Väter und Töchter

24. Kapitel

Ein Schatten fiel auf Gertrude und trotz des schwülen Sommertages fröstelte es sie. Sie hockte mit ihren drei kleinen Kätzchen spielend im Hof und blickte auf. Ein Fremder, in abgerissener Kleidung, schmutzig, abgemagert und mit langem Bart, stand über sie gebeugt und wollte ihr über das Haar streicheln. Bis auf die Knochen durchfuhr der Schreck Gertrude. Sie sprang auf und lief schreiend an dem Fremden vorbei ins Haus. Maria, einen vollen Korb mit Wäsche tragend, war nicht schnell genug, um das verzweifelte Kind in die Arme zu nehmen, sodass Gertrude die Füße ihrer Mutter umschlang und ihr Gesicht in der Schürze vergrub. Maria verstand das heftige Schluchzen der Kleinen nicht. Sie blickte ratlos zur Eingangstür und sah ihn.

Gebeugt, abgerissen, verwahrlost.

1945 kam Gertrude als viertes Kind von Maria und Johann zur Welt. Ihr Vater konnte Gertrudes Geburt nicht miterleben. Er wurde, noch bevor er von der Existenz seiner Tochter erfuhr, in den Krieg einberufen. Als wichtiger Bauer war er viele Jahre vom Kriegseinsatz verschont geblieben, aber als er sich für den ortsansässigen Priester einsetzte, dauerte es nicht lange und er fand sich im Russlandfeldzug in Stalingrad wieder. Johann verschwand.

Gebeugt, abgerissen, verwahrlost.

Maria erkannte ihn sofort, löste sich von Gertrude und lief ihrem Mann entgegen. Plötzlich hielt sie vor Entsetzen inne und sah ihn bestürzt an. Sein eingefallenes Gesicht war blass und sein Kinn war spitz und kantig geschliffen. Der hagere Körper, bedeckt von einem langen, schmutzigen Mantel stand gebückt gegenüber. Einen langsamen, zurückhaltenden Schritt ging sie auf Johann zu und da sah sie seine Augen. Sie waren matt und müde, doch als sie in ihnen die Liebe erkannte, flog sie ihrem Ehemann zu und umarmte ihn leidenschaftlich.

Gertrude stand daneben und betrachtete das Schauspiel mit Argwohn und Befremdung. Als sie Mutter weinen hörte, wurde ihr angst und sie fing ihrerseits heftig an zu schreien. Da ließ Maria von Johann ab, bückte sich zu ihrer kleinen Tochter, nahm sie auf den Arm und hob die Kleine hoch.

„Mein kleiner Schatz, hab keine Furcht. Dieser Mann ist dein Papa.“ In Johanns Augen blitzte ein zaghaftes Leuchten auf.

Gertrude verstummt in ihrer Erzählung und ein Kloß verengt ihr den Hals. Sie sieht sich als kleines Mädchen, verzweifelt im Flur stehend und auf ihre Eltern blickend. In ihr kommt die Erinnerung ganz langsam hoch und Tränen suchen sich ihren Weg. Mit einem langen Seufzen erzählt sie weiter.

Maria bemerkte in diesem Augenblick, welche Mühe es Johann bereitete, sich auf seinen Beinen halten zu können, so stellte sie ihre Tochter auf den Boden und stütze ihren Mann, um ihn in die Küche zu bringen. Ganz in ihrer Art umsorgte Maria Johann mit allem, was sie glaubte, das er brauchen könnte. Während sie geschäftig herumlief, rief sie alle im Haus zusammen. Die Mutter Johanns kam trotz ihrer schwachen, alten Beine gelaufen und umarmte ihren Sohn weinend.

Johann war ein wortkarger und verschlossener Mensch geworden. In den ersten Jahren tat er sich mit Gertrude besonders schwer. Er liebte sie von Anfang an, aber gerade dieses Kind ließ ihn nicht vergessen. In den Nächten, wenn Alpträume ihn heimsuchten, wachte er oft schweißgebadet auf und das Grauen holte ihn wieder ein.

Sieben Jahre hatte die Kleine keinen Vater und noch weitere sieben fanden Vater und Tochter nicht zusammen. Johann konnte sich seinen Schmerzen nicht stellen und so stürzte er sich in seine Arbeit. In seiner kargen freien Zeit las er in einem dicken alten Buch. Es war ganz abgegriffen und schon ein bisschen zerfleddert.

„Weißt du Leonie, ich verstand einfach nicht, warum mein Vater keine Zeit für mich hatte. Mit meinen sieben Jahren freute ich mich so, einen Papa bekommen zu haben, aber ich konnte mit seiner Wortlosigkeit, seiner Zurückgezogenheit und mit seiner Abwesenheit in seiner Anwesenheit nichts anfangen. Erst viel später als ich meine Tochter verlor und selbst eine schlimme Zeit durchlebte, fing ich an, meinen Vater zu verstehen. Nicht nur seine Heimat brauchte Zeit, damit die Wunden heilen konnten, auch mein Vater brauchte diese.“ Gertrude blickte auf. In ihren Augen ein Schimmern.

So wuchs das kleine Mädchen ohne Vater auf. Sie lernte nicht, was es heißt, beschützt zu werden, wenn ihre großen Brüder wieder einmal gemein zu ihr waren. Sie lernte nicht, sich auf einen Mann verlassen zu können und sie konnte die Sicherheit, die ein Vater seiner Tochter geben kann, nie spüren. Und doch fühlte das Kind eine Sehnsucht nach Führung, Sicherheit und Halt.

„Weißt du mein Schatz, in meinem langen Leben lernte ich, durch eigenes leidvolles Erfahren, wie bedeutend ein Vater für seine Tochter ist. Ich mache meinem keinen Vorwurf, denn er kam schwer verletzt vom Krieg nach Hause und hatte einfach keine Kraft und auch nicht das Wissen, wie wichtig er für mich und auch für meine Geschwister gewesen wäre.“

Gertrude blickt auf und sieht Leonie schlafend auf ihrem Sofa. Sie steht auf und deckt ihre Enkelin behutsam zu. „Mein Schatz, die Beziehung zwischen einem Vater und seiner Tochter soll nun mal eine Beziehung fürs Leben sein!

Weiterlesen…