Abbild Gottes

26. Kapitel

Er verliert sich in samtenen, blauen Augen. Leicht verschwommen nimmt er rings um ihn ein Leuchten war.

„Es ist nicht ihr Baby…!“: Der Gedanke durchschweift seinen Kopf. „Es ist nicht ihr Baby!“

„Ja und dann kamen Lena und ich durch Zufall zu ihnen, Herr Doktor und meine Kleine ist ganz verliebt!“, plappert Lilly weiter, immer noch nicht begreifend, dass die beiden sie gar nicht hören. Plötzlich jedoch, als ob es in ihrem Kopf geklickt hätte, stoppt sie mitten im Satz. Lilly blickt von einem zum anderen und nimmt das Strahlen in den zugewandten Augenpaaren wahr. Ganz leise ergreift sie Klausi und zieht ihn fort.

„Hello!“ Fast flüsternd begrüßt Leonie Andreas noch einmal. „Danke, sie haben den Kleinen gerettet und mich ausnahmsweise nicht umgerannt!“, lächelt Andreas und versucht etwas verlegen ein Gespräch zu beginnen. „Ja“ Leonie strahlt: „Ich sah den Kleinen aus seiner Sandkiste krabbeln!“ erklärt sie und blickt sich, Lilly suchend, um. Ihre Schwester, die gerade ihre Kinder zusammen klaubt, lächelt ihr mit einem breiten Grinsen entgegen.

Das war vor einer Woche. Andreas lud sie sogleich auf einen Kaffee ein, doch Leonie winkte fast panisch ab. Diese Nacht war noch so frisch und die Erinnerung daran übermannte sie so plötzlich, dass ihr die Luft wegblieb.  Sie schlug ihm vor, sich in einer Woche, am Freitagabend in der Stadt auf einen Drink zu treffen.

„Freudvoll und leidvoll, gedankenvoll sein. Langen und Bangen in schwebender Pein…“, dieses Lied, das Johann W. Goethe sein Klärchen singen lässt, durchstreift ihre Gedanken.  Ja, ihr kommt es vor, als würde sie Klärchen erst jetzt verstehen. Bewundernd bleibt sie vor dem sonnenbestrahlten Dom stehen und lässt sich von der stillen, ja fast heiligen Atmosphäre einfangen. Schwebende Pein, ja so kurz vor dem Treffen mit Andreas fühlt sie so etwas wie Pein in ihrem Herzen. Nervös, aufgeregt, freudig, erwartend und glücklich. All diese Gefühle durchströmen sie. Alle auf einmal. Sie blickt hinauf zur Burg Hohen Salzburg. Die Sonne steht schon tief und taucht den Platz, den Dom und die Burg in ein goldenes Licht.

Stimmung rein und frei.

„Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt. Glücklich allein die Seele, die liebt!“, beendet Leonie das Gedicht in Gedanken. Still stehend, betrachtet sie die Schönheit.

Leonie spaziert durch die abendliche Stadt. „Was passiert gerade in meinem Leben? Diese Nacht in Wien, das Treffen mit meiner Schwester, das Zusammensein mit Mama und die Gespräche mit Omi. So viele Eindrücke…“

Am Montag begann sie in ihre neue Arbeit in der Anwaltskanzlei. Sie muss sich erst einarbeiten, Akten sortieren, lesen und analysieren und so hat sie gar keine Zeit, sich Gedanken über sich oder jemand anderen zu machen. Ihr Büro ist klein, aber gemütlich. Um Einblick in die kleine aber gutgehende Kanzlei zu bekommen, muss sie alte Fälle überarbeiten und abheften. Doch jetzt kommen diese Gedanken wieder in ihr hoch.

Freudig, aber langsamen Schrittes, erreicht Leonie in ihrem gelben Sommerkleid den vereinbarten Ort. Schimmernd liegt der Universitätsplatz vor ihr. Sofort erblickt sie Andreas an einem kleinen, grünen, runden Tisch sitzend. Tief versunken, die ihm gegenüberliegende Kollegienkirche betrachtend.  Versunken im Anblick dieses wunderschönen Gotteshauses. Beobachtend, abwartend, zögernd geht Leonie ganz langsam auf den Platz zu. Sie ist ganz fasziniert vom Anblick dieses Mannes. Etwas Unbekanntes scheint von ihm auszugehen. In diesem Augenblick dreht er seinen Kopf in ihre Richtung und erblickt Leonie. Ein Lächeln erhellt nicht nur seine Augen, nein das ganze Gesicht strahlt. Er springt auf und kommt ihr mit federnden Schritten entgegen. Fast will er sie umarmen, hält sich zurück, reicht ihr die Hand und führt sie ganz galant zu dem grünen, verschnörkelten Gartensessel. An seiner Hand.

Leonie nimmt Platz und blickt zur Kirche, die in der Abendsonne schimmert.

