Gibt es Scham wirklich?

23. Kapitel

Leonie legt auf. Tränen suchen sich den Weg über ihre Wangen und fallen leise auf ihre zerknüllte Jacke. „Hello“, immer noch klingt Adeles Stimme in ihrem Ohr. „Hello, it’s me“ –  mehr nachdenkend als feststellend, mehr Frage als Tatsache. Der Gedanke dehnt sich in ihr aus. Im Kopf, im Körper, im Herzen. „Hello!“.

Die Großmutter öffnet ihr die Tür, umarmt sie liebevoll und hält ihre Enkelin fest in den Armen. Leonie drückt sich an ihre geliebte Oma und haucht ein leises Hello. Gertrude schiebt Leonie von sich und blickt in blaue Augen. „Mein Schatz, komm in die Küche, ich habe uns ein einfaches, aber leckeres Frühstück bereitet. Aber du fröstelst ja am ganzen Körper. Möchtest du dich vor dem Essen noch duschen?“, erkundigt sich Gertrude besorgt blickend. Leonie betrachtet ihre Omi und wundert sich wieder einmal über die Weisheit der alten geliebten Frau. In diesem Moment erspäht sie im gegenüberliegenden, lebensgroßen Spiegel eine Gestalt. Sie bemerkt erst jetzt ihre zerknüllte Kleidung, ihre zerfransten Haare und ihr verschmiertes Gesicht. Ingeborgs Erklärung kommt ihr in den Sinn: „Wir sind alle Abbilder Gottes!“ – „So bin ich sicher kein göttliches Abbild!“ Wie der metaphorische Stich ins Herz durchfährt Leonie dieser Gedanke.

Leonie huscht in das kleine Bad, zieht schnell Bluse, Hose und Unterwäsche aus und stellt sich unter den dampfenden Wasserstrahl. „Herrlich!“ Es kommt ihr vor, als ob sich eine dicke Schmutzschicht lösen würde. Leonie schließt die Augen und lässt sich in ihre Gedanken fallen. Es drehen sich Bilder und Erinnerungen. Sie sieht sich als kleines Mädchen, sitzend in einer dunklen Ecke im Vorhaus ihrer Eltern. Plötzlich spürt sie Hände. Hände, die da nicht hingehören.  Plötzlich erscheint Marcos Gesicht. Überall seine Hände. Leonie erschaudert. Erinnerungen der vergangenen Nacht kehren zurück. Es fällt ihr schwer zu atmen. Sie sieht und spürt sich in enger Umarmung mit Marco.

Scham macht sich in ihrem Körper, in ihrem Kopf, in ihrem Herzen breit.

Weinend hält sie sich an der kalten Fliesenwand fest. Das heiße Wasser rinnt über Kopf, Rücken und Beine in den Abfluss.

Leonie nimmt das Duschgel ihrer Omi und schrubbt sich am ganzen Körper ab. Ein Zitronenduft erfüllt den dampfenden Raum. Die Frische und die bekannten Umrisse des alten Badezimmers scheinen Leonie zu beruhigen. Sie bleibt unter dem heißen Strahl stehen und es fühlt sich so an, als ob die schweren Gefühle mit dem Wasser in den Abfluss fließen würden.

Sie steigt aus der Kabine, nimmt ein Handtuch, trocknet sich ab und wickelt sich in das kuschelige Tuch ein. „Was hat der dunkle Vorraum im Elternhaus mit ihrem Erlebnis der letzten Nacht zu tun?“ Leonie steht vor dem Spiegel und betrachtet sich. Die langen, nassen Haare kleben am Kopf, sich um ihren Hals schnürend. Starr verkrümmt sind ihre Schultern, von ihren eigenen Armen umschlungen. Bei dem Anblick wird sie blass. Die kleinen Brüste, der Bauch und die Oberschenkel sind fest bedeckt vom rosa gefärbten Frottee ihrer Oma.

Leonie betrachtet sich lange. Erinnerungen schwimmen hoch. Die dunkle Ecke im Elternhaus, in die sie sich als junges Mädchen verkroch, als sie merkte, dass ihre Regel begonnen hatte. Das nächste Bild zeigte sie nach dem ersten Mal. Sie sah ihr enttäuschtes Gesicht vor sich und vergessene Gefühle meldeten sich in ihrem Herzen. Und die letzte Nacht. Auch hier dieselbe Kraft, dieselbe Intensität, die wirkt. Scham.

