Vertrauen ist lebensnotwendig

13. Kapitel

Nach dem gestrigen Tag, an dem Lilly von ihrer ungeplanten Schwangerschaft erzählt und Leonie sofort Abtreibung als Lösung vorgeschlagen hat, ist Ingeborg am Morgen traurig und über die Haltung ihrer Jüngsten verzweifelt aufgewacht. Sauer auf ihre Mutter ruft sie deshalb Gertrud frühmorgens an.

“Was besprichst du mit Leonie? Musst du denn mit ihr über Sex sprechen?“, schimpft sie aufgebracht. „Du weißt ganz genau, dass ich das nicht will! Ich möchte meine Mädchen selber erziehen und ihnen meine Werte vermitteln!“

Gertrud ist überrascht über die vorwurfsvolle Begrüßung. Sie atmet tief ein, überlegt, wie sie reagieren soll und versucht ganz ruhig zu bleiben. Die Beziehung zu ihrer älteren Tochter erweist sich immer wieder als schwierig. Das wundert Gertrude aber nicht, denn Ingeborg ist immer noch sehr verletzt, weil sie sie als Kind nicht bei sich behalten wollte.

„Seit der Geburt von Ingeborgs eigenen Kindern ist das Verhältnis aber Gott sei Dank harmonischer geworden. Es kann sein, dass man seine Mutter viel besser versteht, wenn man eigene Kinder hat“, denkt sich Gertrude.

„Guten Morgen, Ingeborg!“, erwidert Gertrud gefasst. „Willst du vielleicht vorbeikommen? Wir könnten gemütlich einen Kaffee trinken und dabei die Angelegenheit besprechen“, schlägt sie vor.

„Ich möchte dir nur sagen, dass ich es nicht gut finde, wenn Du mit Leonie über Sexualität sprichst!“, bleibt Ingeborg in Rage. „Wir wissen ja beide, welche Einstellung du dazu und zum Leben im Allgemeinen hast. Leonie hat ihrer Schwester sofort zur Abtreibung geraten, nachdem Lilly uns gestern von ihrem vierten Kind erzählte. Ich will nicht, dass du dein Gedankengut an die Mädchen weitergibst“, wütet sie aufgebracht.

„Was, Lilly bekommt noch ein Baby? Ich freu mich für sie“, antwortet Gertrud auf die Vorwürfe von Ingeborgs.

„Lenk jetzt nicht ab“, schreit Ingeborg ins Telefon.

„Ach, Ingeborg, glaubst Du nicht, dass ich mich nach so vielen Jahren geändert haben könnte“, versucht Gertrud zu beschwichtigen. „Kann ich nicht längst andere Ansichten haben? Ich habe in meinem Leben viel erfahren und du weißt, es war auch für mich nicht immer einfach. Sicher habe ich aus meinen Schicksalsschlägen gelernt. Leonie ist zu mir gekommen und hat mich um meine Meinung gefragt und da ich weiß, dass sie ein kluges Mädchen ist, erzähle ich ihr meine Geschichte. Lass sie doch selber entscheiden, was für sie richtig ist und welchen Weg sie gehen will!“

Ingeborg stockt. Das Rad der Zeit steht still.

Eines Tages kamen Johann und Ingeborg am Weg zur Alm an einem Marterl vorbei, im dem eine Statue der Gottesmutter stand. Vor diesem lagen frische Almblumen und die Gottesmutter hatte einen kleinen Kranz aus verschiedenen Kräutern auf dem zierlichen Kopf. Der Großvater kniete sich nieder und betete lange. Danach stiegen sie weiter den Berg hinauf, um den Tieren nachzuschauen und den Senner zu fragen, ob er etwas brauche. Ingeborg fragte: „Du, Opa, warum ist denn die Figur so schön geschmückt?“

„Weißt du, Bienchen,“, erwiderte der Großvater, „das war die Muttergottes und morgen feiern wir Maria Himmelfahrt. Deshalb haben ihr einige Leute einen Kranz aus Kräutern geknüpft, denn es ist bei uns Tradition, Kräuterbuschen am Hochfest zu weihen. So zeigen sie Maria, dass sie verehrt wird.“ „Verehrst du sie auch, Opa?“

„Ja, meine Kleine, diese Frau ist für mich sehr wichtig! Durch sie konnte unser Heiland auf die Welt kommen!“

Am weiteren Weg erzählte ihr der Großvater noch mehr von der Geschichte Marias.

