Selbstannahme

30. Kapitel

Unbezahlbar!

Dieses Wort geht Leonie nicht mehr aus dem Sinn. Welche Bedeutung misst man diesem Ausdruck bei? Das etwas keinen Wert oder einen zu hohen Wert hat? Das jemand austauschbar ist oder doch nicht. Warum ist Muttersein unbezahlbar? Ist Frausein im Allgemeinen unbezahlbar?

Unbezahlbar!

Immer wieder denkt Leonie über Andreas Worte nach. Sie haben sich die ganze Woche nicht gesehen. Nur SMS- oder Whatsapp-Nachrichten gingen zwischen den beiden hin und her. Die Botschaften die sie bekam, waren kurz und nüchtern. Leonie würde sich ein bisschen mehr Worte, mehr Gedanken, mehr Romantik wünschen. Doch sie darf nicht unfair sein, denn jeden Tag wird sie um 6.30 Uhr von einem kleiner Piepton geweckt.

„Guten Morgen. Hast du gut geschlafen? Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag!“, pünktlich und eigentlich schon heiß erwartet, bekommt sie jeden Morgen diesen kleinen Weckruf. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Seit sechs Tagen hört sie dieses Ping und liest voller Freude die kurze, unromantische, aber heiß ersehnte Nachricht.

Und am Abend? Seit sie am Mönchsberg spazierten, ruft Andreas sie jeden Abend an. Auch am Handy ist er nicht der gesprächige Typ, doch er meldet sich und will von ihren Erlebnissen hören. Wenn sie ehrlich ist, freut sie sich schon den ganzen Tag auf diese zwei Minuten und am Morgen wird sie, obwohl sie eine Schlafmütze ist, immer vor dem Pieps wach.

Andrea und Julia bedrängen sie schon seit Tagen mit Fragen. Aber Leonie wollte ihnen diese Neuigkeit, dass sie den geheimnisvollen Mann wieder getroffen hat, nicht am Telefon erzählen. Irgendwie fühlt es sich gut an, dieses kleine Geheimnis noch bei sich zu bewahren.

Unbezahlbar. Immer wieder unbezahlbar.

Heute Abend trifft sie ihre beiden lieben Freundinnen und sinnbildlich lacht ihr Herz darüber. Soll sie ihnen alles erzählen? Oder doch das süße Geheimnis bei sich behalten. Sie ist wirklich über beide Ohren verliebt und das gerade in einen gläubigen, konservativ denkenden Mann. Seine Ansichten sind etwas antiquiert, aber Leonie hatte immer schon ein Faible für alten Möbel, Kunstwerke und Gebäude. Warum sich dann nicht auch mit Meinungen, die ihr zwar nicht ganz geheuer sind, auseinander setzen. Ja, wer weiß?

Der Salzach entlang braust sie mit ihrem Fahrrad Richtung Süden, um kurz vor den Barmherzigen Brüdern rechts einzubiegen. Sie quert den kleinen Parkplatz und gelangt auf ihren geliebten Papagenoplatz. Vor Angelikas kleinem Restaurant sind alle Stühle und Tische leer. Keine Andrea? Keine Julia? Sie stellt ihren Drahtesel an der Hausmauer ab und huscht in das schattige kleine Bistro. Beim Betreten weht ihr lautes übermütiges Lachen entgegen. Andrea, Julia und Angelika sitzen im hinteren Teil des Restaurants, an einem der drei Tische und kriegen sich gar nicht mehr ein vor lauter Heiterkeit.

Leonie umarmt alle drei und wird von der Stimmung der anderen angesteckt. „Was habt ihr für gute Laune? Erzählt mir doch auch, über was ihr so ausgelassen lacht?“, will Leonie wissen.

