Nur ein Mensch hilft

14. Kapitel

Julia und Andrea sitzen am Ufer der Salzach, betrachten die Kuppeln der Stadt und warten auf Leonie. Die drei sind seit ihrer Volksschulzeit Freundinnen und verstehen sich immer noch hervorragend. In ihrer Pubertät hat es zwar oft Spannungen und Streitereien gegeben und oft sah es so aus, als ob sich die drei nicht mehr einigen könnten, doch durch einen tragischen Unfall sind sie zu einem eingeschworenen Team geworden. In ihrer schweren Zeit sind Julia und Leonie Andrea buchstäblich Tag und Nacht beigestanden.

Mit siebzehn haben die Mädchen gemeinsam die siebte Klasse im Gymnasium besucht. Andrea war mit einem Mitschüler aus der Klasse zusammen. Bernhard und sie galten als Traumpaar. Die blonde Andrea war stets unbeschwert und heiter. Keck hat sie unter ihrem frechen Kurzhaarschnitt hervorgelugt. Als gute Schülerin wurde sie von der Familie in der Schule, im Sport und im Klavierspiel unterstützt und gefördert. Sie hat einen wunderschönen Flügel besessen, denn auch ihr Klavierlehrer hat ihr ein besonderes Talent bescheinigt und eine große Karriere vorausgesagt. Bernhard stammte aus einfachen Verhältnissen und da er zu Hause auf dem Hof oft mithelfen musste, war er wirklich kein Spitzenschüler, dafür aber ein exzellenter Handballer. Alles hat auf eine wunderbare Zukunft hingewiesen und beide waren sehr verliebt ineinander. Sie haben die gemeinsame Zeit genossen, bis Andrea schwanger wurde. Von der Schwangerschaft zeigte sich Bernhard zwar nicht so begeistert, denn er hatte die Absicht, nach der Matura zu studieren. Aber da er Andrea wirklich liebte, wollte er für sie und das Kind da sein.

„Wir werden das schon schaukeln“, sagte er und nahm Andrea in den Arm. „Wenn ich nicht studieren kann, gehe ich eben arbeiten, um das nötige Geld für euch zu verdienen. Vielleicht helfen uns ja meine und deine Eltern ein bisschen. Du wirst sehen, es gibt eine Lösung für uns drei!“ Er hat gelacht, gescherzt und Andrea geküsst.

Andreas Mutter aber war da anderer Meinung. Unter Salzburgs Landeshauptfrau sind hiesige Landeskliniken Jahre zuvor dazu verpflichtet worden, Abtreibungen durchzuführen. Darum hat es bei der Ausführung des Vorhabens kein Problem gegeben. Eine Woche nachdem Andrea von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte, war die Sache auch schon wieder erledigt. Am Samstag hatte die Mutter sie in die Landesklinik begleitet, wo das Kind weggemacht war.

Eigentlich hätte danach alles wieder normal sein können, doch mit Bernhards Reaktion auf den Schwangerschaftsabbruch hat Andrea nicht gerechnet. Für sie war alles gar nicht so schlimm. Ihre Mutter hat sie nicht allein gelassen und ihr immer wieder gesagt, dass dies bei ihrem Talent der einzig mögliche Weg für sie sei. Sie hat ihr ausgemalt, dass die Welt ihr zu Füßen liegen wird und sie gefragt, was sie denn im Alter von siebzehn mit einem Kind anfangen will. Ein Kind hätte ihr die Zukunft verbaut. Andrea war es gewohnt, zu tun, was ihre Eltern gesagt haben. Der Vater hat sich aber ohnehin für gewöhnlich aus den Diskussionen und Entscheidungen herausgehalten.

Am Sonntag, dem Tag danach, hat Andrea Bernhard beim Besuch mitgeteilt, dass sie nicht mehr schwanger sei. Er ist ausgeflippt, hat zu weinen begonnen und gefragt, was sie sich dabei gedacht hatte. Immerhin ist es ja auch sein Kind gewesen, hat er betont. Andrea, noch geschwächt vom Vortag, hat ihm keine richtige Antwort geben können. Andreas Mutter hat sich eingemischt und ihn gebeten, das Haus zu verlassen. Zuerst reagierte er nicht. Erst als Andreas Vater kam und ihn zu gehen aufforderte, ist Bernhard eingeknickt. Mit hängenden Schultern verließ er die repräsentative Villa am Stadtrand.

