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25. Kapitel

Sie spürt Arme, festhaltend, umarmend. Leonie hebt langsam ihren Kopf, schaut direkt in ein bekanntes, strahlendes Gesicht. Von weit her nimmt sie ein Kichern war und etwas stupst an ihre Nasespitze.

Leonie öffnet die schlafschweren Augen und blickt in zwei lachende Kindergesichter. Sie schreckt auf und sieht ihre Nichte Lena und ihren Neffen Christoph dicht vor ihr stehen.

„Na endlich bist du munter, Tante Leni“, versucht Christoph zu flüstern, was ihm aber nicht gelingt.

„Kinder, habe ich euch nicht gesagt, ihr sollt eure Tante schlafen lassen!“, zetert Lilly vom Vorhaus aus in die Küche. „Aber Mama, jetzt ist Tante Leni einmal da und da sollen wir sie schlafen lassen?“ entgegnet Christoph entrüstet. „Wir wollen mit ihr spielen. Außerdem ist es schon nach Mittag und da schläft man normalerweise nicht mehr, nicht wahr Tante Leni?“ Christoph sieht seine Tante treuherzig an und zaubert Leonie dadurch ein Lächeln ins Gesicht. „Ja mein Kleiner, du hast vollkommen recht! Es ist Zeit aufzustehen. Aber ich muss mich noch anziehen, du siehst, ich habe noch Omis Schlafmantel an. Wartet hier auf mich, ich komme gleich!“, Leonie springt von ihrem wohligen Schlafplatz auf.

„Hast du heute bei der Urli geschlafen?“, fragt Lena interessiert.

„Ja so könnte man es nennen“, antwortet Leonie und wird plötzlich rot im Gesicht. Sie verschwindet schnell im Bad. Beim Vorbeihuschen bemerkt sie aus den Augenwinkeln Lillys fragenden, an Gertrude gerichteten Blick. Doch die Großmutter zuckt nur kurz mit den Schultern.

Im Bad hängen Hose, Bluse und der Pullover, frisch gewaschen und getrocknet auf einem Kleiderbügel. „Danke, geliebte Omi!“, flüstert Leonie und zieht sich schnell an.

Kinderlachen durchflutet das Haus. Leonie angelehnt an der Küchentür, beobachtend und schweigend. Die Szene wirkt kitschig. Lilly und die drei Kleinen lachen und scheinen richtige glücklich zu sein.

Ein komisches Gefühl macht sich in Leonie breit. Eifersucht?

Da blickt Lilly hoch und schenkt ihrer Schwester ein Lächeln. „Reiß dich zusammen!“, schimpft sich Leonie in Gedanken, setzt ihrerseits ein Lächeln auf, stößt sich vom Türrahmen ab und nimmt neben Christopf Platz. In seine Seite zwickend fragt sie ihn: „Na mein Großer, was hast du heute schon wieder angestellt?“ „Nichts Tante Leni, nur dich geweckt und das war auch notwendig, oder nicht?“, lacht er und zwickt zurück.

Leni! Lilly weiß von der Abneigung der Schwester diesem eher altmodischen Namen gegenüber. Doch die Kleinen finden den Namen so schön und wollen nicht davon ablassen. Lilly muss immer wieder darüber lächeln, wenn sie merkt, wie Leonie die Kinder verbessern will, aber es dann doch sein lässt. „Vielleicht ist meine jüngere Schwester doch klüger“, denkt Lilly schmunzelnd bei sich.

„So mein Schwesterherz, was ist bei dir los?  Du schläfst Samstagmittag auf Omis Sofa? Noch dazu in dem alten Schlafmantel! Erzähl, gibt es was Interessantes zu berichten?“, will Lilly verschmitzt lächelnd wissen. Leonie blickt ihrer Schwester ein wenig verzweifelt in die Augen und schüttelt den Kopf. „Wenn du Zeit hast, könnten wir mit den Kleinen auf den Spielplatz gehen. Vielleicht kommen wir ja etwas zum Reden“, antwortet Leonie, zugleich erstaunt über ihre Worte, denn sie wollte eigentlich nur mit ihrer Omi über die letzte Nacht sprechen.

„Ja, Tante Leni, bitte schaukeln,“ freut sich auch Klausi und spuckt einige Brösel eines Keks heraus, den er sich gerade in den Mund gesteckt hat.

Nach der vorzüglichen Jause brechen sie gemeinsam auf, die Kinder schon ganz kribbelig, freuend auf den gemeinsamen Spaziergang mit ihrer Tante. Leonie spielt mit den beiden Großen fangen, sie laufen um die Wette und in dem kurzen Waldstück das sie passieren, versteckt sich Leonie hinter einem großen Baum und die Kinder brauchen eine ganze Weile, sie wieder zu finden. Dieses zwanglose Spielen ist wie Balsam auf Leonies Seele.

Am Spielplatz angekommen, setzt Lilly Klausi in die Sandkiste und Lena und Christoph stürmen sogleich los, um die verwinkelte Kinderburg zu erobern.

