Einsatz für den anderen

20. Kapitel

Am Morgen nach dem nächtlichen Gespräch mit Peter ist Ingeborg unsicher, ob der Einmischung in die Angelegenheiten ihres Mannes. Sie weiß, dass jeder seinen Weg selbst gehen muss. Aber Peter ist nun mal ihr Mann, ihr Gegenstück. Während ihrer Ehe ertrugen beide viele Schicksalsschläge miteinander und erlebten schwierige Zeiten. Nicht nur die drückenden, finanziellen Schwierigkeiten, die ihnen fast einen Konkurs beschieden hätten, nein, auch die Eheprobleme, die oft im gegenseitigen Nichtvertrauen begründet waren, haben sie gemeinsam getragen. Doch seitdem sie diese Zeit hinter sich gelassen haben, wächst zwischen ihnen neues Vertrauen.

Bei diesem Gedanken muss sie lächeln, denn sich nach 30 Jahren Ehe wieder neu zu finden und sich von Neuem in den anderen zu verlieben, das ist ein wirklich großes Geschenk.

In diesem Moment läutet ihr Handy. Ihre Mutter? Gertrude ruft selten an, denn die alte Dame benützt dieses Medium nicht wirklich gern.

„Guten Morgen, Gertrud.“

„Guten Morgen, Ingeborg“, begrüßt Gertrude ihre Tochter, wieder einmal von der Kühle der Stimme am anderen Ende des Telefons überrascht.

„Wie geht es Dir, freust du dich über dein viertes Enkelkind?“, beginnt ihre Mutter vermeintlich fröhlich das Gespräch.

„Ja, natürlich“, antwortet Ingeborg aber doch mit müder Stimme.

„Du musst mit Lilly reden und ihr jede Unterstützung zusichern. Auch ich kann helfen. Wenn es finanzielle Probleme gibt, dann werden wir eine Lösung finden. Ich glaube, die junge Familie braucht von allen Seiten Unterstützung und da hätte ich eine Idee“, sagt die Großmutter.

„Habt du und Peter einmal Zeit? Ich möchte zuerst mit euch darüber sprechen“, fährt Gertrud schnell weiter, in der Sorge, Ingeborg könnte etwas einwenden.

„Welche Idee?“, will Ingeborg hellhörig geworden wissen.

„Also, ich werde immer älter und der Garten und auch das Haus bereiten mir mittlerweile zu viel Mühe und Arbeit. Deshalb dachte ich, ich schenke Lilly und Klaus mein Haus. Ich selbst ziehe in eine kleine Wohnung, die mich nicht mehr belasten wird. In Grödig wird gerade wie verrückt gebaut und da hätte ich gute Chancen auf ein Zuhause mit einer Terrasse und einem kleinen Grünstreifen“, führt Gertrud ihre Gedanken aus.

„Wie? Du willst den beiden dein Haus überlassen, es ihnen schenken?“, fragt Ingeborg ungläubig.

„Ja will ich. Ich möchte meine Enkeltochter unterstützen.“

„Warum? Willst du mir damit sagen, ich bin nicht in der Lage meiner Tochter zu helfen?“, entgegnet Ingeborg aufgebracht.

„Nein, ich will euch helfen, nicht mehr, aber auch nicht weniger“, antwortet Gertrud geduldig.

In Ingeborg entsteht ihr altbekanntes, ungutes Gefühl. Sie fühlt sich ertappt. Seit sie Mutter ist, plagt sie oft ihre innere Stimme. Als die Kinder noch klein waren, musste sie aus finanziellen Gründen viel in der Firma von Peter mitarbeiten. Jetzt wo es ihnen diesbezüglich besser geht, kommt die Gewissenslast wegen ihrer  ehrenamtlichen Tätigkeit, die ihr die Zeit für ihre eigene Familie oft knapp werden läßt, oft wieder in ihr hoch. „Hm… Ich weiß nicht recht… Habe ich meine Töchter gegenüber meiner Arbeit vernachlässigt?“, fragt Ingeborg ihre Mutter verunsichert. Seit Langem setzt sie sich für die Gesellschaft ein und meldet sich in der Öffentlichkeit, im Bekannten- und Freundeskreis immer wieder zu Wort. Gerade die Bibelstelle Lk 6,45: „Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser bringt Böses hervor aus dem bösen“, hat es ihr angetan.