„Das glaubst du sicher nicht. Stell dir vor, Angelika hatte gerade eine Inspektion und sie muss für dieses kleine Bistro Auflagen erfüllen, die sogar für eine Großküche zu hoch wären. Julia und ich saßen die letzten fünfzehn Minuten daneben und wir konnten echt nicht glauben, was dieser Beamte noch alles an Vorschriften erfüllt haben will. Es waren so viele! Echt, ich kann mich gar nicht mehr erinnern“, versucht Andrea Leonie in Kenntnis zu setzen. Aber ihr Bericht wird immer wieder von Lachanfällen unterbrochen.

„Aber entschuldigt, was ist da so lustig. Ich finde diese Bürokratisierung und diese Auflagenflut eher traurig“, versucht Leonie die Sachlage zu verstehen.

„Ja, aber du hättest diesen Beamten sehen sollen. Er macht zwar auch nur seinen Job, aber als Angelika ihm mitteilte, für sie sei der angeforderte Umbau nicht machbar und sie werde unter diesen Umständen ihr Bistro zusperren müssen, da wurde dieser arme Mann ganz ruhig, setzte sich an den Tisch und fing an, über seinen Job zu jammern. Er möchte eigentlich nicht alle kleinen Unternehmer pflanzen, er kommt selbst aus einer Unternehmerfamilie und weiß wie schwierig es in unserer Zeit ist, als Betrieb überleben zu können.  Aber der Staat bringt immer mehr Gesetze, immer mehr Vorschriften und die Beamten müssen diese ganze Flut von Vorgaben einfordern.

„Ja aber warum lacht ihr dann so?“, Leonie versteht die Situation immer noch nicht.

„Humor ist, wenn man trotzdem lacht!“, versucht Julia die kuriose Stimmung zu erklären. Doch plötzlich wird Angelika ganz still. „Leonie hat recht, es ist wirklich nicht lustig, denn diese ganzen Bestimmungen sind für mich nicht realisierbar. Wenn ich das alles erfüllen soll, dann muss ich mein kleines, geliebtes Lokal zusperren.  Ihr wisst dieses kleine Bistro gehört zu mir, es ist schon fast ein Teil von mir.“ In Angelikas Augen schimmern kleine, kreisrunde Tränen. „Wisst ihr, das alles ist einfach unbezahlbar!“

Unbezahlbar. Schon wieder dieses Wort. Die Stimmung kippt von Heiterkeit in Traurigkeit. Leonie blickt von einer zur anderen. Schweigen breitet sich aus.

Unbezahlbar. „Was bedeutet für euch eigentlich das Wort unbezahlbar?“ will Leonie wissen, denn um die Stimmung zu heben, versucht Leonie die drei Frauen in ein ihr beliebtes Wortspiel zu verwickeln.

Julia verdreht ihre Augen. „Kommst du schon wieder mir deinen Abc-Listen von, wie heißt die kleine Maus noch einmal?“ „Vera F. Birkenbihl“, antwortet Leonie. „Ah, ja!“ schmunzelt Julia, denn alle kennen Leonies Vorliebe mit Wörtern und ihren Bedeutungen in dieser Art und Weise zu spielen.

Unbezahlbar! Wie auf Kommando fangen alle vier an, ihre Ideen zum Wort heraus zu brüllen: „Autorität, Bindung, Charisma, Dankbarkeit, Empathie, Freude, Glück, Heimat, Ideen, JUHU… alle vier sprühen nur so vor Einfällen. Angelika spielt mit und ihre Stimmung verbessert sich augenblicklich. „JUHU, passt aber gar nicht. Obwohl eine ehrliches Juhu auch oft unbezahlbar ist!“, lacht Andrea über ihren Einfall.

„Wisst ihr was für mich unbezahlbar ist?“ will nun Angelika ernst geworden wissen.

„Ja, Wohlstand, Reichtum und ein tolles Auto!“, lacht Julia

„Nein, denkt einmal nach, was ist wirklich für euch unbezahlbar?“, beharrt Angelika auf ihre Frage.