Die beiden so verschiedenen Schwestern setzen sich auf eine Bank im Schatten und beobachten schweigend die Kleinen.

„Wie wusstest du, Klaus ist der richtige Mann für dich?“, fragt Leonie in die Stille hinein.

„Oh, das ist eine ungewohnte Frage. Gerade jetzt tue ich mich schwer, diese zu beantworten. Durch diese vierte Schwangerschaft und die daraus entstehenden finanziellen Probleme haben wir es in unserer Ehe gerade nicht so leicht und unsere Nerven liegen teilweise ganz schön blank. Deshalb auch meine regelmäßigen Besuche bei Omi, denn Klaus braucht einfach seinen Sport,“ erklärt Lilly traurig.

„Aber gibt es keine Checkliste an die ich mich halten könnte. Wo ich einfach Punkte abhaken muss?“ Leonie beginnt zu lachen „Das wäre ja so viel einfacher, oder?“.

Lilly lächelt: „Ja das wäre super, aber leider spielt das Leben nicht so und die Liebe schon gar nicht“.

„Aber du hast ja in deinem Kurs einiges über Psychologie und Sexualität gelernt. Da sollten doch einige Tipps darunter gewesen sein.“, will Leonie von ihrer Schwester wissen.

Du hast recht, in meinem Studiengang Leib-Bindung-Identität in Heiligenkreuz haben wir viel über diese Themen wie Partnerschaft, Sexualität und Liebe gesprochen, aber eine einfache Antwort gibt es nun mal auf diese Fragen der Partnerschaft nicht. Ich glaube, die Punkte, die mir und Klaus immer wieder helfen, sind unsere Gemeinsamkeiten.  Wir haben die gleichen Hobbys und auch die selben Vorlieben für Filme, Theaterstücke und Konzerte. Wir sporteln beide sehr gerne, lieben gutes Essen und wenn wir uns gemeinsam interessante Texte vorlesen, dann merken wir immer wieder eine große Ähnlichkeit in unserer Weltanschauung. Ich glaube, nein ich weiß, wir vertreten dieselben Werte, wie Ehrlichkeit, Treue, Mut sich für Dinge einzusetzen und viele mehr. Auch unser Glaube wird mit jedem Jahr wichtiger für uns beide.“, erzählt Lilly und ihre Gesichtszüge werden mit jedem Wort weicher. „Man sieht es ihr direkt an, sie liebt ihren Mann“, denkt Leonie und ein Hauch von diesem bekannten Gefühl umweht ihren ganzen Körper. Ja es ist Eifersucht!

„Aber wann wusstest du, er ist der Richtige?“ hakte Leonie nach.

„Das wusste ich nicht gleich,“ denkt Lilly laut. „Wir waren schon einige Zeit zusammen, doch eines Tages, Klaus stand so vor mir und ich staunte über ihn. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben könnte, aber ich war so ergriffen von seiner Person, von seiner Männlichkeit, von seiner Güte. Ich vergaß für einen Moment zu atmen, überrumpelt von dem überwältigenden Gefühl in meinem Herzen. Diesen Augenblick werde ich nie wieder vergessen!“, Lilly strahlt die kleine Schwester an.

In dieser Sekunde klettert Klausi aus seiner Sandkiste und läuft ohne rechts noch links zu schauen auf den Radweg zu, der unglücklicherweise am Spielplatz vorbeiführt. Lilly beobachtet ihren Sohn und während sie sich noch in Gedanken fragt, was er da macht, sprintet Leonie schon los, die Radfahrergruppe kommen sehend und einen Zusammenstoß befürchtend. Sie packt ihren Neffen und kann ihn noch festhalten, als die Gruppe vorbeirast. Sie hebt ihn vom Boden auf und aus den Augenwinkel nimmt sie wahr, dass einer der Fahrer absteigt und auf sie zukommt.

Wie kann es anders sein?  Andreas! Er lächelt Leonie mit einem breiten Grinsen an, als Lilly ihn lautstark begrüßt. „Grüß Gott Herr Doktor. Darf ich ihnen meine Schwester Leonie und meinen Sohn Klausi vorstellen. Liebes Schwesterherz, das ist unser neuer Kinderarzt Doktor Andreas Unterkofler. Ich war mit Lena vor drei Tagen bei ihm und seitdem fallen der Kleinen immer neue Dinge ein, die sich der Onkel Doktor vielleicht ansehen könnte.“, plaudert Lilly einfach drauf los und übersieht das gegenseitige Strahlen der Beiden.

„Es ist nicht ihr Kind, es ist nicht ihr Baby!“, freut sich Andreas in Gedanken.

Leonie steht nur da und strahlt diesen feschen, jungen Mann in seiner sexy Rad-Dress an.

„Hello,“, klingt es in ihrem Kopf.

„Hello,“, klingt es in ihren Gedanken.

„Hello,“, klingt es in ihrem Herzen.

 

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