Wie wichtig ist der Vater?

15. Kapitel

Ingeborg kommt nach Hause und ist immer noch aufgebracht von dem Gespräch mit Leonie. Ingeborg kann sagen, was sie will, Leonie will es nicht hören. Natürlich ist Ingeborg davon überzeugt, dass die Werte, die sie ihren Kindern vorlebt, gute Werte sind, unabhängig davon, ob es sich um christliche, moralische oder um ethische handelt. Auch ist es logisch, dass sie als Mutter will, dass Leonie und Lilly von diesen geleitet werden. Trotzdem versteht sie es einfach nicht, warum Leonie mit diesen Werten, wie Würde einer jeden Person oder Nächstenliebe, so große Probleme hat. Sie ist immer noch schockiert, dass Leonie Lilly sofort geraten hat, abzutreiben.

Betrübt darüber geht sie in die Küche, um sich einen Tee zu kochen. Peter, ihr Mann, steht am Herd und rührt im roten Topf, den sich Ingeborg vor Kurzem gekauft hat. Dieses spezielle Kochgeschirr wird im Grunde nur dazu verwendet, Speisen, die außerordentlich viel Zeit benötigen, genügend lange zu garen. Ob ihr Mann das wusste? „Hallo mein Schatz“, begrüßt Peter sie freudig, „Spagetti und eine Sauce aus frischen Cocktailtomaten mit Oliven und Basilikum. Natürlich immer nur das Beste für dich.“

„Du bist wirklich ein Schatz“ haucht Ingeborg dankbar in Peters Ohr. Wenn sie sich so etwas vor 4 Jahren vorgestellt hätte… Sie hätte es nicht für möglich gehalten, dass sich eine Ehe so ändern könne. Es waren schwierige Jahre, aber sie wollte an dieser Partnerschaft festhalten. Festhalten an der Institution Ehe und festhalten an ihrem Versprechen, in guten wie auch in schlechten Zeiten, ihn zu lieben, zu achten und zu ehren, obwohl sie die Sinnhaftigkeit dessen oft in Frage gestellt hat.

Und jetzt steht ihr Mann in der Küche und kocht, wenn auch im falschen Topf, Spagetti mit frischen Tomaten. Ingeborg lehnt sich neben ihm an die Küchenbar und öffnet eine Flasche Wein.

„Warum praktiziert Leonie nicht den Glauben, den ich ihr doch so vorgelebt habe?“, fragt Ingeborg ihren Mann bekümmert.

„Ich bin mit den Mädchen in die heilige Messe gegangen und habe ihnen die schönsten und spannendsten Geschichten, die die Bibel zu bieten hat, vorgelesen. Darüber hinaus habe ich die Erstkommunionsgruppe und auch die Firmgruppe mit den Mädchen und ihren Freundinnen organisiert und abgehalten“,  sprudelt es aus Ingeborg heraus. „Und jetzt ist meine Jüngste so gegen alles, was nur nach Glauben riecht. Und stell Dir vor, sie hat Lilly sofort vorgeschlagen, unser Enkelkind wegmachen zu lassen“, erzählt Ingeborg wimmernd und beginnt zu weinen.

 

„Lilly bekommt ein Baby?“, ruft Peter ganz verzückt und nimmt seine Frau in den Arm. „Da soll man ja feiern und nicht hier in der Küche stehen und trauern“, ruft Peter aus. „Wir bekommen unser viertes Enkelkind. Was gibt es Schöneres, Oma?“ lacht er und gibt Ingeborg einen langen Kuss. Ingeborg erwidert diesen, schält sich aber dann doch aus der Umarmung, nach wie vor verzweifelt. „Leonie hat aber ihrer Schwester vorgeschlagen, das Kind zu töten. Was ist aus meiner Erziehung geworden? Was habe ich falsch gemacht?“ schluchzt Ingeborg derart verzweifelt, dass sogar Peter erschreckt. Da weiß Peter selbst nicht, was er sagen soll und steht hilflos in der Küche. Seine Frau steht da und Tränen fließen über ihr Gesicht.

„Bitte sag mir, welchen Fehler hab ich gemacht. Warum kritisiert sie meinen Glauben immer wieder, obwohl sie weiß, dass er mir sehr wichtig ist. Ist es nicht ein Zeichen von Liebe, wenn ich das wertschätze, was dem anderen lieb ist, obwohl ich anderer Meinung bin?“ Peter legt den Kochlöffel, mit dem er bis jetzt heftig umgerührt hat, neben den Topf. „Ach mein Schatz, du hast sicherlich nichts falsch gemacht. Du hast dein Bestes gegeben und beide Mädchen sind ja wirklich klug und fleißig geworden“, versucht er seine Frau zu trösten.

„Ja, du kannst ja zufrieden sein, bei dir ist sie immer ganz Ohr, egal, was du sagst. Bei Deinen Gesprächen mit ihr geht es, entschuldige wenn ich das sage, nur um Geld, bei mir aber um Werte. In diesem Fall sogar um das Leben unseres Enkelkindes“, schluchzt Ingeborg auf.

Nun nimmt Peter Ingeborg nochmal in den Arm und hält sie fest.

Ingeborg löst sich, etwas beruhigter, aus der Umarmung und blickt ihrem Mann in die Augen. „Vielleicht ist das, was du nun einmal sagst gewichtiger, als das, was ich sage“,  sinniert Ingeborg traurig. Sie spürt Eifersucht in sich hochsteigen: „Vielleicht ist der Vater doch viel wichtiger als alle immer behaupten.“

Da fängt Peter plötzlich zu lachen an und drückt Ingeborg an sich.

„Ja, vielleicht ist das so, dass wir Männer für unsere Kinder wichtig sind. Vielleicht haben wir mehr Einfluss als uns zugesprochen wird.“  Peter hält Ingeborg fest und haucht ihr einen Kuss ins Ohr.

„Weißt Du mein Schatz, wenn es Dir wichtig ist, dass unsere Töchter gläubig leben, dann werde auch ich meinen Glauben mehr nach außen tragen. Ich werde mit Leonie sprechen.“

Da lächelt Ingeborg ihren Mann an, dreht sich um und schenkt sich und Peter ein Glas Wein an.

„Ja mein geliebter Mann, das wäre richtig gut.“