Unbezahlbar

29. Kapitel

Halt. Hafen. Heimat.

Nach dem doch sehr aufrüttelnden Gespräch über Abtreibung und die Würde des Menschen sind beide etwas still geworden. Die Sonne scheint über der Stadt und Leonie möchte die Vertrautheit von vorhin wieder spüren und so beginnt sie von ihrem Leben zu erzählen. Dabei merkt sie nicht, dass sie in ein anderes, ebenso gefährliches Fahrwasser zu gleiten droht.

„Weißt du, meine Mama ist eine Liebe und sie kümmert sich auch ganz fürsorglich um uns. Aber immer wieder fängt sie damit an, ihren Glauben zu erklären und erzählt andauernd von Gott und das nervt mich echt. Darüber hinaus berichtet sie ununterbrochen von ihrem Studiengang Theologie des Leibes, den sie in Heiligenkreuz besucht hat. Sie glaubt wirklich, ihre Sicht der Dinge wäre die einzige Wahrheit!“, schimpft Leonie liebevoll vor sich hin, bis ihr plötzlich ein Gedanke wie ein Blitz durch ihren Kopf fährt. “Der glaubt ja auch an Gott!”. Noch dazu arbeitet er als Lobpreisleiter in der Kirche mit. Erschrocken hält sie sich die Hand vor ihren Mund. „Oh! Bitte entschuldige, ich habe ganz vergessen, du bist ja auch in diesem Verein!“ schuldbewusst stehend bleibend, blickt sie ihn verschämt an. Doch er schmunzelt und setzt den Weg fort. Leonie läuft ihm ganz erstaunt nach.

Leonie und Andreas verbrachten den ganzen Sonntag zusammen. Sie spazierten lange über den Mönchsberg. Nach den emotional doch erschütternden Gesprächen versuchte Leonie Ruhe in den Tag zu bringen. So genossen es die beiden, einfach nebeneinander zu gehen. Sie gaben sich Halt. Als ob sie für einander so etwas wie ein Hafen wären. Wie eine Heimat.

„Bist du nicht böse, wenn ich solche Reden schwinge?“ fragt sie ungläubig.

„Nein wieso? Ich möchte alles über deine Familie erfahren. Ist deine Mutter glücklich?“ will Andreas wissen.

„Ja ich glaub schon. Hie und da erzählt sie mir, sie wäre traurig darüber, die Zeit, als wir noch Kinder waren, verpasst zu haben. Sie hatte viel zu arbeiten und so konnte sie uns nicht genug Aufmerksamkeit schenken. Für mich ist das zwar kein Problem, aber sie sagt immer, sie vermisse diese Zeit so sehr.“

Andreas Blick geht in die Leere.

…„Andreas, Michael! Wo seid ihr schon wieder! Habe ich euch nicht gesagt, ihr solltet den Tisch decken und das Essen aufwärmen!“, Claudia brüllt lautstark nach ihren Söhnen. Bepackt mit ihrer Reisetasche, der Aktentasche und dem Einkauf steht sie im Vorhaus und sprüht vor Wut. Der sechsjährige Michael duckt sich und sucht Deckung hinter seinem größeren Bruder. Ihre Mutter ist gerade von einer Dienstreise nach Hause gekommen und ärgert sich ungemein, ob der unerledigten Aufgaben.

„Komm Claudia, lass die Jungs doch ihr Modellflugzeug fertig zusammenbauen!“, Helmut kommt seiner Frau entgegen und will sie umarmen, aber sie stößt ihn unsanft von sich.

„Immer nimmst du die beiden in Schutz, ich kann es nicht mehr hören! Ihr drei glaubt wohl, ihr braucht mich nicht mehr! Ich bin diejenige, die das meiste Geld nach Hause bringt und diesen Karren am Laufen hält und dann komm ich nach Hause und es erwartet mich ein Saustall!“, schmettert Claudia ihrem Mann entgegen. Sie ist kaputt und gereizt, der vielen Besprechungen und  Auseinandersetzungen zwischen ihr und ihren Mitarbeitern müde.  Sie bringt keine Energie mehr für ihre Familie auf. Sie hat einfach keine Kraft mehr. Sie kann nicht mehr. Sie will nicht mehr!

Claudia dreht sich auf ihrem Absatz um und verlässt das Haus.

„War deine Mama bei euch Zuhause oder ging sie auch arbeiten?“, will Leonie wissen.

Andreas zuckt aus seinen Gedanken hoch.

„Meine Mutter ist eine erfolgreiche Schriftstellerin und für sie war und ist ihr Beruf sehr wichtig. Außerdem ist sie Herausgeberin einer bekannten Frauenzeitschrift und verfasst selbst vielen Artikel.“ antwortet Andreas verhalten.

„Ja, war sie bei dir, als du klein warst oder nicht?“ will jetzt Leonie wirklich wissen.

„Sie hat es versucht.“ Andreas wird immer stiller.

„Ja, hatte sie nun Zeit für dich…?“, bohrt Leonie hartnäckig weiter.

Langsam geht Andreas weiter und sieht müde über die Stadt.

