One-Night-Stand

22. Kapitel

Nach dem vorzüglichen Lunch in dem kleinen, hübschen Bistro in der Ferstl Passage, schlendern Susanne und Leonie durch die alten Gassen Wiens. Sich auf den Stephansdom zu bewegend, begegnen sie einem Priester. Susanne begrüßt ihn stürmisch und sie umarmen sich herzlich. Die beiden lachen und Leonie kommt es fast so vor, als ob Susanne ein bisschen verliebt sei. Nach fünf Minuten heiterer Diskussionen und verklärender Stille verabschieden sie sich von dem Geistlichen. Leonie betrachtet ihre Tante mit verwunderten Augen.

„Jetzt kenn ich mich aber gar nicht mehr aus“, lacht sie ihre Tante an. „Bist du in diesen Priester etwa verliebt? Du führst dich ja auf wie ein Teenager. Ich dachte du hättest keinen Bezug zur Kirche, ganz zu schweigen von irgendeinem Kontakt mit dem Bodenpersonal des Himmels.“

Susanne lacht herzlich auf: „Du Dummerchen. Warum glaubt eigentlich immer jeder, man ist gleich in einen verliebt, nur weil man sich gut versteht. Ich kenne Paul schon so lange, wir haben lange die Schulbank miteinander gedrückt und er ist mir ein sehr, sehr lieber Freund. Ihm kann ich alles erzählen, auch wenn es gegen seine geliebte Kirche geht. Er erklärt mir oft das Leben aus seiner eigenen, völlig anderen Sichtweise. Irgendwie machen mich diese Gespräche meist glücklich und hoffnungsvoll. Er ist der beste Freund, den man sich wünschen kann, auch weil er immer Zeit für einen hat“, schließt Susanne ihre Erklärung.

„Ok, so genau wollt ich es gar nicht wissen“, lächelt Leonie ihre Tante an. Nach einem vorzüglichen Kaffee mit Sachertorte im berühmten Hotel Sacher beschließen die Zwei, noch ein wenig shoppen zu gehen. Hübsche Nachtwäsche landet genauso im Einkaufssackerl, wie klassisch schwarze Pumps. In einem stylischen Geschirrgeschäft entdeckt Susanne eine rosa Backform und kann nicht wiederstehen. Die Zeit verrinnt. Zum Diner, der Stephansdom hat bereits 8 Uhr geschlagen, lädt Susanne ihre Nichte in ein schickes Restaurant mit internationaler Küche ein. Sie genießen das thailändische Essen im Zentrum der Stadt, quatschen und lachen. Immer wieder kommen sie auf die Frage zu sprechen, was Leonie wirklich will und wie sie ihren Weg gehen soll. Susanne rät ihr, eine gewisse Lockerheit an den Tag zu legen und sich vorerst auf die Arbeit zu konzentrieren – trotzdem aber offen für Beziehungen zu sein. Um 10 Uhr fährt Susanne schließlich, erschöpft und müde, nach Hause und hüpft in die Federn.

Nicht so Leonie. Beschwingt und unbeschwert will sie tanzen gehen und ihre Jugend genießen. Die beiden verabschieden sich und steigen in verschiedene Autos, jeder in eine andere Richtung.

Leonie bittet den Fahrer, sie in ein angesagtes Tanzlokal der Stadt zu bringen.

Chaya Fuera bedeutet so viel wie „Das Leben draußen“. Ja Leonie will das Leben draußen genießen und stürzt sich in die Menge des Clups Chaya Fuera. Auf den Wänden erstrahlen Kunstwerke von internationalen Künstlern und das Publikum ist bunt gemischt. Leonie bestellt sich an der geschwungenen Bar einen Cocktail und beobachtet die Tanzfläche und die Menschen fast aller Altersklassen, die sich darauf tummeln. Als über den Tanzenden rhythmische Brazil Musik mit lauten Trommeln ertönt, kann sich Leonie nicht mehr halten und stürmt regelrecht in das Getümmel. Die Samba Schritte beherrscht sie seit langem und so ist es ihr ein Leichtes, im Takt dieser schwungvollen Musik, ihre Umgebung und sich selbst zu vergessen. Sie fühlt sich frei.

