Die Würde des Menschen!

28. Kapitel

Sportlich? Lässig? Leger? Was soll ich nur anziehen? Leonie steht vor ihrem Kleiderkasten und probiert schon das fünfte Mal verschiedene mögliche Wanderoutfits an. Über eine halbe Stunde zieht sie schon Jeans, Sommerhosen oder den schicken, blauen Wanderrock an und wieder aus. Sie ist ratlos und auch ein bisschen nervös.

„Ich glaube ich bin wirklich verliebt“, denkt sie schmunzelnd vor dem Berg von Kleidung stehend.

Leonie erinnert sich an die gestrige Frage ihrer Mutter: „Bist du verliebt, mein Schatz?“. Wenn sie sich heute Morgen so ansieht und wie unschlüssig und nervös sie ist, dann ja, sie ist verliebt. Es kommt ihr auch so vor, als ob sie Schmetterlinge in ihrem Bauch spüren könnte. Früher hielt sie diesen Spruch für blöde und unmöglich, aber jetzt? Ganz nervös zieht sie sich noch einmal um. Doch den neuen hellblauen Wanderrock mit dazu passendem T-Shirt und weißer Windjacke?

Freitagabend, als sie sich von Andreas an ihrer Haustüre verabschiedete, lud er sie für den Sonntagmorgen ein, mit ihm die heilige Messe im Dom zu besuchen. Doch ein gemeinsamer Gottesdienstbesuch, nein danke. Das war ihr dann doch zu intim. Also verabredeten sie sich für den Vormittag zu einem Spaziergang auf den Mönchsberg.

Und jetzt steht sie immer noch vor ihrer Kleiderauswahl, nicht wissend was sie wirklich anziehen soll. Ein Blick auf ihre Uhr erleichtert ihr die Entscheidung umgehend. Sie ist jetzt schon fünf Minuten zu spät. Ein kurzer Blick in den Spiegel, sie bleibt bei der hellblauen Kombination, läuft sie in Windeseile die Treppe hinunter, die Straße entlang, Richtung Innenstadt. Treffpunkt – Domplatz.

Außer Atem kommt sie fast 20 Minuten zu spät und sieht nirgends Andreas stehen. Ein Schreck durchfährt ihr Herz. Hat sie ihn verpasst? Langsam geht sie auf das Gotteshaus zu. Einige Menschengruppen verweilen auf dem Platz und unterhalten sich. Es herrscht ein reges Treiben auf dem Domplatz.  „Es muss gerade die heilige Sonntagsmesse zu Ende sein“, denkt Leonie und versucht ihre aufsteigende Panik zu übergehen. Nirgends ist dieser junge Mann zu sehen. Ratlosigkeit überkommt sie und sie blickt an dem großen, imposanten Gebäude hoch.

Auf einmal wird sie umarmt. „Guten Morgen, schöne junge Frau!“, haucht ihr Andreas ins Ohr. Leonie dreht sich um und blickt in die ihr vertrauten Augen.

„Guten Morgen“, flüstert sie und hätte ihn am liebsten geküsst.

Doch er hat sie schon wieder frei gegeben. „Schade“, denkt sie sich, es hat sich in seinen Armen gut angefühlt.

„Komm lass uns rauf zur Burg spazieren, ich möchte dir gerne die Folterkammer zeigen“, lacht Andreas und nimmt sie bei der Hand. Er zieht sie über den Domplatz, Richtung Festungsberg.

„Willst du mit der Bahn fahren oder doch lieber zu Fuß gehen?“

„Natürlich zu Fuß, was glaubst du denn? Ich liebe es, auf Berge zu klettern“, gibt Leonie fröhlich ihre Absichten kund.

„Klettern ist das zwar nicht gerade, obwohl die kleine Straße zur Burg ziemlich steil ist“, schmunzelt Andreas.

Als der Weg wirklich fast alpin wird, merkt Leonie, Andreas hält noch immer ihre Hand. Es fühlt sich so selbstverständlich an. In dem Moment blickt auch er auf die ineinander verschränkten Hände und lässt sofort los. „Wieder schade!“. denkt Leonie und lächelt in sich hinein.

Die beiden steigen die kleine Gasse zur Festung Hohen Salzburg hinauf, die im Hof der Burg endet. Als Andreas den Weg zum Mönchsberg einschlagen will, hält Leonie ihn zurück.

„Ich dachte, du wolltest mir die Folterkammer zeigen! Ich war das letzte Mal als Kind in diesem düsteren Keller der Burg und würde sie mir gerne wieder einmal anschauen“, sieht Leonie Andreas fast bittend an.

„Ja, wenn du willst. Komm!“.

Sie lösen Besuchertickets und betreten die Innenräume der Burg. Die Festung kann von einer 900 Jahre alten Geschichte erzählen. Die Folterkammer befindet sich im Reckturm. Erschaudernd sieht Leonie all die Hacken, Ketten, Fußfesseln und weitere Folterinstrumente. Die Vorstellung über die höllischen Qualen der Menschen, die hier gefoltert wurden, jagen ihr kalte Schauer über den Rücken. „In Wirklichkeit wurden hier keine Delinquenten gefoltert,“ erzählt Andreas, „alles was du hier siehst ist eine Sammlung von üblen Instrumenten, welche den Schrecken der menschlichen Gerichtsbarkeit dokumentiert!“, führt er weiter aus.

