Dynamik der Hingabe

17. Kapitel

„Mama, wo bist du?“, schreit Barbara hysterisch durch das Haus. Peter ist gerade von der Schule nach Hause gekommen und findet seine Schwester weinend durch das Haus laufen.

„Sie ist nicht da, sie ist nicht da“, schluchzt Barbara und läuft von Zimmer zu Zimmer. Der fünfzehnjährige Peter steht wie erstarrt im Vorhaus und weiß nicht, was er tun soll. Er beginnt mit seiner Schwester jeden Raum durchzusuchen, aber die Mutter ist nirgends auffindbar.

Als sie bereits jedes Zimmer genauesten durgesehen haben, läuft Peter die Treppe hinunter in den, in ihm Grauen erweckenden, Keller des alten Hauses. Die Angst schnürt ihm die Kehle zu. Er kann nicht atmen, einen dunklen Raum nach dem anderen durchquerend. Als er die Tür zum Kohlekeller aufstoßt, entfährt ihm ein Schrei.

Peter wacht schweißgebadet auf. Schon wieder der gleiche Traum, der ihn schon so oft ängstigte. Immer wieder sucht er seine Mutter. Was hat das zu bedeuten?

3:43 Uhr. Er steht unruhig auf und geht in die Küche. Der Wasserhahn, zu dem er sich hinbewegt, tropft gleichmäßig zum Takt seines Herzschlags. Die Bilder lassen ihn nicht los. Die Angst steckt ihm noch in den Knochen. Er setzt sich an den Tisch, das Gesicht in den Händen vergrabend.

Da spürt er von hinten einen leichten Windstoß. Eine spürbar leichte Umarmung.

„Kannst du nicht schlafen, Schatz?“, fragt Ingeborg noch ganz verträumt.

„Nicht wirklich“, antwortet Peter distanziert.

Peters Augen blicken in die Leere. Sein Gesicht wird von tiefen, sorgenvollen Falten durchzogen. In ihrer lange gemeinsamen Zeit hat Ingeborg gelernt, in diesem zu lesen. Die tiefe Traurigkeit schreit ihr buchstäblich entgegen.

„Hattest du schon wieder diesen schlimmen Albtraum?“, flüstert sie Peter ins Ohr. Sie weiß, er will nicht darüber sprechen, doch in letzter Zeit scheinen ihn seine Geister immer öfter zu quälen und so fragt sie noch einmal.

„Hast du heute wieder deine Mutter gesucht?“

Peter nickt unmerklich. Ingeborg rückt einen Stuhl ganz nahe an Peters, setzt sich ihm gegenüber und umfasst seine im Schoß liegenden Hände. Sie sucht seinen Blick und beginnt, ganz leise zu sprechen.

„Als wir beide uns vor 34 Jahren kennengelernt haben und du mir alles über dich erzählst hast, dachte ich, du hättest diese Erlebnisse gut verarbeiten können. Aber es scheint , als ob du erneut von diesen Ereignissen eingeholt wirst. Mein Schatz, du weißt, ich beschäftige mich schon so lange mit meiner eigenen Vergangenheit und ich bin mir sicher, jeder Mensch muss sich irgendeinmal mit seinem Gestern auseinandersetzen.“

Ingeborg blickt Peter ins Gesicht und schließt ihre kleine nächtliche Ansprache mit bestimmten Ton ab.

„Ich glaube es wird Zeit, die Geister von Einst zu nennen.“

Peter schaut seine geliebte Frau an und atmet tief ein. „Ich weiß nicht, wie das gehen soll. Meine Mutter ist tot, mein Vater im Altersheim. Er kennt uns nicht mehr. Mit wem soll ich reden?“

„Mein Schatz, seit wann sind wir verheiratet? Was haben wir uns vor 30 Jahren versprochen? In guten wie in schlechten Zeiten, in Gesundheit und Krankheit, in Liebe und Freude werden wir unser Leben teilen. Das macht ja gerade eine Ehe aus, sie ist für immer. Egal was passiert. Du weißt ich habe oft an dieser Institution gezweifelt, habe mich selbst oft gefragt, was das alles soll. Aber ich durfte lernen. Nur wenn man zusammenhält, übersteht man alle Stürme, ohne zu kentern.

„Reden. Du sollst vielleicht einmal mit mir reden“, raunt Ingeborg ganz leise ihrem Mann zu. „Ich bin Deine Ehefrau, vielleicht mit mir.“

Da erinnert sich Peter an sein leises Versprechen, das er seiner Frau vor dem Einschlafen gegeben hat.