem ihn Leonie fragend betrachtet, fährt er fort. „Ich hatte Urlaub und wollte morgens noch bei Dunkelheit in die Berge aufbrechen. Keiner meiner Freunde hatte Lust und so ging ich alleine los. Es war wundervoll so durch die heller werdende, nebeldurchflutende, dämmrige Gegend zu streunen und da kam mir die Idee, alleine in den nahegelegenen Klettersteig einzusteigen. Ich war autonom, kletterte und fühlte mich frei. Ich war unbesiegbar. Dabei wurde ich unaufmerksam, hakte das Sicherungsseil nicht richtig ein und stürzte einige Meter ab. Durch mein Training konnte ich mich noch so drehen, dass ich nur mit den Füssen aufprallte. Ein unsagbarer Schmerz durchfuhr meinen ganzen Körper. Ich knickte ein und lag wie ein Häufchen Elend auf dem Boden. Einsamkeit durchwehte das ganze Gelände. Die Schmerzen verboten mir jeden klaren Gedanken und Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit machte sich in und um mir breit. Bitterlich flehte ich Gott um Hilfe. Plötzlich sah ich zwei Gestalten im Nebel auftauchen. Zwei Engel? Sie waren im ersten Augenblick nicht klar zu erkennen, aber je näher sie kamen umso deutlicher erkannte ich die beiden Männer. Es waren meine Freunde. Welch eine Freude, welch ein Glück durchströmte mich. Ich rief ganz leise um Hilfe, um dann in Ohnmacht zu fallen“, langsam blickt Andreas über die Stadt und fährt fort.

„Im Krankenhaus erwachte ich und meine Kumpels erzählten mir ihren Teil der Geschichte. Beide hatten unabhängig voneinander ein ungutes Gefühl, trafen sich zufällig auf dem Parkplatz und einigten sich sofort, zum Klettersteig zu joggen. Nicht wandern oder gehen, nein sie liefen zum Steig und retteten mir so das Leben. Ich hatte schwere Verletzungen in meinen Beinen und innere Blutungen. Ich brauchte über ein Jahr, bis ich wieder ganz auf dem Damm war. Operationen, Reha, Zeit. Ohne meine Freunde, ohne Hilfe, ohne Nächstenliebe hätte ich diesen Ausflug nicht überlebt. Und genau aus diesem Grund gibt es für mich keine christlichen Werte, die nur Christen anwenden müssen, sondern es sind Werte, die jeder Mensch leben soll. Egal was er glaubt, aber Nächstenliebe, Anerkennung der Würde des Menschen, Hilfsbereitschaft, Gleichstellung von Mann und Frau, Schutz des Lebens und vieles mehr, sind Werte, die uns alle angehen. Wir müssen jedes menschliche Leben schätzen, stützen und schützen!“.

Während Andreas diese großen Worte ausspricht, kommt er Leonie ganz nahe, umarmt sie und schließt seine Ansprache mit einem langen Kuss.

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