Reife finden!

16. Kapitel

Nach dem fantastischen Essen, das Peter so wunderbar im falschen Topf gekocht hat, kuscheln sich Ingeborg und Peter noch vor dem Fernseher zusammen. Mittlerweile lieben sie diese gemeinsame Zeit. Tatort am Sonntagabend. Es geht oft gar nicht um den Film selbst, sondern viel eher um die geteilte Zeit und um das Kuscheln vorm Fernseher. Schlicht, um die Nähe. Ingeborg liebt dieses Ritual und sieht sich auch oft einen Streifen an, der ihren Vorlieben zwar nicht ganz entspricht, aber ihr ermöglicht, ganz nah an Peters Seite zu liegen.

Im Ehevorbereitungsgespräch, 30 Jahre zuvor, riet ihnen der Priester, jeden Abend vor dem Einschlafen noch miteinander zu beten. Mit Gott den Tag gemeinsam zu beschließen hat den Vorteil, niemals unversöhnt in die Welt der Träume zu gleiten. Es gab Zeiten, in denen dieses Gebet nur ein Ritual war, einfach aus Gewohnheit heruntergerasselt. Aber im Nachhinein sind beide sehr dankbar für dieses Geschenk. Es hat ihnen über die Schwierigkeiten, besonders der letzten 7 Jahre, und die dadurch entstandene Sprachlosigkeit oft hinweggeholfen.

So liegen beide im Dunkeln, geben sich die Hand. Ingeborg fängt mit dem Vaterunser an und trägt dann die eigenen Bitten vor. Doch als sie Gott bittet, ihr viertes Enkelkind leben zu lassen, kann sie nicht mehr fortfahren und beginnt wieder zu weinen. Peter nimmt Ingeborg in den Arm und spürt plötzlich einen Schmerz in sich, dessen Heftigkeit ihn überrascht.

Er sieht sich als kleiner Junge vor dem Schulgebäude stehen, ganz alleine, traurig und verlassen, wartend auf seine Mutter. Doch sie war nicht da. Sie hatte es am Morgen ganz hoch und heilig versprochen, ihn heute an seinem zehnten Geburtstag von der Schule abzuholen, um mit ihm ein Eis essen zu gehen. Aber wie so oft kam sie nicht.

Sie hat wieder einmal auf ihn vergessen.

Peter treten Tränen in die Augen. Er hält die schon eingeschlafene Ingeborg fest. Es hat auch ihn getroffen, hören zu müssen, dass Leonie Lilly zur Abtreibung geraten hat.

Wird sie vielleicht so wie seine Mutter Hilda.

Wieder sticht es ihm mitten ins Herz.

Peter

Seine Mutter war krank, depressiv und alkoholabhängig.

Man wusste nicht ob sie depressiv war, weil sie trank, oder trank, weil sie depressiv war. Sie litt schon seit vielen Jahren und lange Zeit versuchte sie mit Alkohol ihre Traurigkeit zu bekämpfen, doch sie scheiterte immer wieder, denn am nächsten Morgen war das Elend nur noch größer. Niemand kannte ihren Kummer und den Grund ihrer Traurigkeit. Deswegen war die Hilfe fern. Auch ihre drei Kinder konnten sie nicht aufmuntern. Peter, der Älteste, musste schon früh auf Barbara, seine 2 Jahre jüngere Schwester, und Wolfgang, seinen 4 Jahre jüngeren Bruder, aufpassen.

Der Vater war viel unterwegs, denn er verdiente sein Geld mit Holzschlägerungsarbeiten. Da ihn weder Herkules in Kraft, noch Daphne im Wald hätten bezwingen können, wurde er von vielen Bauern von nah und fern engagiert. Er reiste durch das Land und verdiente oft außerordentlich gut. Zum Preis seiner Abwesenheit.

Durch die Abwesenheit des Vaters war Hilda meistens mit den Kindern alleine. In dieser Zeit kein ungewöhnlicher Lebensumstand, denn viele Väter arbeiteten auswärts und kümmerten sich wenig um ihre Kinder, aber für Hilda war es kaum zu ertragen.

Als sie wieder einmal traurig und weinend auf dem Sofa im Wohnzimmer lag und Peter neben ihr seine Hausübungen machte, trotz seiner jungen Jahre versuchte er so viel wie möglich in ihrer Nähe zu sein, fing sie an, von ihrem geliebten Vater zu erzählen. Sie war sein Augenstern und auch sie liebte ihn über alles.

Doch er kehrte vom Krieg nicht zurück.

Für die kleine Hilda ein schmerzlicher Verlust.

Ihr Blick ging ins Leere und mit hauchdünner Stimme erzählte sie ihrem Sohn, wie sehr sie ihren Vater immer noch vermisse.

So im Dunkeln nachdenkend, erkennt Peter immer mehr, dass seine Mutter doch sehr egozentrische Züge aufwies, dass es ihr im Grunde doch immer wieder um sich selbst und ihr Leid ging. Deshalb war er ja so schockiert von Leonies Abtreibungsvorschlag, der in ihm dieselben Gefühle auslöste. Gefühle, es gehe den Menschen nur um sich selbst und nicht um das Wohlergehen der anderen. Gefühle der Einsamkeit und des Ausgenütztwerdens.

Wenn sein Vater länger zu Hause war, dann erholte sich Hilda recht rasch, doch kurz nachdem er wieder fort gegangen war, begann das gleiche Spiel von vorn. Schlecht gelaunt schimpfte sie mit ihren Kindern, besonders mit Peter, dann wurde sie krank und schließlich fing sie heimlich zu trinken an.

Was tat Peter nicht alles, um sie aufzumuntern. Er besorgte die Einkäufe, kochte und kümmerte sich um seine Geschwister. Da der Vater nicht anwesend war, war es nur logisch, dass er der Mann im Haus sein muss. So wurde es ihm immer von seiner Mutter beigebracht.

Niemand erkannte das Leid Hildas, niemand sprach darüber. Doch noch schlimmer: Niemand bemerkte die Kinder leiden. Seine Mutter war in Wirklichkeit stets nehmend, sie hatte nicht die Kraft zu geben.

Peter liegt in seinem warmen Bett, doch es fühlt sich an, als hätte er Eis in sich. Er denkt über seine Vergangenheit nach. Was hat das eigentlich aus ihm gemacht? Hat er es inzwischen gelernt, nicht nur zu geben, sondern auch zu nehmen? Seine Frau erklärt ihm immer wieder: Da deine Mutter nie zum Geben fähig war, konntest du nie das Nehmen lernen. Adrienne von Speyr zitierend fügt sie stets hinzu: „Nicht nur die Kunst des Schenkens soll man besitzen, sondern auch die, empfangen und annehmen zu können.“

Da muss er lächeln und drückt die schlafende Ingeborg an sich. „Ich lerne, deine Liebe anzunehmen, mein Schatz“, flüstert er seiner schlafenden Frau ins Ohr.