Noch ein Kind!

11. Kapitel

Das Handy läutet, Leonie schreckt auf. Sie ist gestern nach der Oper mit ihrer Mama noch lange zusammengesessen, denn beide waren so berührt von dieser schönen Aufführung der Mozartoper, dass sie nicht gleich nach Hause gehen konnten und besuchten deswegen Angelika in ihrem kleinen Lokal. Als beide schon etwas mehr getrunken haben, erzählte Leonie ihrer Mutter von den Gedanken, die sie beschweren und plagen. Daraufhin begann Ingeborg damit, ihrer Tochter von ihrer Kindheit zu erzählen.

Leonie ist immer noch benommen von dem, was sie ihr schilderte. Sie sieht ihre Mama jetzt mit ganz anderen Augen und stellt sich vor, wie schlimm es für ein Kind sein muss, ohne Mutter aufzuwachsen. Gewiss macht es einen Unterschied, ob eine Mutter nicht für ihr Kind da sein kann oder – wie bei ihrer Großmama – nicht da sein will. Die große Traurigkeit in der Stimme ihrer Mama ist für Leonie noch immer so spürbar, dass ihr die Augen feucht werden, wenn sie daran denkt. Nach dem Gespräch torkelte sie noch in eine Bar, um allein über das nachgrübeln zu können, was ihr Ingeborg alles erzählt hat.

Das Handy meldet sich immer noch, dröhnend, aber Leonie will nicht abheben. Sie möchte sich nur im Bett verkriechen, den Kater ausschlafen und reflektieren. Sich Vorwürfe machend, mit ihren Fragen in der Familie alte Wunden aufgerissen zu haben, steht sie nun doch auf, denn das Handy beginnt schon wieder zu trommeln. Anfangs waren die afrikanischen Trommeln auf ihrem Handy ja noch spannend und neu, doch jetzt muss sie sich schon beinahe richtig darüber ärgern. Das rhythmische Geräusch hallt durch die Wohnung.
„Guten Morgen!“, sagt sie noch etwas verschlafen ins Telefon und hört nur Gewimmer.
„Lilly, was ist passiert?“, will sich Leonie erkundigen. Sie erkennt Lilly sofort an ihrer Stimme und fragt noch einmal: „Was ist denn los?“, doch Lilly heult nur. Sie bringt kein Wort heraus. Leonie hört nur ihr klagendes Schluchzen.
„Komm, meine große Schwester, erzähl doch, was los ist! Ich komme sofort zu dir!“, sagt Leonie beruhigend. Schon springt sie in ihre Jeans, stülpt sich den Pulli über den Kopf und rennt aus der Wohnung, immer noch mit dem Handy am Ohr.
„Bitte, beruhige dich! Und erzähl, was passiert ist! Ich bin schon unterwegs!“, redet Leonie auf die Schwester ein und läuft mit großen Schritten durch die Gasse, biegt um die Kurve und erreicht atemlos die Bushaltestelle.
„Leonie, ich bekomm noch eins!“, hört sie.
„Was ist los?“, fragt Leonie verständnislos.
„Ich bekomme noch ein Kind und ich schaff das nicht mehr!“, schluchzt Lilly. Sie weint ins Telefon.
„Okay, ich bin gleich bei Dir. Wir werden eine Lösung finden. Du kannst ja abtreiben!“, sagt Leonie, während sie in den Bus steigt. Sie ist verwirrt über Lillys Verzweiflung.

Angekommen in Aigen, wo Lilly wohnt, steigt Leonie aus dem Bus. Sie klopft an die Wohnungstür. Lilly öffnet. Leonie umarmt sie herzlich.
„Na, mein Schwesterherz, das ist ja wirklich kein Problem“, sagt sie. „Du bist sicherlich noch ganz am Anfang der Schwangerschaft.“
„Leonie!”, hört sie die Mutter vorwurfsvoll und mit scharfer Stimme aus der Küche rufen. Nun ist sie überrascht, dass Mama auch da ist.
„Was sagst du da, Leonie?“, donnert die Mutter streng und mit eisiger Stimme.
„Mama, das ist ja kein Problem! Lilly kann das Kind ja wegmachen!“, wiederholt Leonie.

„Leonie!“, ruft die Mutter noch einmal im selben Ton. Sie ist entsetzt und aufgeregt. „Ich will mein Enkelkind im Arm halten und nicht im Himmel wissen!”, antwortet ihr ihre Mutter mit scharfem Tone. „Was du willst, ist jetzt aber nicht wirklich wichtig!“, entgegnet Leonie mit ebenso frostiger Stimme. „Schließlich schafft Lilly die drei Kinder, die sie so schon hat, nicht einmal. Was soll sie dann mit einem Vierten? Außerdem ist die Wohnung viel zu klein und das Geld ist auch schon knapp. Soll Lilly nicht wieder arbeiten beginnen und ihr Leben leben dürfen? Es ist also bestimmt besser, wenn sie dieses Kind nicht bekommt!“, fügt Leonie hinzu. Schweigend steht Lilly neben den beiden Streithähnen.

