Ahnst du, wie schön du bist?

27. Kapitel

Stimmen, Reinheit, Herzen. Durch die Landschaft gleitend lächelt Leonie der Sonne entgegen. Den wohltuenden Schatten der Hellbrunner Allee genießend, träumt Leonie dem gestrigen Abend nach. Die gemächliche Geschwindigkeit verleitet die Radfahrerin, versonnen sich in ihren Gedanken zu verlieren. Es fühlt sich an, als ob sie fliegen würde. Obwohl sie zwischendurch immer wieder kleine Wortgefechte ausfochten, war das Zusammensein mit Andreas einfach wunderbar.

Wohlklang. So könnte sie diesen Abend perfekt beschreiben.

Nach dem kleinen Imbiss auf dem Universitätsplatz und einer kurzen Führung durch die Kollegienkirche schlenderten sie durch die Altstadt. Die alten Häuser berichteten still von ihrer Geschichte, doch die beiden spazierten entlang dieser Historie, ohne ihrer gewahr zu werden. Sie flanierten durch die Getreidegasse, am Alten Markt vorbei, verweilten kurz vor dem imposanten Dom, um dann über den Residenzplatz auf den Papagenoplatz zu gelangen. Leonie stellte Andreas Papageno vor, ihrer Lieblingsstatue der ganzen Stadt.  Im Licht der Laternen zeigte sie ihm die schmiedeeiserne Figur, die sie so liebgewonnen hat. Sie verwies auf die Federn, die von seiner Kappe ragten. Gerade diese verhelfen ihr immer wieder zu einer fühlbaren Leichtigkeit.

In der letzten Woche erinnerte sich Leonie immer wieder an einen Tag aus ihrer Jugendzeit. Es war der Tag, an dem sie das erste Mal ihre Tage bekam und sie fühlte Scham, Angst und Verletztheit, wenn sie sich daran erinnerte. So bat sie ihre Mutter um ein Gespräch und nun ist sie auf dem Weg, um mit Mama zu frühstücken

Schon nach dem zweiten Läuten öffnet Ingeborg und umarmt ihre Tochter überschwänglich. „Na meine Kleine, ich freu mich so, dich zu sehen. Es ist so ein herrlicher Tag, sollen wir im Garten frühstücken?“, freut sich Ingeborg und lädt Leonie freudestrahlend ein, ins Haus zu treten. Leonie durchquert ihr Elternhaus und verharrt kurz an der besagten Ecke aus ihren Erinnerungen. Ein Schauer durchläuft sie und sie beschleunigt den Schritt und gelangt in den sonnenbeschienen, wärmenden Garten. Hortensien, Rosen und blühende Sträucher begrüßen sie. Rot, lila, blau, rosa, diese warmen Farbenkombinationen sprechen von ausgewogenem Gleichklang, der durch den Garten zu schwingen scheint. Buchskugeln in verschiedenen Größen säumen die Terrasse und der Kirschbaum an der Hausmauer trägt wie fast jedes Jahr reiche Ernte. Leonie sucht sich einige kleine köstlich aussehende Früchte und steckt sie genussvoll in den Mund. Trotz der warmen Sonnenstrahlen ist ihr immer noch kalt. Um die Ecke gehend erreicht sie durch die zweite Gartentür die Küche. Ihre Mutter stellt gerade frische Semmeln, Butter, Marmelade, Zucker und das Geschirr für zwei Personen auf das wunderschöne Tablett, das mit großen Zitronen verziert ist. Die Holzküche aus massiver Eiche ist schon in die Jahre gekommen, aber durch die frischen gelb und grün karierten Vorhänge, die grüne Sitzbank und den darauf verteilten kleinen gelben Polstern, wirkt sie immer noch heimelig und gemütlich. Leonie sieht sich kurz in ihre Kindheit zurückversetzt, lächelt, nimmt ihrer Mutter das Tablett ab, stellt es auf dem Gartentisch ab und deckt ihn.

Der verführerische Kaffeeduft durchströmt Leonie, noch bevor ihre Mama mit den dampfenden Kaffeetassen den Tisch erreicht. Die Sonne wärmt ihr den Rücken und schön langsam kriecht die Kälte aus ihren Knochen.

Ingeborg setzt sich zu ihrer Tochter und blickt verwundert ihre Jüngste an. „Irgendetwas hat sich bei dem Mädchen verändert! Sie ist noch schöner geworden!“, denkt Ingeborg, aber traut sich nicht, es offen auszusprechen.

„Mama kannst du dich an den Tag erinnern, als ich meine erste Periode bekommen habe?“ fragt Leonie schnell, damit sie es sich nicht anders überlegen kann.

„Wieso fragst du mein Schatz?“, will Ingeborg erstaunt wissen.

„Ja weißt du, ich hatte vor einer Woche ein unerfreuliches Erlebnis und als ich später darüber nachdachte, erinnerte ich mich an einen Tag als ich noch ein Kind war, ich saß im Vorhaus alleine in der dunklen Ecke und schämte mich wegen meiner Periode. Ich spüre immer noch ein großes Unbehagen und habe Geräusche im Kopf, die mir große Angst bereiten. Ich sehe mich weinend, in die dunkle Ecke verkriechend. Angstvoll, leidvoll und einsam. Die ganze Situation wirkt immer noch beängstigend auf mich!”, fasst Leonie ihre Gedanken zusammen.

Während Leonie erzählt, erblasst Ingeborg zusehends. Ganz langsam kommt die Erinnerung in ihr hoch. Ihr Atem stockt. Leonie blickt auf und schreckt vom Angesicht ihrer Mutter zurück, weiß wie eine Wand.

