Ein Ja zum Kind

18. Kapitel

Ausgemacht war, die Mädchen besuchen den Abend der Barmherzigkeit im Dom, obwohl sie nicht wissen, was sich bei so einem Treffen im Dom wirklich abspielt. Jedenfalls weckte es ihre Neugier, besonders weil Julia und Andrea zu gerne diesen ominösen, geheimnisvollen Mann begutachten wollten, von dem Leonie Julia einige Tage vorher erzählt hatte.

Aber Leonie ist nicht in der richtigen Stimmung für den Besuch in der Kirche, da sie ein schlechtes Gewissen ihrer Schwester gegenüber hat. Aufgrund Andreas Erzählungen und dem nachfolgenden Gespräch am Kai fühlt sie sich überhaupt nicht mehr wohl und ist verunsichert. So bittet sie ihre Freundinnen, doch erst morgen mit ihr den Dom zu besuchen. Schließlich findet dieses Spektakel das ganze Wochenende statt und so haben die drei noch genug Zeit, um sich ein Bild von diesem Jüngling zu machen.

„Komm, ruf Deine Schwester an und sag ihr, dass du ihr hilfst!“, fordert Andrea Leonie auf.

„Wie? Jetzt gleich?“ Leonie blickt verwundert auf. „Nein, ich glaube, das wäre keine so gute Idee… Ich warte lieber, bis sich alles beruhigt hat“, denkt Leonie laut nach.

„Weißt du, was deine Schwester im Moment gar nicht hat? Zeit, meine Liebe. Sie glaubt nämlich, sie hätte in dieser Situation keine Zeit mehr. Und wenn man so unter Druck steht, dann sieht man nur mehr schwarz oder weiß und kann die anderen Möglichkeiten gar nicht mehr wahrnehmen!“, erklärt Andrea ihrer Freundin.

„Hilf sofort, dann hilfst du doppelt!“, schaltet sich Julia ganz leise in das Gespräch ein.

„Ok, Ok ich ruf Lilly an“, lenkt Leonie ein.

„Dann rufe sie jetzt gleich an“, fordert Andrea Leonie auf.

„Du gehst mir echt auf die Nerven! Weißt Du das?“, schnaubt Leonie gereizt.

Leonie wählt die Nummer ihrer Schwester, in der Hoffnung, sie nehme nicht ab. Aber schon beim zweiten Klingeln meldet sich Lilly.

„Hi wie geht es?“, fragt Leonie leise ihre Schwester.

„Ja ganz gut. Und dir?“, erwidert Lilly in vermeintlicher Leichtigkeit.

„Du, ich möchte mit dir noch einmal reden: Hast du am Wochenende Zeit?“, erkundigt sich Leonie.

„Nein, leider geht es am Wochenende gar nicht. Die Eltern von Klaus kommen uns besuchen und sie beanspruchen stets unsere gesamte freie Zeit. Sie planen für diese Tage sehr viel: Essen gehen, den Zoo besuchen… Naja, jedenfalls möchten Omi und Opa die ganze Zeit mit den Kindern zusammen sein. Da kann ich echt nicht weg“, erklärt Lilly.

„Aber heute hat mir Klaus freigegeben. Er passt auf die Kinder auf. Damit ich morgen schön entspannt bin, wenn seine Eltern kommen“, antwortet Lilly amüsiert.

„Ja dann gehen wir zwei eine Kleinigkeit Essen“, flüstert Leonie ins Telefon, denn eigentlich hat sie mit dem heutigen Abend nicht gerechnet.

„Gerne, da freue ich mich. Ich muss wirklich mal raus! Sollen wir uns bei Angelika um 19 Uhr treffen?“

„19 Uhr ist wunderbar. Heute lade ich dich ein.“

Leonie trifft etwas früher in dem kleinen Restaurant ein und bittet Angelika um ein Glas Wein.

„Du schaust aber nicht so entspannt aus! Ist etwas passiert?“, erkundigt sich Angelika neugierig.

„Bitte frag nicht. Die letzten Tage waren echt anstrengend“, stöhnt Leonie müde.

In diesem Moment geht die Tür auf und Lilly huscht lautlos herein, erblickt ihre Schwester und lächelt ihr entgegen.

Leonie wundert sich, denn eigentlich hat sie erwartet, dass Lilly mit gedrückter Stimmung und finsterer Miene auftaucht.

„Hallo Schwesterherz!“ Lilly kommt auf sie zu und umarmt sie stürmisch. Nichts ist mehr von Traurigkeit oder Verzweiflung zu spüren.

Leonie versteht die Welt nicht mehr.

„Wie geht es dir, ist alles wieder OK?“, fragt Leonie ungläubig.

Da verdunkelt sich Lillys Gesicht plötzlich: „Was glaubst du denn? Wie sollte es mir denn gehen?“

„Aber du kommst herein und strahlst, als ob nichts wäre“, stellt Leonie fest.