„Für mich ist es immer wieder schrecklich, wie böse, grausam und hart Menschen waren und noch immer sind! Auf unserer Welt passiert so viel Schlimmes und ich bin darüber wirklich von jedem Tag aufs Neue schockiert“, berichtet Andreas von seinen Ansichten.

Die beiden spazieren weiter durch die Burg und als sie die Aussichtsplattform erreichen, überwältigt sie der atemberaubende Blick über die Stadt. Sie breitet ihre ganze Schönheit vor ihnen aus.

„Was für ein schönes Bild!“ Leonie ist begeistert.

„Ja, diese Stadt ist wunderbar!“ Andreas schaut über die Stadt und will gerade Leonies Hand ergreifen, als sie herumfährt und ihn fragend ansieht.

„Ich verstehe die Menschen nicht, wie kann man so grausam sein? Diese Bilder der Folterinstrumente bekomme ich jetzt nicht mehr aus meinen Kopf! Es gruselt mich und ich zittere am ganzen Körper!“. Leonie ist entsetzt.

„Mich macht es auch immer wieder traurig, wenn ich so eine schöne Stadt sehe, aber weiß wie grausam die Menschen in diesen Wänden sein können“, antwortet Andreas und steckt seine Hände in seine Hosentaschen.

„Aber doch nicht heute, nicht in unserer Zeit. Das war früher, im dunklen Mittelalter oder in den zwei Weltkriegen. Wir leben doch im Land der Glückseligen. Es geht uns so gut wie noch nie in unserer ganzen Geschichte“, widerspricht Leonie.

„Das glauben leider so viele Menschen! Aber weißt du, in dieser Stadt sterben jeden Samstag viele unschuldige Kinder und niemand nimmt das wahr, geschweige denn, wird darüber geredet.“ Andreas blickt über die Stadt und seine Augen sprechen Bände.

Leonie sieht diese sonst strahlenden Augen und erkennt eine tiefe Traurigkeit in ihnen. „Du meinst die Möglichkeit in den Salzburger Kliniken abtreiben zu können?“, fragt Leonie leise.

„Du weißt das?  Das erstaunt mich aber jetzt. Wenige Menschen denken darüber nach, was in ihrer geliebten Stadt passiert und fast niemand kommt auf den Gedanken, dass auch an diesem wunderschönen Ort und in unserer modernen Zeit viele unserer Mitmenschen nicht leben dürfen!“ begehrt Andreas auf.

„Aber ist es nicht das Recht jeder Frau über ihren Körper entscheiden zu dürfen?“, Leonie fühlt sich in ihrem Frausein angegriffen und wird nun auch energisch.

„Das ist genau das Argument, das alle immer wieder bringen. Aber erstens ist es nicht ihr Körper, über den sie entscheiden, sondern es ist der Körper und das Leben eines anderen. Zweitens sind wir Ärzte dazu aufgerufen, Leben zu schützen und zu helfen und nicht Leben zu vernichten. Die Menschen glauben, sie können ihr Glück auf dem Unglück eines anderen bauen!“, schließt Andreas und blickt traurig über die Stadt.

Diesen Spruch hat Leonie schon gestern aus dem Mund ihrer Mutter gehört.

„Die Anerkennung der Würde des Menschen ist für mich ein wesentlicher Wert, der in unserer Gesellschaft wieder mehr in das Bewusstsein gebracht werden muss. Glaub mir, während meines Studiums, meiner Ausbildung in den Krankenhäusern und auch jetzt in meiner Praxis befinde ich mich immer wieder in Situationen, in denen die Personen nicht als etwas Besonderes behandelt werden. Sie behandeln weder sich selbst noch ihre Mitmenschen als Geschöpf Gottes. Wenn ich Lobpreisleiter im Dom bin, kann ich Menschen leiten und sie durch das Singen zur Schönheit und zu Gott bringen und als Arzt versuche ich zu helfen und wenn es mir möglich ist, auch zu heilen. Aber ich glaube, wenn der Mensch in seiner gesamten Würde und als Person ganz angenommen wird, dann kann er auch nicht mehr so leicht krank werden.“. Andreas nimmt einen tiefen Atemzug und blickt sanft auf Leonie. Er legt einen Arm um sie und zieht sie an seine Seite.

„Bitte entschuldige. Aber wenn es um den Schutz des Lebens geht, werde ich immer ernst. Und die Folterkammer hat meinen wunden Punkt berührt. Ich hoffe so sehr, dass uns einmal allen bewusst wird, wie wertvoll jeder einzelne in unserer Gesellschaft ist. Wir alle müssen uns wirklich dafür einsetzen, nicht nur die Lebensschützer.“

„Vor kurzem habe ich mich, durch eine familiäre Notsituation mit den Daten und Informationen bezüglich Abtreibung im Internet schlau gemacht und ich muss wirklich sagen, ich war schockiert und ich konnte es gar nicht glauben, in Österreich darf fast jedes dritte Kind nicht leben!“.

Da drückt Andreas sie an sich und blickt ihr tief in die Augen: „Du bist ein kluges Mädchen!“

Beide Augenpaare verlieren sich im Gegenüber. Trotz des unerfreulichen Themas und unter den Eindrücken der Folterkammer, fühlt sich Leonie in den männlichen Armen geborgen. Sie fühlt sich sicher. Sie fühlt sich gehalten. Für einen kurzen Augenblick legt sie ihren Kopf auf seine Brust und spürt einen sanften Kuss auf ihrem Scheitel.

Das ist der Platz, an dem sie immer sein wollte.

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