„Ach mein Schatz, ja und ob ich mich an diesen Tag erinnere. Es waren keine schöne Stunden.“

„Ja aber was war so schlimm daran, dass ich meine Tage bekommen habe. Soll dieses Ereignis, wenn ein Mädchen beginnt Frau zu werden, nicht ein gutes sein?“ will Leonie verwundert wissen.

„Nein meine Kind!“, erschreckt fährt Ingeborg hoch. „Das hatte nichts mit dir zu tun. Es war ein unglücklicher Zufall, dass dieser für dich so besonderer Tag genau mit einem der heftigsten Streitigkeiten zwischen mir und deinem Vater zusammenfiel. Ich kann mich noch so genau erinnern. Wir hatten eine unserer wenigen aber sehr heftigen Auseinandersetzungen.  Wir schrien uns an. Ich sprach sogar von Scheidung. Plötzlich hörte dein Vater ein Wimmern und wir fanden dich in der Ecke kauernd, weinend und so verloren. Bei diesem Anblick brach es uns beiden das Herz.“

„Ja aber?“, Leonie stockt. Nachdenkend versucht sie sich zu erinnern.

„Wir waren so auf uns fixiert, dass wir dich gar nicht wahrgenommen haben!“, erzählt Ingeborg weiter.

„Aber als wir dich so sahen, durchschnitt ein Messer unsere Herzen. In diesem Augenblick erkannte ich unseren eigenen Egoismus. Durch die finanziellen Probleme mussten wir sehr viel arbeiten und ich fühlte mich als Frau vernachlässigt. So suchte ich mein Glück auf verschiedenen Wegen zu finden. Du weißt, ich begann mich mit allem möglichen esoterischen Kram zu beschäftigen. Ich wollte unsere Probleme auf diese Art und Weise lösen und eines Tages wurde es deinem Vater zu bunt und das war der Auslöser für den Streit. Ich fühlte mich natürliche nicht verstanden und verteidigte meine sogenannte Selbstfindung.“, erzählt Ingeborg bedrückt von der Vergangenheit.

„Ja aber“, Leonie beginnt von neuem: „Dann hatte meine Verletztheit gar nichts mit mir zu tun, sondern mit eurem Streit? Ich dachte immer ich wäre als Mädchen nichts wert und deshalb habe ich mich so geschämt. Ich dachte ihr streitet meinetwegen!“ führt Leonie ganz außer sich aus.

„Nein mein Engel, kannst du dich nicht mehr erinnern?“, ungläubig blickt Ingeborg Leonie ins Gesicht. „Nachdem wir dich weinen gesehen haben, hielt ich dich lange fest und versuchte dich zu beruhigen. Aber du warst so verzweifelt. Du konntest mir nicht erzählen, was passiert war und erst am Abend sah ich den Grund. Ich glaube wir haben nie darüber gesprochen. Es tut mir so leid!“ kummervoll blickt Ingeborg ihr Kind an.

„Sehr lange Zeit, war ich davon überzeugt ich könne mein Glück nur finden, wenn ich mich viel mit mir beschäftige. Selbstfindung, Selbsterkenntnis, Selbstverwirklichung, ich dachte wirklich, das wäre der glücklich machende Weg. Bis zu dem Augenblick, als ich deine Verzweiflung, deinen Schmerz und dein Unglück sah. Da wurde mir bewusst, ich kann mein Glück nicht auf dem Unglück eines anderen aufbauen und so habe ich ab diesem Zeitpunkt versucht, mich umzuorientieren, nahm mir mehr Zeit für euch beide und fand auch wieder mehr Halt im Glauben.

„Was schon so früh hast du begonnen, nicht mehr zu pendeln?“. Lilly und mir ist das erst viel später aufgefallen!“, durchforscht Leonie ihr Gedächtnis.

Ingeborg erzählt weiter: „Früher hatten die Frauen viel mehr Kontakt zueinander und so haben die älteren die jüngeren ganz selbstverständlich in die Weiblichkeit eingeführt. Aber ich war durch die Firma so gestresst, dann kamen noch meine damaligen „Hobbys“ dazu und so hatte ich keine Zeit und auch nicht das Wissen, um mit euch über Intuition, den Blick für Beziehungen oder die Fähigkeit in Herzensdingen Bescheid zu wissen, zu sprechen. So ganz typische Fähigkeiten von uns Frauen haben wir nie behandelt. Was ich aber richtig bereue, ist, ich habe euch nicht gelehrt, eure eigene Schönheit erkennen zu können. Der heilige Thomas von Aquin sagte einmal: „Alles, was die Seele glücklich macht, liegt außerhalb ihrer selbst! Wie recht er hat. Ich dachte ich finde mich durch mich selbst, aber erst durch euren Vater und durch euch bin ich das geworden, was ich bin. Nur durch die äußeren Einflüsse und durch Begegnungen mit anderen kann ich mich selbst finden. Besser gesagt, durch den Einsatz für den anderen. Ich werde mir auch meiner Schönheit gewahr, wenn es jemanden gibt, der mich so sieht wie ich bin. Oder besser gesagt: Wenn eine Frau sich geliebt fühlt, wird sie schön!“

Leonie strahlt ihre Mutter an und da wagt es Ingeborg doch, ihre Tochter zu fragen: „Bist du verliebt mein Schatz?“

„Warum weißt du das? Mama!“

Ingeborg lächelt ihre Tochter an und fühlt sich seit langem wieder mit ihrem Kind im Herzen verbunden.

„Mein Engel! Weil du heute, ganz besonders schön bist!“

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