Karriere in der Familie

21. Kapitel

Susanne sitzt in ihrem Wiener Lieblingsbistro im Palais Ferstel und wartet auf ihre Nichte Leonie. Nach so vielen Jahren in dieser wundervollen Stadt, ist sie immer noch begeistert von der kaiserlichen Atmosphäre, die sie umgibt. Der alte Flair der Habsburgischen Monarchie ist spürbar und überall sichtbar. Die wunderschönen alten Häuser und der Jugendstil, der sich in der Stadt in Lampen, Bildern und Möbeln findet, gefallen ihr überaus. Vor allem die Architektur in der Innenstadt erzählt von den alten Zeiten der kaiserlich-königlichen Monarchie.

Leonie hat sie vor zwei Tagen angerufen und sie um ein Gespräch gebeten. Susanne ist schon ganz in Spannung und Neugierde ob des Treffens Anlass. Ihre Nichte hat etwas von Freiheit, Selbstbestimmung und wichtigen Entscheidungen erzählt, doch Susanne ist wieder einmal nicht ganz Ohr gewesen. Ihr scheint, als könne sie doch nicht mehr zugleich telefonieren und arbeiten. Während sie mit Leonie sprach, schrieb sie eine dringende E-Mail mit etlichen Fehlern. Dabei hat sie ihrer Nichte nicht einmal aufmerksam zugehört. Gott sei Dank bemerkte ihre Sekretärin die Ungereimtheiten, denkt sie nun hier sitzend. Ob Leonie das Bistro überhaupt findet, überlegt sie. Es liegt sehr versteckt. Leonie kommt extra aus Salzburg nach Wien. Plötzlich wird sie unerwartet stürmisch umarmt.

„Hallo, meine liebe Tante!“, flötet Leonie, drückt sie ganz herzlich an sich und haucht ihr einen Kuss auf die Wange. Sie setzt sich ihr gegenüber an den kleinen Tisch und strahlt sie an. „Hallo, meine Liebe“, erwidert Susanne, „Entschuldige, dass ich dieses Bistro vorgeschlagen habe. Wie du weißt arbeite ich ganz in der Nähe und bei unserem Telefonat bin ich nicht ganz bei der Sache gewesen.“

„Ja!“, lacht Leonie, „das habe ich gemerkt. Aber wir beide sind doch Multitaskerinnen!“

Nach dem Mädelsabend im Flavour und dem kurzen Treffen mit dem Unbekannten lud sich Leonie kurzerhand zum Wochenende bei ihrer Tante in Wien ein. Während die Männer über ihren Verein „Reine Herzen“ sprachen, lauschte ihnen Leonie und erfuhr den Namen des Unbekannten. Seit diesem Abend geht ihr Andreas Satz immer wieder durch den Kopf: „Reinheit zu leben ist keine Frage der Zeit, sondern eine Frage der persönlichen Freiheit und Würde.“ Leonie schreckt auf, denn sie ist mit den Gedanken abgeschweift und hört so nun nur noch das Echo Susannes letzten Satzes.

„(…) Ich merke aber, es klappt bei mit nicht mehr so gut. Wenn ich mich nicht konzentriere, funktioniert weder das eine noch das andere“, resümiert Susanne nachdenklich.

„Meine Liebe kleine Nichte, ich freue mich so, dich wiederzusehen. Aber sag, was willst du wissen, wenn du von so weit mit dem Zug zu mir kommst?“, fragt Susanne. „Du hast etwas von einer Königin gesagt, aber in Zeitgeschichte kenne ich mich nicht besonders gut aus, obwohl ich diesen historischen Platz überaus liebe!“, erklärt sie. Leonie beginnt erneut zu lachen und antwortet: „Du hast mir wirklich nicht genau zugehört. Ich möchte mit dir über dein Königinnensein sprechen!“

„Was?“, staunt Susanne, nimmt einen Schluck Wasser, verschluckt sich und fängt an zu husten.

„Wie meinst du das? Glaubst du, ich bin eine Königin?“, erkundigt sie sich.

„Ja, natürlich! Du bist frei, erfolgreich, trägst die tollsten Kleider und verbringst auf den schönsten Plätzen, in den wunderbarsten Hotels der Welt, deine Urlaube. Du lebst dein Leben, so wie du es willst. Außerdem hast du ständig einen neuen Freund. Der jetzige ist sogar um einiges jünger als du. Das hat ja was, oder nicht?“, lächelt Leonie die Tante bewundernd an.

Susanne blickt belustigt. „Soll ich dich in meinen nächsten Urlaub mitnehmen? Oder willst du Niklas kennenlernen?“, lächelt sie amüsiert.

„Ah, er heißt Niklas?“

„Ja, er kommt aus Großbritannien. Ich habe ihn durch meine Arbeit in der Bank kennen gelernt. Er ist fünf Jahre jünger, hochintelligent und sehr erfolgreich in der Immobilienbranche. Er besitzt viele kleine Wohnungen in ganz Europa!“

„Ja, ich würde ihn sicher einmal gerne kennenlernen, vielleicht später“, erwidert Leonie. „Mich beschäftigen gerade andere Fragen. Ich möchte von dir wissen, wie dein Leben funktioniert, da du dich ja für den Beruf und gegen eine Familie entschieden hast.“

„Du glaubst also, dass mein Leben nachahmenswert ist?“, fragt Susanne.