„Freiheit, Liebe, Vertrauen, Zeit, um alle Buchstaben zu benutzen,“ versucht Andrea Angelikas Frage zu beantworten.

„Identität?“ Leonie glaubt die Lösung gefunden zu haben.

„Du bist schon nahe, Erikson beschreibt in seiner fünften Stufe, dass es sehr wichtig ist, Identität im Jugendalter zu finden!“, erklärt Angelika aus ihrem Wissen und die Mädchen lächeln, denn ihre gescheite Freundin kommt wieder zu Tage.

„Denkt noch einmal nach, wir haben noch kein “S” !“, bohrt Angelika weiter.

„Ah ja, Selbstbestimmung, Selbsterkenntnis, Selbstverwirklichung, so schnell kann Angelika gar nicht denken, wie die Mädels diese Attribute der modernen Zeit deklinieren.

„Ja, diese Anliegen sind auch wichtig. Denkt nach! Ihr seid ja alle mit euren Fähigkeiten und Gaben auf diese Welt gekommen, also was glaubt ihr, ist die Aufgabe, die Gott an jeden Menschen stellt.

„Ja uns zu finden, wer wir sind, aber vor allem so anzunehmen, wie wir sind!“ Leonie schmunzelt über ihren Einfall.

„Selbstannahme!“, schreit Julia ganz begeistert heraus.

„Ja, auf das wollte ich hinaus. Wir müssen sicher viel lernen, uns selbst kennen lernen, unsere Gaben sehen lernen, unsere Fähigkeiten ausbauen lernen, aber das wichtigste ist, uns selbst so anzunehmen, wie wir geschaffen sind.

„Wenn wir uns selbst mit unseren Fehlern, unseren Unzulänglichkeiten und mit all unseren Stärken, Gaben, körperlichen Besonderheiten annehmen, dann ist schon viel in unserem Leben geschafft. Sogar wenn wir Frauen unser Zicken hie und da zu verstehen versuchen!“, Angelika unterbricht ihr Statement mit einem Lachen. „Nein wirklich, wenn wir uns so annehmen wie Gott uns gedacht hat, dann glaubt mir, werden wir viel zufriedener, wird unser Leben viel einfacher und damit werden wir als Mensch glücklicher. Ich kenne mittlerweile so viele Frauen, die sich in ihrem Körper wohl fühlen, sich mit ihren Lebensgeschichten ausgesöhnt haben und es ist faszinierend, wie selbstbewusst, selbstbestimmt sie sind. Vor allem ist es unbeschreiblich, wie diese Frauen lieben und für die anderen da sein können. Einfach wunderbar!“ Angelika strahlt ihre Mädchen an, wissend um ihre Gabe, mit Menschen über Gott reden zu können.

„Und wisst ihr, was noch ein großer Vorteil von Selbstannahme ist? Man kann fast nicht mehr manipuliert werden!“

Die drei Mädchen lieben es, von Angelika solche Gedanken unterbreitet zu bekommen. Sie ist für alle drei so eine Art „Weise Frau“, die sie immer wieder gerne zu Rate ziehen.

Angelika dreht sich um und bringt vier Gläser mit ihrem Lieblingstropfen, einem Barolo aus dem Piemont, stellt diese Köstlichkeit vor die Mädchen und schaut sie auffordernd an.

„Also was ist für euch unbezahlbar?“ ihr Glas erhebend, prostet sie Julia, Andrea und Leonie fröhlich zu.

Ein Gedanken an Andreas, der ihr augenblicklich ihr Herz erwärmt, durchströmt Leonie:

„Ganz Frau sein zu können und damit glücklich zu sein, ist unbezahlbar“, denkt sie bei sich.

Sie hebt ihr Glas, lacht ihren geliebten Freundinnen entgegen und spricht aus, was alle vier gleichzeitig denken:

„Selbstannahme ist unbezahlbar!“

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