„Ich bin ganz verliebt in dieses Gotteshaus. Johann Bernhard Fischer von Erlach hat sie 1707 erbaut!“, erzählt Andreas voller Begeisterung.

Leonie fängt an zu lachen. „Weißt du, ich habe dich ja vor einiger Zeit im Dom beobachtet und ich dachte, du wärst Fremdenführer, bis ich sah, dass du Chorleiter bist. Dann traf ich dich im Restaurant und bekam mit, dass du einen Verein gründen willst, der sich reine Herzen nennt und später hörte ich, du seist Doktor. Und heute erzählst du mir von Kirchen. Bist du doch ein Fremdenführer, oder was bist du jetzt wirklich?“.

Ein breites Lächeln leuchtet in Andreas Gesicht auf: „Fremdenführer? Vielleicht besser gesagt, Stimmführer. Für mich ist die Stimme einer der wichtigsten Ausdrucksmittel eines Menschen. Mein Beruf ist Kinderarzt und ich möchte für das Wohlergehen der Kinder meine Stimme erheben. Im Chor unterstütze ich Menschen ihre Stimme zu finden und in diesem Verein versuchen wir den jungen Paaren zu lernen, Stimme füreinander zu sein. Ich liebe diese Kirche ganz besonders, denn Fischer von Erlach konzipierte dieses Gotteshaus so, dass es dem Menschen leichter fällt, Gottes Stimme hören zu können. Durch den hellen Mittelbereich können Gott und der Mensch sich leichter finden. Im Gegensatz zu den früheren Bauten ist sie einheitlich in weißer Farbe gestrichen, ohne Gemälde wirkt es hell und freundlich. Darüber hinaus krönt in der Mitte auf einer Mondsichel verweilend, die Gestalt von Maria der Muttergottes und gerade durch sie bekommen wir eine Stimme zu ihrem Sohn. Durch die Helligkeit und Freundlichkeit des Innenraumes kann der Mensch im Haus innehalten, kommt sich nicht klein und unbedeutend vor und kann seine Stimme zu Gott erheben. Für mich ist eine Stimme zu haben und sie an den anderen zu richten, das Zeichen der gegenseitigen Ehre. So glaube ich, oder besser gesagt vertraue ich darauf, dass wir unsere Stimme an Gott richten dürfen, können und sollen. Das ist mein Beweis, wir sind wirklich Gottes Abbild.“ beendet Andreas seine kleine Ansprache.

„Wow!“ Leonie atmet durch.

„Ja ich weiß, ich bin ein komischer Vogel!“, lacht Andreas und seine weißen Zähne blitzen.

„Meine Mutter spricht auch immer vom Abbild Gottes. Aber ehrlich gesagt, kann ich diese Ansicht nicht teilen. Wenn wir wirklich wie Gott sein sollten, dann verstehe ich das ganze Leid auf dieser Erde nicht. Ich verstehe die Falschheiten, Gemeinheiten, Lügen, Gewalttätigkeiten, Kriege, Vergewaltigungen und all die das Schlimme nicht. Wie könnten wir Gott ähnlich sein?“ Fordernd blickt Leonie Andreas direkt ins Gesicht.

„Da hast du recht. Auf dieser Erde ist viel Unheil zugange. Doch am Anfang hatten wir ja das Paradies, nur leider kam die Geschichte mit Adam und Eva dazwischen, der sogenannte Sündenfall. Deshalb entwickelte sich die Erde so, wie sie gerade ist. Wir sind  alle aufgefordert, uns für eine bessere Welt einzusetzen, oder?“, Andreas erwidert Leonies fordernden Blick und beide starren sich für einen kurzen Moment in die Augen.

Plötzlich fängt Andreas laut zu lachen an: „Wollen wir uns schon an unserem ersten Abend streiten?“

Leonie lächelt und schweigt. Ihr gegenüber sitzt einer der smartesten Männer mit den schönsten Augen und obwohl er so ganz anders spricht, als sie es gewohnt ist, fühlt sie sich in seiner Gegenwart wohl. Unverständlicherweise geht etwas von ihm aus, das sie ruhig werden und entspannen lässt. Ja sie spürt sogar in ihrem Herzen so etwas wie Glück und es kommt ihr vor, als ob ihr inneres Zentrum vor Freude hüpfen möchte. Wohlgefallen! Sie erinnert sich an die Worte von Barbara vor gar nicht so langer Zeit.

Die Sonne taucht noch mit ihrer letzten Kraft den Platz in oranges, goldenes Licht, die Dämmerung schleicht von der gegenüberliegenden Häuserzeile herbei, und über ihnen liegt eine Stille, die Leonie Frieden zu schenken scheint.

„Freudvoll und leidvoll, gedankenvoll sein. Langen und Bangen in schwebender Pein…“wieder diese Worte, abgelöst von einem ihrer Lieblingslieder „Killing me softly, with his words, killing me softly…“ Ja, eine süße Pein verspürend und strahlend blickt Leonie im untergehenden Sonnenlicht Andreas entgegen.

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