Reine Herzen

19. Kapitel

Drei Tage sind vergangen seit Leonie sich mit ihrer Schwester getroffen hat. Am nächsten Morgen besuchte sie mit Andrea und Julia wie ausgemacht die hl. Messe. Die Ereignisse der letzten Woche haben Leonie ziemlich zugesetzt. Sie saß im Dom und staunte nicht schlecht über dieses Spektakel. Das Gotteshaus war gefüllt mit jungen Leuten und erstrahlte in hellblauem und roséfarbenem Licht. Mit der schier unzählbaren Menge an Menschen nicht rechnend kamen sie zu spät und fanden nur einen Platz im hinteren Teil der Kirche. Im vorderen Teil war der Chor aufgestellt. Daher sahen sie den Chorleiter, den Blaugrauäugigen, den Leonies Freundinnen nur von Hörensagen kannten, nur auf den vielen Fernsehern, die an allen Säulen angemacht waren.

Leonie saß still und nachdenklich auf der hölzernen Bank und fragte sich, ob Lilly durch ihre Entscheidung, noch ein Kind zu bekommen, nicht noch unfreier werde. Schließlich habe sie nun überhaupt keine Zeit mehr, ihr eigenes Leben zu leben. Als sie so nachdachte, hörte sie jemanden fragen: „Was ist Freiheit wirklich?“
Leonie blickte auf und sah auf dem Monitor den Priester vor sich. Im Altarraum stehend und in schwarzem Gewand gekleidet, begann er über Familie und Freiheit zu sprechen. „Freiheit ist, im Herzen eines anderen man selbst so sein und werden zu können, wie man ist!“, erläuterte der Priester mit seinem roten Käppi.
Ihre Gedanken trifteten ab.
„Gebe ich Lilly die Freiheit, so sein zu können, wie sie ist? Bekomme ich die Freiheit, so werden zu können, wie ich bin?“ Leonie hörte den Worten des Priesters zu, lauschte der wunderschönen Musik und versank ins Nirgendwo. Als das Schlusslied erklang, tauchte sie auf und nahm Strahlen im Gotteshaus wahr, die sie tief im Herzen berührten. Sie fühlte sich rein und frei.

All das ist jetzt drei Tage her. Die Lebensgeschichte ihrer Großmutter, ihrer Mutter, ihrer Schwester und ihrer Freundin waren ihr schlicht zu viel. Zudem hadert sie damit, dass sie bald wieder zu arbeiten beginnen muss, und doch noch keiner ihrer Fragen nähergekommen ist. Lillys Baby hat ihr schon jetzt einen Strich durch die Rechnung gemacht, obwohl es ja noch gar nicht da ist. Nein falsch, da ist es ja schon, aber eben noch nicht sichtbar.
Leonie lächelt trotz ihres Unmuts in sich hinein. Da sieht man, auch Unsichtbares kann schon ganz schön viel Staub aufwirbeln. Sie hat sich nach der Messe von ihren Freundinnen verabschiedet und sich für 3 Tage in ihrer Wohnung verkrochen.

Doch heute Abend trifft sie ihre beiden schon lange vermissten Freundinnen wieder. Sie freut sich auf ihre Mädels, die sie im kleinen schnuckeligen Restaurant „Flavour“ in der Imbergstraße treffen wird. Dort soll es nicht nur hervorragende Gerichte, sondern auch eine Bar geben, an der man den Abend gesellig beenden kann. In den letzten Jahren eröffneten in der ganzen Stadt viele neue, designorientierte Lokale, die auch in dieser Straße zu finden sind. Die drei werden sich, wie gewohnt, nach dem leckeren Abendessen entscheiden, ob sie weiterziehen oder im selben Lokal bleiben. Zu dritt wollen sie diese immerzu berauschende Nacht in vollen Zügen genießen.

Doch noch steht sie vorm Kasten und weiß nicht, was sie anziehen soll. Das enge rote, sexy Kleid? Oder lieber doch das gelbe mit dem weit schwingenden Rock? Ihre Intuition empfiehlt das zweite mit den entzückenden Ballerinas gleicher Farbe dazu. Von ihrer Wohnung ist es nicht weit in die Stadt und die laue Luft macht den Spaziergang abends immerfort zu einem Erlebnis. Rasch nimmt sie noch die weiße Strickjacke vom Haken und läuft über die Treppe ins Freie. Gemächlich schlendert sie durch die Gassen, erreicht die Salzach, den Fluss, der durch die Stadt fließt, überquert die dicht befahrene Hauptstraße und geht über die kleine Brücke Richtung Kapuzinerberg. Auf der Brücke bemerkt sie, wie tief die Sonne schon steht. Die ganze Stadt ist in goldenes Licht getaucht. Mitten auf der Brücke bleibt sie stehen, den Augenblick genießend.