„Weißt du meine Mama ist eine sehr gute und erfolgreiche Autorin. Als ich klein war, erzählte sie so wunderbare Geschichten, aber nach ihrem ersten erfolgreichen Roman, änderte sich alles. Für mich und meinen jüngeren Bruder hatte mein Vater mehr Zeit und auch mehr Geduld. Als sie dann noch begann diese Frauenzeitschrift herauszugeben, war für uns drei fast kein Platz mehr in ihrem Leben. Ich hatte immer das Gefühl, als ob irgendetwas sie treiben würde. Sie denkt, spricht und handelt oft wie eine Getriebene. Sie ist ein Kind der 60iger Jahre und für diese Frauengeneration war Selbstbestimmung, Selbstständigkeit und vor allem das eigen verdiente Geld wichtig und wesentlich. Sie vertrat immer die Meinung, dass eine Frau glücklich sein muss, um für ihre Kinder wertvoll sein zu können.“

„Ja, da ist auch etwas dran, oder?“

„Aber so im Nachhinein gesehen war meine Mama trotzdem nie so richtig zufrieden. Immer musste sie etwas recherchieren, schreiben und war auf Redaktionssitzungen oder Lesereisen. Sie ist nach wie vor erfolgreich, aber der Preis für diesen Erfolg scheint doch etwas hoch zu sein. Da sie sehr gut verdiente, übernahm mein Vater den Haushalt und die Betreuung von Michael und mir. Doch das tat wiederum ihrer Ehe nicht gut und die Auseinandersetzungen wurden immer mehr. Darauf war sie noch mehr weg. So erzog uns unser Vater eigentlich alleine.“, in den sonst so leuchteten Augen schimmert eine dunkle Stimmung.

Traurigkeit? Verzweiflung? Angst?

Nun ist Leonie ihre Aufdringlichkeit doch peinlich.

„Heißt das, du bist ohne Mama aufgewachsen.“, fragt Leonie ganz leise nach.

„Nein das nicht und sie bemühte sich wirklich, uns eine gute Mutter zu sein. Aber durch ihre Doppelbelastung hatte sie oft keine Kraft mehr. Mein kleiner Bruder vermisste sie mehr als ich. Vielleicht weil sie in meinen ersten 3 Lebensjahren noch Studentin war und dadurch sehr viel Zeit mit mir verbrachte. Ich glaube ich bin darum irgendwie mehr mit Liebe gesättigt, oder ich konnte das sogenannte Urvertrauen entwickeln. Doch Michael hatte als Baby keine Mama, die ständig um ihn herum war. Ich glaube seine Unruhe, seine Suche nach dem richtigen Weg und seine oft sehr traurige Stimmung führt daher, dass er sich nie richtig sicher und geborgen fühlen konnte. Schon in seinen jungen Jahren hatte er immer wieder neue Betreuungspersonen vom Au-pair bis zur Tagesmutter und den Tanten im Kindergarten, um dann später in die Ganztagsschule zu wechseln.“ resümiert Andreas seine Vergangenheit traurig.

„Aber genau dieses Vorgehen, wird ja in unserer Gesellschaft so gefördert und gut geheißen. In jedem Regierungspapier steht und in jeder Regierungserklärung hört man, dass es ein oberstes Ziel sei, die Krippenplätze auszubauen und die Fremdbetreuung zu forcieren, damit ja alle Frauen und Mütter so schnell wie möglich in den Arbeitsmarkt zurückkehren können. Die werden doch nicht alle falsch liegen?“, Leonie bleibt stehen und blickt Andreas auffordernd an.

„Doch! Diese gescheiten Leute liegen alle falsch. Warum glaubst du heißt unsere Sprache Muttersprache? Alles was ein kleines Kind lernen soll, das Urvertrauen statt dem Misstrauen oder die Autonomie statt der Zweifel und die Initiative statt des Versagens, all das lernt jedes Kind doch am besten von einer Person, die es über alles liebt“ meint Andreas aufgebracht.

Leonies Gegenüber hält inne und nimmt einen tiefen Atemzug, „Ich möchte einmal alles dafür tun, dass meine Frau die Möglichkeit hat, bei unseren Kindern bleiben zu können!“.

„Also du willst, dass deine Frau zu Hause bleiben muss?“, fragt Leonie und spürt Ärger in ihr hochsteigen.

„Nein, natürlich nicht, aber ich würde sie dabei unterstützen, ganz Frau sein zu können, mit all ihren Gaben und Fähigkeiten, aber eben auch Mutter sein zu dürfen, was ja in unserer Gesellschaft nicht mehr gern gesehen wird. Sie sollte nie das Empfinden haben, irgendjemanden etwas beweisen zu müssen. Bei meiner Mama hatte ich immer dieses unbestimmte Gefühl, ihr gehe es gar nicht um sie selbst, sondern immer nur um die Anerkennung der anderen.“

Andreas dreht sich Leonie zu, legt seinen Arm um ihre Schultern und zieht sie an sich.

„Glaub mir, eine Frau richtig Frau sein zu lassen, sie wie eine Königin zu behandeln, ist das wertvollste, was wir Männer tun können, denn in Wirklichkeit ist eine Mutter unbezahlbar!“

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