Zwar hat Ingeborg manchmal den Eindruck vielen damit auf die Nerven zu gehen, aber gerade beim Thema Abtreibung, kann sie ihren Gedanken keinen Einhalt gebieten. Schon als junges Mädchen, brannten ihr die Themen Abtreibung, Wert der Familie und Glaube auf dem Herzen. Wie der Volksmund sagt: „Wenn das Herz voll ist, geht der Mund über!“.

Angefangen hat Ingeborg im Pfarrgemeinderat und sie hat Spaß an der ehrenamtlichen Arbeit gefunden. Zwar hat sie dabei nie etwas verdient, aber durch die wertvollen Begegnungen mit Gleichgesinnten und durch das Gefühl, verstanden zu werden, konnte sie viel lernen und auch immer wieder bereichert nach Hause kommen.

“Aber ich muss mich doch für das einsetzen, was ich für richtig halte! Wenn man liebt, kann man gar nicht aus, oder glaubst du etwas anderes?”, fragt Ingeborg etwas ruhiger.

Rede nur, wenn du gefragt wirst, aber lebe so, dass man dich fragt! Diesen Spruch von Paul Claudel habe ich kürzlich erst gelesen“, erzählt Gertrud ihrer Tochter.

„Du bist so eine intelligente Frau, Ingeborg!“, spricht Gertrude weiter. „Ich weiß, dass du viel in der Gesellschaft bewirkst. Du setzt dich für den Schutz Ungeborener ein. Ich bewundere dich für dein Engagement! Gerade in der heutigen Zeit ist es notwendig, seine Meinung zu sagen und auch für sie einzustehen.“

„Was du da sagst, das sind ja ganz neue Töne! Ich dachte, dich interessiert es gar nicht, was rund um dich herum passiert“, bemerkt Ingeborg erstaunt.

„Wir Christen und vor allem wir Mütter sollen nicht gedankenlos alles übernehmen, sondern diese Stimmen immer neu an der Botschaft Jesu prüfen. Dazu helfen die Erfahrungen anderer Christen, die beispielsweise in christlichen Medien aktuelle Entwicklungen beobachten und bewerten“, endet Ingeborg mit ihren lautgedachten Gedanken.

„Ja, mein Schatz!“, antwortet Gertrud ganz erleichtert und glücklich, über den Verlauf des Gesprächs. „Ich finde es wirklich toll, was du alles in Bewegung setzt, sei es durch deinen Einsatz für das ungeborene Leben, sei es in der Pfarre, oder auch durch deine Arbeit in der Familienallianz, in der es ja um Sexualerziehung geht“, fährt Gertrud fort.

„Das du jetzt auch noch für eine katholische Internetzeitung schreibst, um deine Erfahrungen und dein Gelerntes weiterzugeben, finde ich sehr bewundernswert. Auch aus diesem Grund möchte ich euch, oder besser dich dabei unterstützen, deinen Weg gehen zu können und das kannst du nun mal besser, wenn du nicht so viele Sorgen hast. Vielleicht kann ich bei Lilly das gut machen, was ich bei dir versäumt habe. Es ist mir jetzt finanziell, zeitlich aber vor allem persönlich möglich, den Menschen zu helfen, die ich liebe. Ich versuche mich für euch einzusetzen, genau wie du es für die Gesellschaft machst. Wenn jeder hilft, seinen Teil beiträgt und sich wirklich für einen anderen einsetzt, kann die Welt vielleicht doch ein Stück besser werden. So bitte ich dich und Peter, lasst mich dieses kleine Haus mit dem wunderbaren Garten meiner Enkelin und ihrer Familie schenken. Für mich als alte Frau wäre es eine großartige Gelegenheit, zumindest zu versuchen, Versäumtes nachzuholen“, erklärt Gertrud ihrer Tochter mit unsicherer, leiser Stimme.

Am anderen Ende des Gesprächs herrscht Schweigen.

Nach einigen Sekunden des Wartens hört Gertrud ein leises Schluchzen. Unsicher fragt sie ins Telefon: „Darf ich Lilly mein Haus schenken?“

„Ja, Mama, ja“