Ein Anblick! Der Fluss schimmert lebendig, das Hotel Sacher weilt anmutig und die Villen der alten Zeit strahlen charmant am Flussufer . Leonie kommt es vor, als ob die Stadt erst in diesem schimmernden Glanz zu ihrer vollen Größe käme. Die Stimmung vermittelt ihr eine unglaubliche Klarheit, sodass sie sich frei, glücklich und rein fühlt. In großer Freiheit und Würde liegt die Stadt vor ihr. Sie könnte noch lange hier verharren, aber Andrea und Julia warten bestimmt schon und so setzt sie ihren Weg fort. Beschwingt überquert sie die Brücke. Das Lokal in der Imbergstraße kennt sie noch nicht. Leonie freut sich auf das Zusammensein mit den ihr schon vor langer Zeit so lieb gewordenen Frauen.

Am Weg zum Restaurant denkt sie noch: Ja, Lilly hat Recht, Menschen mit denen man verbunden ist, Familie und Freunde, sind unglaublich wertvoll. Ihr kommt der Aphorismus des Bischofs in den Sinn: „Freiheit ist im Herzen eines anderen so sein und werden zu können, wie man ist“. Sie kann bei ihren Freundinnen so sein, wie sie ist. Welch ein Geschenk. Freiheit.

Beim Ankommen sieht sie die Mädels schon an einem der kleinen Tische unter den grauen Sonnenschirmen sitzen und – was ist das? Ein Stich durchfährt ihr Herz. Neben dem Tisch mit ihren Freundinnen sitzt der schon so oft Getroffene. Er unterhält sich lebhaft mit zwei Männern. Leonie erstarrt. Seit sie im Dom beim Jugendfestival der Lorettos beobachtete, wie er seinen Chor geleitetet hat, sieht sie ihn immer wieder vor sich. Sie hatte sogar den Eindruck, als ob er alle Sänger wie in einem großen Rahmen halte und ihnen dadurch Sicherheit biete. Es fühlte sich an, als ob er der Vater einer großen Familie wäre, die er durch die Lieder führt.

Ihre Freundinnen begrüßt sie mit einem Kuss. Der Unbekannte nickt ihr zu und lächelt sie mit seinen strahlenden blaugrauen Augen an. Es steigt ihr Röte ins Gesicht und sie bekommt sofort weiche Knie. Rasch setzt sie sich zu den Mädchen und kehrt ihm den Rücken zu. „Weißt du, wovon die am Nebentisch reden?“, flüstert ihr Julia zu. „Wir lauschen schon eine Weile und können gar nicht glauben, dass Männer sich über solche Themen unterhalten.“
„Was reden sie denn?“, wispert Leonie fragend. Sie fühlt sich unwohl bei dem Gedanken, die Nachbarn zu belauschen. Andrea grinst, bevor sie erzählt: „Stell dir vor, sie wollen einen Verein namens ‚Reine Herzen‘ gründen!“
„Was wollen sie?“, erkundigt sich Leonie, so als hätte sie nicht richtig gehört.
„Diese feschen Männer am Nachbartisch sprechen die ganze Zeit schon darüber, dass sie Menschen vermitteln wollen, dass es besser ist, vor der Ehe keinen Sex zu haben“, erklärt Julia genauer.
„Was wollen sie?“, fragt Leonie zum dritten Mal ungläubig. „Keinen Sex vor der Ehe? Kommen die aus dem Mittelalter?“, bemerkt sie so laut, dass sie am Nebentisch gehört werden musste.
„Sei leise! Spinnst du?“, zischt ihr Julia, die den Nachbartisch beobachtet, zu.
„Kannst du nicht leise reden?“, beanstandet sie die Freundin, findet diese Angelegenheit in Wirklichkeit aber selber komisch. Mutig dreht sich Leonie um. Ihre Augen treffen sich mit den schönen Augen. Wieder spürt sie einen Stich ins Herz. Sie nickt ihm zu und wird wieder rot. Eilig wendet sie sich den Freundinnen zu. In dem Moment sagt der Unbekannte laut und betont zu seinen Freunden: „Wisst ihr, Reinheit zu leben ist keine Frage der Zeit, sondern eine Frage der persönlichen Freiheit und Würde. Die persönliche Würde des Menschen ist zeitlos. Deshalb ist das Bemühen um Reinheit eine Entscheidung für sich selber, für Gott und für den zukünftigen Ehepartner!“
Leonie hört Wort für Wort. Sie kommt sich wie in der Sonne auf der Brücke vor. Selber sieht sie sich noch einmal dort stehen, von Sonne umspielt, im goldenen, reinen Licht. Lächelnd dreht sie sich um, um dem Chorleiter zuzuhören.