„Ja meine Liebe, glaubst du, ich kann neben Mann und Kindern meine Sorgen ausbreiten? Ich habe gelernt, meine Gefühle nicht ungebremst nach außen dringen zu lassen. Meine Kinder hätten jetzt nichts davon. Ich hätte nichts davon, denn sie könnten nicht helfen. Lena ist so sensibel und würde es gar nicht verstehen. Das würde die Situation nur noch erschweren“,  erklärt Lilly ihre momentane Lage.

„Also einfach Kopf hoch und durch! Mir bleibt ja auch nichts anderes übrig“, fährt sie fort.

„Wie du hast dich schon entschieden? Du willst das Kind bekommen?“, Leonie ist ganz verwirrt.

„Ja was denkst du?“ antwortet Lilly ungläubig. „Glaubst du, ich will dieses Kind nicht zur Welt bringen, nur weil es ungeplant ist? Allein daran zu denken lässt mich erschaudern.

„Aber warum warst du dann so verzweifelt? Warum hast du so geweint?“, fragt Leonie ungläubig. „Was soll das ganze Theater, wenn du es ja von vornherein schon gewusst hast, dass du dieses Kind willst. Mit deinem Gejammer hast du mich in eine ganz schwierige Situation gebracht. Ich blöde Kuh wollte mich bei dir entschuldigen, weil ich dir zur Abtreibung geraten habe. Mama und wahrscheinlich auch Papa sind jetzt sicher böse auf mich. Du machst nur Theater! Ich glaub es nicht!“, zürnt Leonie.

„Was hast du jetzt für ein Problem?“, fragt Lilly ihre Schwester, erstaunt über Leonies Ausbruch.

„Ja, ich werde das Kind bekommen, aber ich weiß nicht wie. Ich weiß nicht ob ich dazu die Zeit, Kraft oder überhaupt den Mut habe. Ich will nicht mehr schwanger sein, mit der Aussicht auf neun Monate voller Beschwernis und am Ende eine schmerzhafte Geburt erwarten müssen. Ich will nicht mehr nächtelang aufstehen müssen, um das Baby zu stillen, das im Übrigen die ersten drei Monate sehr schmerzhaft sein kann. Ich will nicht mehr gezwungen sein, Brustentzündungen mit hohem Fieber zu erdulden. Ich will mich nicht noch mehr sorgen. Ich habe nicht die Kraft für noch ein Kind. Ich wollte so gerne wieder in meinen Beruf zurück, mein eigenes Leben leben!“, schießt es plötzlich aus Lilly heraus. Aus ihren Augen quellen Tränen.

„Ich will eigentlich nicht mehr! Aber was ich will ist im Moment nicht wichtig, Schwesterherz. Hier geht es um mein Kind und als Mama hast du ja gar keine andere Wahl, als alles für diesen kleinen Menschen zu tun, allen Unwegsamkeiten, Sorgen oder Schmerzen zum Trotz“, schluchzt Lilly auf.

Angelika und die anderen Gäste beobachten den Schlagabtausch zwischen den Schwestern staunend, als ob sie einem Theaterstück beiwohnten.

Leonie sitzt Lilly gegenüber und weiß nicht, was sie sagen soll. Da fällt ihr Andreas Rat ein: „Ein Mensch kann helfen!“

Leonie steht auf und umarmt ihre weinende Schwester.

„Was kann ich tun? Wie kann ich dir helfen? Was brauchst du?“, flüstert sie Lilly ins Ohr.

Lilly hält sich an Leonie fest und haucht unter Tränen: „Dich brauch ich, Gespräche mit dir, Zeit mit dir. Dass ich weinen kann, verzweifelt sein kann, jammern kann, aber auch damit ich dir die wunderbaren Geschichten meines Babys erzählen, dir seine ersten Tritte zeigen und deine Hand auf meinen Bauch legen kann. Ich brauche meine Schwester, meine Mama und meine Freundinnen an meiner Seite!“, fasst Lilly ihre Wünsche in Worte.

„Denn ich weiß, in meinem Herzen liebe ich dieses Kind schon jetzt über alles, nur mein Verstand sagt mir, es könne nicht gehen!“, lächelt Lilly mit ihren verschmierten Augen allen entgegen.

Angelika kommt mit zwei Gläsern Wein und einem Apfelsaft an den Tisch und betrachtet die beiden mit fürsorglichem Blick. „Es braucht ein ganzes Dorf, um eine Kind groß werden zu lassen!“, verkündet die Hobby-Philosophin und stellt die Getränke auf den kleinen Tisch. Die anderen Gäste wenden sich wieder ihrem Essen zu.

„Ich freu mich für dich und dein Baby und ihr drei, ihr seid jederzeit herzlich willkommen. Aber du weißt, du bekommst natürlich keinen Wein“, lacht Angelika und sie stoßen an.

Leonie betrachtet ihre große Schwester und nimmt trotz der Tränen ein inneres Strahlen war. Ihre Schwester bekommt ein Baby. Was für ein Wunder, denkt sich Leonie und fühlt sich ganz wunderbar.