Andrea sah ihm vom Fenster aus nach. Sie wusste nicht, dass sie ihn das letzte Mal den Steinweg hinuntergehen sah. Stets hatte er die Abkürzung durch den kleinen Wald benutzt und sie war so verliebt gewesen, in seine Angewohnheit, sich vorm Wald umzudrehen, um ihr zuzuwinken. Doch an diesem Tag ging er mit hängenden Schultern den Weg entlang, ohne noch einmal den Blick von Andrea zu suchen.

Nach dem Weggehen hat er sich mit seinen Freunden getroffen und zu viel getrunken. In der Nacht ist der junge Mann mit dem Auto seines Vaters tödlich verunglückt. Noch in der Nacht hat Bernhards Mutter Andrea angerufen und ihr geschildert, was geschehen war. Andrea gab sich danach die Schuld am Tod ihres Freundes. Von der Mutter entfernte sie sich und von Depressionen geplagt konnte sie nicht mehr richtig lernen. Sie verlor den Anschluss und wollte die Schule verlassen.

Machtlos hat Andreas Mutter mitbekommen, wie schlecht es der Tochter geht. Immer mehr zog sich Andrea von ihr zurück, sodass sich schließlich Leonies Mama Ingeborg um sie annahm. Ingeborg bat Andreas Mutter sogar, die Tochter für kurze Zeit zu ihr ziehen zu lassen. Da das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter von Tag zu Tag mehr abgekühlte, nahm sie das Angebot dankbar an. Sie hoffte, durch die räumliche Distanz irgendwann wieder mit ihrer Tochter sprechen zu können.

Andrea ist bei Leonies Familie eingezogen und hat sich mit Leonie das Zimmer geteilt. Seitdem ist ihre Freundschaft noch intensiver geworden. Andrea, Leonie und Julia gehen miteinander wie gute Schwestern durch dick und dünn. Für Leonie sind die Freundinnen oft sogar näher als Lilly, ihre leibliche Schwester.

Am Salzachufer warten Andrea und Julia geduldig auf Leonie. Sie wollen sich miteinander das Pfingstspektakel im Dom, bei dem angeblich siebentausend Jugendliche teilnehmen werden, anschauen.

Schon läuft Leonie den kleinen Hügel herab, irgendwie nicht so fröhlich wie sonst ist.

„Hallo, meine Lieben!“, begrüßt sie die Freundinnen und haucht ihnen einen Kuss auf die Wangen, bevor sie sich zu ihnen ins Gras setzt. Vor ihnen erhebt sich die Kulisse der Stadt mit ihren wunderschönen Kuppeln und Türmen. Darüber thront die Festung.

Leonie seufzt und blickt ihre Freundinnen nachdenklich an.

Ihr glaubt nicht, was ich gestern erfahren habe“, sprudelt es aus ihr hervor. „Stellt euch vor, meine Schwester bekommt noch ein Baby, obwohl sie ihre drei Kindern jetzt schon fast nicht schafft! Lilly ist ganz niedergeschlagen und da sie ja ganz am Anfang der Schwangerschaft ist, habe ich ihr im ersten Impuls vorgeschlagen, das Kind nicht zu bekommen“, erzählt Leonie.  „Aber dann habe ich recherchiert und erfahren, dass in Österreich jedes dritte Kind abgetrieben wird…“

„Was hast du ihr also geraten?“, fragt Andrea beunruhigt.

„Ja, wie gesagt, nachdem sie mir gestern in der Früh unter Tränen von ihrer Schwangerschaft erzählt hat, habe ich ihr natürlich geraten, abzutreiben. Dann aber habe ich ihren Kleinsten in der Sandkiste spielen gesehen. Da habe ich mir überlegt, dass es Klausi als drittes Kind normalerweise schon nicht mehr geben würde. Jetzt bin ich ganz verwirrt, denn ich bin mir nicht mehr sicher, was richtig ist.“

Plötzlich fängt Andrea an zu weinen und Leonie und Julia schauen sich betreten an.