Plötzlich ändert sich die Musik und die Band spielt den Titelsong des Films „Fluch der Karibik“. Die Vorhänge zu Leonies Augen öffnen sich und vor ihr steht ein Mann. Groß, muskulös, mit dunklem Wuschelkopf lächelt er sie an, umfasst ihre Taille und zieht sie an sich. Leonie wagt kaum zu atmen. Er hält sie fest und beginnt, mit ihr einen Tango zu tanzen, von dem sie nur hätte träumen können. Er, im Rhythmus der dynamischen Klänge, sie, in zierlicher Eleganz. Quer über die Tanzfläche – drehen sich in Harmonie. Getragen, gehalten, geführt. Dunkelheit. Trommeln – Verstummen. Kurz ein Augenblick – zerreißt.

Leonie öffnet die Augen. Ihr gegenüber schläft Marco ruhig. Verwirrt richtet sie sich auf. Das Bett steht mitten in einem großen Zimmer. Durch die weißgestrichenen Dachbalken wirkt der Raum offen und weiträumig . Rechts von ihr befindet sich ein Fenster, dass ihr einen Blick über die Dächer Wiens eröffnet. Überwältigend. Doch wo ist sie?

Was macht sie in einem fremden Bett. Ihr Kopf pocht und sie fühlt nur Chaos. In sich und um sich. Wäsche, Essensreste, Zeitungen und Bücher. Leonie ekelt sich, sucht leise wie eine Katze ihre am Boden zerstreuten Kleider und huscht aus dem Zimmer. Im Vorraum zieht sie sich an, schnappt ihre Tasche, die Gott sei Dank neben der Türe liegt, kontrolliert noch kurz ob Handy und Geldbörse darin sind und flieht aus der Wohnung.

Sie weiß immer noch nicht, wo sie ist, wie sie herkam und was letzte Nacht passiert ist. Ihr Kopf dröhnt als ob eine U-Bahn durch ihr Gehirn donnert.

Wo soll sie hin? Zu ihrer Tante? Nein, die schläft an ihren freien Tagen immer länger…

Sie will nur mehr nach Hause. Sie nimmt die U-Bahn, fährt Richtung Bahnhof und erwischt sofort einen Zug nach Salzburg.

Im Abteil sitzend kommt ein bisschen Ruhe über sie. So ein One-Night-Stand kann doch nicht so schlimm sein… Leonie kann ihre Gefühle nicht genau beschreiben: verwirrt, ängstlich und auch zornig zugleich. Aber tief in ihrem Inneren schleicht sich ein bekanntes, aber selten wahrgenommenes Gefühl in ihr hoch. Scham.

„Hello“ kling ihr plötzlich im Kopf und es kommen ihr Worte in den Sinn. – „There’s such a difference between us; And a million miles“ Leonie sucht den Song auf Spotify und lauscht der rauchigen Stimme. Verschwommen erscheint Andreas Gesicht vor ihren nassen Augen.

Hello from the other side
I must have called a thousand times
To tell you I’m sorry for everything that I’ve done
But when I call you never seem to be home

Die Tränen finden ihren Weg über Leonies hübsches Gesicht, sie drückt sich ganz tief in ihren Sitz und ist froh, allein in dem Abteil zu sein. Sie wundert sich über diese Gefühle und auch über ihre Tränen. Was ist so schlimm an dieser Situation, dass sie kaum atmen kann und ihr Kopf sich so wehrt gegen die Erinnerungen.

„Reinheit zu leben ist keine Frage der Zeit, sondern eine Frage der persönlichen Freiheit und Würde.“

Leonie muss mit jemanden reden und sofort denkt sie an ihre geliebte Großmutter. Die alte Dame hebt sofort ab. Da bricht der Damm und Leonie schluchzt ins Telefon:

„Hallo Omi, ich habe gestern einen Mann kennengelernt und bin mit ihm sofort ins Bett gestiegen. Ich fühle mich irgendwie schmutzig. Was ist nur los mit mir?“

„Mein Engel. Ich mach uns ein Frühstück und wir reden“, versucht Gertrude ihre Enkelin zu beruhigen.

„O.K. Der Zug braucht noch eine halbe Stunde und dann komme ich zu dir“. Abrupt endet Leonie und legt auf, denn wieder spürt sie, wie sich ein Schwall von Tränen den Weg nach draußen sucht.

Auch Gertrud legt langsam auf. „Beginnt die Geschichte von neuem?“ fragt sie sich in Gedanken und spürt, wie sich auch in ihren Augen Tränen sammeln.