„Ja, natürlich! Diese Art zu leben gehört doch zu den schönsten aller.“

Stille entsteht. Erstaunt über den plötzlichen Stimmungswechsel kommt es Leonie so vor, als ob sie die entstandene Spannung direkt mit den Händen greifen könnte. Zuerst war Susanne ganz souverän und gut gelaunt, nun wirkt sie abwesend und nachdenklich. Um das eisige Klima zu wandeln, erwähnt Leonie eilig: „Du kennst so tolle Männer und du weißt ganz genau, was du willst!“ Am Gesichtsausdruck der Tante erkennt sie aber, dass es vielleicht nicht so ist, wie es scheint. Sie will es genau wissen und fordert Susanne heraus. „So, Tante Susanne, heraus mit der Sprache: Weißt du, welcher Weg und welcher Mann zu dir passt? Familie oder Karriere?“

„Warum willst du denn das gerade jetzt wissen? Bist du extra wegen dieser Frage zu mir nach Wien gekommen?“, weicht Susanne einer Antwort aus.

„Ja, eigentlich schon. Mit dem Zug ist es überhaupt kein Problem! – Aber, Tantchen, kannst du mir nicht sagen, wie ich mein Leben gestalten soll? Welcher Typ von Mann ist der beste für mich?“, bittet Leonie um einen Rat.

„Du glaubst also, dass ich den Richtigen gefunden habe? Kann es nicht sein, dass ich ihn eben noch nicht entdeckt habe und deshalb verzweifelt nach meinen Prinzen suchen muss? Niklas ist wirklich ein Lieber, aber ob ich mit ihm alt werden will? Davon bin ich eigentlich nicht überzeugt…“

Leonie staunt.

„Warum fragst du nicht einfach deine Mutter? Sie und dein Vater scheinen es ja geschafft zu haben!“, fügt Susanne durch die Fragen irritiert hinzu.

„Ja, das stimmt. Meinen Eltern geht es im Moment gut, sie hatten aber auch wirklich schwierige Zeiten. Für Lilly und mich ist das nicht fein gewesen. Wir haben die Spannungen ganz massiv mitbekommen und ich habe oft gedacht, dass sie sich scheiden lassen wollen. Und du weißt, Mama und ich sind nicht so eng miteinander. Ich spreche also lieber mit Dir über diese Themen.“

Susanne nickt und bestellt sich einen kleinen Käseteller. Sie fragt Leonie nach ihrem Wunsch und diese entscheidet sich für die Quiche, die ihr vom Nachbartisch her schon förmlich ins Gesicht springt.

„Sag mir ehrlich: Glaubst du wirklich, ein Leben, wie ich es führe, ist besser als das deiner Mutter?“, fragt Susanne. Leonie schaut an Susanne vorbei und verzieht ihr Gesicht.

„Das frage ich mich ja eben gerade! Ich will auch einmal Kinder haben, aber wenn ich mir Lilly und ihren Stress mit dem Nachwuchs ansehe, dann glaube ich, ist es einfacher, zu arbeiten und Karriere zu machen. So wie du halt!“

„Ja, und ich bin jetzt vierunddreißig! Meine Uhr tickt! Wenn ich ehrlich bin, dann muss ich gestehen, ich wünsche mir wirklich von ganzem Herzen eine Familie. Irgendwie finde ich aber nicht den Vater für meine Kinder“, gesteht Susanne.

„Also doch! Wir Frauen sollen lieber Kinder, Mann und Haus wollen? Ist das nicht echt spießig?“, fragt Leonie irgendwie enttäuscht.

„Weißt du, meine Liebe, das mit dem Beruf und der Familie ist eben nicht so leicht zu beantworten. Ich weiß, für dich scheint mein Leben perfekt, aber was mache ich, wenn ich alt bin oder wenn ich krank werde? Einen Beruf kann ich nicht mein Leben lang ausüben, aber eine Familie hätte ich, trotz aller Schwierigkeiten und Aufopferungen, immer. Ich glaube mittlerweile die beiden sind gar nicht vergleichbar. Familie und Karriere sind nicht auf der selben Ebene. Familie ist so viel mehr, bedarf in Wirklichkeit eines viel größeren Einsatzes, aber kann dich auch viel glücklicher machen und dir so ein erfüllteres Leben schenken, als es ein Beruf je könnte!“ gibt Susanne ihre Gedanken müde zum Ausdruck.

Da serviert die Kellnerin den Käseteller und die Quiche. Leonie fängt zu lachen an, denn auf Susannes Teller befinden sich nur drei ganz kleine Käsestückchen, ein bisschen Marmelade und ein kleines Stückchen Brot.

„Na, das ist aber wirklich üppig!“, kichert sie und freut sich über ihre doch größere Portion der französischen Spezialität. Sie erinnert sich wieder an die Reinheit und Würde wie sie Andreas erklärt hatte und wie in einem Geistesblitz fährt es ihr durch den Sinn: „Mit der Liebe und dem Sex ist es wie mit der Quiche. Die Seltenheit und die Besonderheit des Anlasses würzen das Erlebnis.“