Leonie föhnt kurz das blonde Haar, nimmt den alten Schlafmantel ihrer Großmutter vom Hacken und eilt über das kleine Vorhaus in die Küche, die seit Jahr und Tag der Mittelpunkt dieses kleinen Hauses ist. Der Kaffeeduft strömt ihr in die Nase. Dieser Wohlgeruch zaubert Leonie ein Lächeln ins Gesicht und ihr wird in dem Moment bewusst, wie hungrig sie ist.

Großmutter sitzt am Kaffeetisch und wartet. In der Mitte steht heute nur ein Glas von Omis Marillenmarmelade und auch sonst ist dieser schlicht gedeckt. Einige Schwarzbrotscheiben liegen im Brotkorb, ein Stück Butter auf einem kleinen Teller und zwei Häferl gefüllt mit schwarzem Kaffee.

Leonie setzt sich gegenüber Gertrude auf die Bank und beide blicken sich in die Augen. Genussvoll nimmt sie einen großen Schluck. „Mhmm ist der köstlich!“ Sie lächelt. Omi bestreicht ein Brot mit Butter und Marmelade und reicht es über den Tisch. Dankbar nimmt Leonie die Speise und beißt herzhaft in das frische Bauerbrot.

Ohne Worte genießt Leonie das Frühstück und die Stille. Gertrude betrachtet Leonie mit einem liebevollen Blick, unter dem sie weich wird und zu erzählen beginnt. Sie startet mit dem Nachmittag mit Tante Susanne, mit den Gesprächen über Karriere und Familie, schwärmt vom Einkaufen und wie sie beide die gemeinsame Zeit genossen haben, schmückt die Geschichte mit der Beschreibung der Bar aus und schildert, wie sie durch die Brasil-Musik auf die Tanzfläche gelockt wurde. Doch dann spricht sie leise weiter und erzählt ihrer Großmutter von Marco, dem Tango, vom Geführt- und Gehaltenwerden.

Leonie macht eine Pause und sieht direkt in die Augen ihrer Großmutter. Bevor sie weitererzählt, nimmt sie einen großen Schluck vom frischen Kaffee.

„Omi, und dann wachte ich heute Morgen in einem fremden Bett auf. Ich fühlte mich so schlecht. Natürlich hatte ich auch einen Kater. Aber irgendwie war mein Tun nicht richtig. Ich habe so das Gefühl, dass ich etwas öffentlich gemacht habe, das ich in Wirklichkeit verbergen sollte. Ich weiß nicht warum, aber ich schäme mich für mein Tun und Handeln. Kennst Du dieses Gefühl, oder geht es nur mir so?“ Fragend schaut Leonie Gertrude an, mit Bitte um Erklärung in ihren Augen.

Gertrudes Gesicht spricht Bände. Trauer, Verständnis, Angst aber auch große Liebe gibt es in diesem alten Gesicht. „Ja, meine Kleine, dieses Gefühl kenne ich nur zu gut. Auch ich habe die Erfahrung machen müssen, meine eigene Privatsphäre, meine eigenen Grenzen immer wieder selbst überschritten zu haben. Danach fühlte ich mich schlecht, ausgenützt und oft auch richtiggehend missbraucht!“, beginnt Gertrude zu erzählen. „Aber weißt du in den berühmten 68igern, hörte man überall, es sei gut, mit vielen Männern zu schlafen. Es gab sogar den Spruch: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!“, aber ehrlich, diese sogenannte freie Liebe, ich möchte eher sagen, diese freie Sexualität hat viel Kummer gebracht. Anton, der Vater deiner Mutter, den ich in Paris kennen lernte, der war auch davon überzeugt, nur durch die freie Sexualität werde man glücklich. Meine Ängste vorm Verlassenwerden, vorm Alleinsein, vor der Gewissheit, er ist mit einer anderen zusammen, all das kümmerte ihn wenig. Meine Scham nahmen weder er noch ich wahr. Wenn du willst, erzähle ich dir von meiner Vergangenheit und du kannst dir selbst deine Gedanken machen“, endet die Großmutter.

Leonie steht auf, umarmt sie und blickt in die alten weisen Augen. „Bitte Omi, erzähl mir alles, ich bin so durcheinander und brauche Hilfe und Rat!“ Sie küsst die alte Dame, kuschelt sich auf dem gegenüberliegenden Sofa zusammen und lauscht der ruhigen, leisen Stimme ihrer Großmutter.

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