„Könntest du bitte mit Klausi auf den Spielplatz gehen?“, fragt Lilly schließlich mit dünner Stimme. Nun hört auch Leonie den kleinen Neffen in einem anderen Zimmer bitterlich weinen. Im Blick der Verzweiflung, Lilly steht sie förmlich ins Gesicht geschrieben, kommt Ruhe über Leonie. Sie geht ins Kinderzimmer, wo der Kleine ganz allein am Boden sitzt und schluchzt. „Komm Klausi, wir machen einen Ausflug!“ Aufheiternd packt sie das Kind, schnappt sich eine Jacke und verlässt schnell die Wohnung. Dieser ungemütlichen Stimmung will sie rasch entfliehen.

Mit dem Kind auf dem Arm eilt sie zum nahe gelegenen Spielplatz. Dort setzt sie den Kleinen in die Sandkiste und sucht im Internet diesen einen kürzlich gelesenen Artikel, der ihr zu diesem Thema passend erscheint. Dort las sie, dass es in Österreich gar nicht viele Abtreibungen gäbe, nicht einmal fünfunddreißigtausend.
„Das ist nicht viel für Österreich“, schreibt die für Frauenfragen zuständige Journalistin dazu. Leonie fragt sich immer noch, warum sich die Mutter so aufregt und ihr mit ihrem Glauben und ihren Wertvorstellungen ständig auf den Nerv gehen muss.
Der Neffe spielt ruhig und fröhlich mit dem feinen Sand. Leonie betrachtet ihn, während sie gleichzeitig im Internet nach weiteren Zahlen und Fakten sucht, um sie dann Ingeborg liefern zu können. Sicherlich wird die Mutter, wenn sie ihr ganz klare Argumente liefert, einlenken. Darüber hinaus ist es ja ohnehin Lillys eigene Entscheidung.
Bei Statistik Austria findet Leonie die Geburtenrate von Österreich: 2016 kamen 88.026 Kinder zur Welt. Leonie rechnet sich aus, dass 88.026 Geburten und 35.000 Abtreibungen 123.026 Kinder ergäben. Wenn von 123.026 Kindern 35.000 abgetrieben werden, dann sind das 2 von 7 Kindern, die nicht leben dürfen. Leonie überlegt und erkennt dass man es auch so sagen könnte: Zuerst wird das vierte Kind abgetrieben, dann das Dritte. Das Vierte, das Dritte, das Vierte, das Dritte und immer so weiter. 17 500 Mal. Das Dritte, das Vierte. Das hätte sie sich nicht gedacht.

Voll Hingabe spielt Klausi während ihrer Recherchen im feinen Sand. Ja Klausi, du warst das Dritte und darfst leben. Knapp bist du dem Schwangerschaftsabbruch entronnen. Bei dir musste wohl nur das vierte Kind sterben. Glück, Glück. Sie schaut ihm zu, wie er ausdauernd versucht, mit seiner kleinen Hand den feinen, warmen Sand aufzunehmen, aber er rieselt ihm stets wieder durch die Finger. Das Spiel gefällt ihm. Er freut sich so, dass sein Gesicht schier zu leuchten beginnt. Da fängt Leonie ebenso an, den Sand aufzugreifen und ihn sich durch die Finger rieseln zu lassen. Sie staunt über das angenehme Gefühl und ihre Augen treffen sich mit denen ihres Neffen. Im nächsten Augenblick lachen und quietschen sie beide vor Vergnügen.

Vom Rande des Spielplatzes aus sieht sie ein junger Mann. Es ist derselbe, den Leonie schon dreimal getroffen hat, nachdem sie ihn im Kaffeehaus fast über den Haufen gerannt hätte und ihn beinahe am Radweg umstieß. Beim letzten Mal blieb ihr ihre Tollpatschigkeit glücklicherweise erspart, und sie durfte die Zeit im Dom somit genießen. Nun ist er ganz hingerissen von der Idylle, die sich ihm bietet: Eine hübsche junge Mutter sitzt mit ihrem Sohn in der Sandkiste und strahlt. Beinahe schon allzu kitschig harmonisch.
Mit einem Schlag setzt sich ungewohnt lastende Schwere auf seine Brust. Sein Atem stockt. Die bezaubernde Schönheit ist nicht mehr frei. Das Kind lässt ihn dies erfassen. Ein kaum vernehmbarer Stich im Herzen, dann wendet er sich ab, steigt auf sein Rad, tritt in die Pedale und braust davon, schwermütig.
Von all dem hat Leonie nichts mitbekommen. Sie sitzt immer noch mit Klausi im Sandkasten und spielt mit dem warmen Sand. Plötzlich trommelt ihr Handy. Sie drückt ihren sandigen Finger auf den Touchscreen. Es ist Lilly, die nachfragt, ob alles in Ordnung sei.
„Aber ja doch! Was hast du denn?“ Leonie schmunzelt.
„Du bist jetzt über zwei Stunden weg und ich mache mir nun mal Sorgen!“, antwortet Lilly.
„Was? Zwei Stunden?“, wundert sich Leonie. Sie schaut auf das Display und sieht, dass es tatsächlich schon fast Mittag ist. Die Zeit mit Klausi ist im Nu verflogen.
„Ich komme sofort!“ Sie packt den Kleinen. Als sie ihn aufhebt, rieselt ihm der Sand aus der Kleidung, den Taschen und den Schuhen. Klausi lacht und fröhlich drehen sich beide im Kreis.
„So, jetzt müssen wir aber wirklich los, sonst bekommen wir von deiner Mama und von Omi richtig Schimpf!“, merkt Leonie beim Weggehen an und fühlt sich unbeschwert in ihrem Glück.

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