„Du weißt ja, dass Maria vom Engel Gabriel besucht wurde und er ihr gesagt hat, sie werde ein Kind bekommen und dieses Jesus taufen. Darauf sagte Maria: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe wie du gesagt hast.“  Und deshalb verehre ich die Muttergottes. Mit ihrem bedingungslosen Ja zum Kind hat sie uns die Erlösung gebracht!“

Ingeborg verstand nicht ganz, was ihr Johann sagen wollte, doch sie spürte, dass es sich hier um viel mehr handeln musste, als es seine Worte ausdrücken konnten.

Ingeborg wuchs bei ihren Großeltern auf und hatte an sich eine schöne Kindheit. Sie wurde von ihren Großeltern über alles geliebt und doch begleitete sie eine gewisse Traurigkeit. Maria, die sich als sehr einfühlsamer Mensch um alle kümmerte, beobachtete sie. In den Augen des Mädchens sah sie, dass die Kleine etwas mit sich herumtrug, was für die feine Seele viel zu schwer war. Sie wusste woher dieser Schmerz kam, aber es war ihr nicht möglich, ihn zu bekämpfen. Für Maria war klar, dem Mädchen fehlte die Mutter.

Zu dieser Zeit wurden neue Theorien aufgestellt. Die Eltern wären nicht so wichtig, wurde gesagt. Hauptsache wäre, das Kind werde geliebt. Alle redeten über Liebe und über Bezugspersonen. Die Großmutter glaubte aber, dass die Mutter und auch der Vater für ein Kind die wichtigsten Personen sind.

„Aus, basta, so ist es nun einmal!“, sagte sie. „Die Mutter ist für die Gesellschaft, die Familie und vor allem für ihre Kinder sehr, sehr wichtig!“

Die Großeltern Maria und Johann bemühten sich redlich und gaben der Kleinen all ihre Liebe, aber die Abwesenheit der Eltern konnten sie nicht ausgleichen. Ingeborg hatte ihre Eltern ja nicht verloren, sie hatten einfach keine Zeit für das Kind.

„Verflixte Achtundsechziger!“, schimpfte Maria beim Zubereiten des Abendbrotes in sich hinein. „Es kann ja jeder sein eigenes Leben verbringen wie er will, aber nicht auf Kosten von Kindern!“ Maria verstand die neue Welt nicht mehr. Sie misstraute der Zukunft, weil sie sah, dass es Zeitgeist geworden ist, sein eigenes Glück zum höchsten Ziel zu machen. Selber war sie ganz anders aufgewachsen, denn in ihrer Generation hieß es immer, dass Frauen zu arbeiten und zu gehorchen hätten. „Sicherlich ist es gut, dass sich Frauen für Gleichberechtigung einsetzen, aber wenn es um Kinder geht, dann ist es doch viel wichtiger, dass es den Kleinen, uns anvertrauten Kindern gut geht.“

Im Jugendalter entwickelte sich Ingeborg zu einem sehr braven Mädchen, von einer schwierigen Pubertät war nichts zu bemerken. Sie war fleißig in der Schule, versuchte früh, Menschen zu helfen und engagierte sich in der Kirche. Daneben half sie tatkräftig am Bauernhof mit. Bis zu dem Tag, an dem ihr Hund Willy starb, hatte jeder den Eindruck, dass Ingeborg ein ausgeglichener, froher Mensch sei.

Wenn sie von der Schule nach Hause kam, rief sie immer als erstes nach ihrem geliebten Freund. Als er noch jüngere Beine hatte, war er ihr oft Richtung Schule entgegengelaufen. Dazu war er seit einiger Zeit aber zu alt und zu müde. Er blieb lieber in der warmen Küche liegen und kam Ingeborg erst bei der Haustüre begrüßen. Doch eines Tages kam kein Willy anmarschiert. Ingeborg suchte ihn in der Küche, auf dem Hof und im Stall. Er war nirgends zu finden. Nach längerem Suchen fand ihn der Großvater tot in der Tenne.

Ingeborg war untröstlich und weinte so, dass es auch den Großeltern das Herz zerbrach. Die Welt drohte unterzugehen. Sie ward verschlossen – saß oft traurig und schweigend auf der Hausbank. Die Großeltern konnten ihr nichts mehr recht machen. Nörgelnd und schimpfend war sie einfach nur schlechter Laune. Ihr Großvater versuchte sie immer wieder zu beruhigen, doch niemand konnte den Zorn des jungen Mädchens dämpfen.

Ingeborg stockt. Sie fühlt sich wie unterm Rad.

Den treuen Gefährten schon ganz vergessen, weckte Leonies Vorschlag, gepaart mit der Wut auf ihre Mutter, alte Geister. Sie fühlt den Schmerz unmittelbar. Erneut wird ihr bewusst, was es heißt, allein gelassen zu werden.