„Bereust du, dass du dein Kind nicht bekommen hast?“, fragt Julia schließlich verhalten. Bis zu dem Zeitpunkt ist das Thema unter den Freundinnen nie richtig zur Sprache gekommen. Julia und Leonie haben die Wunde nicht aufreißen wollen.

„Ja, ich glaube schon“, erwidert Andrea. Denn ich habe zwei Menschen verloren, die ich geliebt habe, von einem habe ich es gewusst, dass ich ihn liebe, von dem anderen leider noch nicht. Ich vermisse sie so sehr und werde die Verzweiflung in Bernhards Augen nie wieder vergessen. „Es war auch mein Kind“, wiederholte er immer wieder. Bis ihn Mama hinausgeschmissen hat. Das war das Letzte, das ich ihn sagen hörte!“ Die Freundinnen schauen sich stumm an.

„Es war auch mein Kind!“, wiederholt Andrea klagend und fängt noch stärker zu weinen an. Julia, die neben ihr sitzt, nimmt sie in den Arm. Schnupfend weint sich Andrea in den Armen der Freundin aus. Erst allmählich beruhigt sie sich. Sie blickt Leonie direkt in die Augen.

„Ohne deine Mutter hätte ich es nicht überlebt!“, murmelt sie. „Deine Mutter ist für mich da gewesen. Sie hat mich in den Arm genommen und mir zugehört. Trotz meiner Entscheidung!“

Leonie nickt kaum merklich, aber Andrea fährt fort: „Wenn deine Mutter vom Abbruch gewusst hätte, dann hätte sie sich für mich und das Kind eingesetzt. Ich glaube – nein, ich bin sicher – ich hätte mein Kind behalten. Und dann würde auch Bernhard noch leben!“

Darüber, dass sie nicht glaubten, Andrea sei an Bernhards Tod schuld, haben sich die Freundinnen schon oft unterhalten. Bernhard ist betrunken mit dem Auto seines Vaters gefahren. Er ist viel zu schnell unterwegs gewesen, von der Straße abgekommen und gegen den einzigen Baum weit und breit geprallt. Den Gedanken von Schuld lässt sich Andrea aber nicht aus dem Kopf vertreiben.

Andrea richtet sich auf und schaut ihre Gefährtinnen tränenüberströmt an : „Ich glaube, wenn mir nur eine einzige Person, meine Mama, eine Tante, mein Vater oder sogar ein Fremder gesagt hätte: ,Ich helfe dir, ich bin bei dir!‘, dann würde ich heute mit meinem kleinen Sohn oder meiner kleinen Tochter hier sitzen und den schönen Tag genießen. Nur einen einzigen Menschen hätte ich gebraucht, der mir zum Kind geraten hätte!“

„Aber du hast ja die Schule und dein Studium zu Ende bringen müssen! Alles, was du dir erträumt hast, hättest du mit einem Kind nicht erreicht!“, erwidern Julia und Leonie fast wie aus einem Mund.

„Ja, da habt ihr recht!“, antwortet Andrea, die seit Bernhards Tod keinen Freund mehr hatte. „Mit meinem Kind hätte ich jedoch einen Menschen, den ich lieben kann!“, setzt sie in den Raum.

„Bist du noch böse auf deine Mutter?“, fragt Leonie.

„Eigentlich nicht. Aber ich weiß einfach nicht, was ich mit ihr reden soll. Vielleicht wäre es besser, wenn ich böse oder zornig auf sie wäre, aber diese Sprachlosigkeit ist nicht zu ertragen! Wir sehen uns deshalb kaum noch!“

„Sprachlosigkeit. Ich will Lilly nicht verlieren… Was soll ich nun denn tun?“, erkundigt sich Leonie.

„Das, was meine Mutter hätte tun sollen“, erwidert Andrea. Leonie überlegt.

„Ok, ich verstehe“, sagt sie dann. „Du meinst, wenn ihr eine Person hilft und zur Seite steht, kann Lilly es schaffen. Sie braucht eine Person, die für das Kind eintritt. – Glaubst du, ich kann das?“

„Ihr beide, du und Julia, seid ganz für mich dagewesen. Ebenso deine Mama. Ihr habt mich durch schwere Zeiten getragen! Glaub mir, so kannst du auch Lilly helfen! Du kannst das bestimmt“, lächelt Andrea ihrer Freundin aufmunternd zu.