Was denke ich von Dir?

9. Kapitel

Nur Augen, große blaue Augen. Plötzlich ein immer lauter werdendes Geräusch. Leonie schreckt hoch. Leo, ihr Kater, steht über ihr Haupt gebeugt und streicht immer wieder mit seinem Kopf an ihrem entlang. Dabei schnurrt er so laut, dass er Leonie damit aufweckt.

„Nein, Leo so geht das aber nicht! Du kannst mich doch nicht auch noch an Tagen wecken, an denen ich frei habe“, gibt Leonie ihren Unmut der Katze gegenüber kund. Doch er lässt sich nicht irritieren und schnurrt munter weiter, denn so zeigt er, dass er gefüttert werden will.

So steht Leonie wohl oder übel auf, um ihren Kater seine tägliche Portion Trockenfutter zu geben. Er ist zwar über diese Wahl nicht glücklich, doch bevor er verhungert, frisst er dieses harte Zeug dann doch.

Der gestrige Abend mit ihrer Familie war ausgesprochen wohltuend. Sie haben noch bis lange in die Nacht über Schönheit philosophiert. Peter erzählte ihnen dann noch von der Ästhetik der Zahlen, aber da lachten seine drei Frauen ihn wirklich aus, denn dass Zahlen schön sein können, war ihnen noch nie in den Sinn gekommen.

Beim Verabschieden hat Lilly sie für heute Nachmittag eingeladen und Leonie willigte freudigst ein, vorbeizuschauen. Die Besuche waren in den letzten Monaten sehr selten, denn Leonie empfand die Kinder von Lilly und auch sie selbst oft als überaus anstrengend. Deswegen lernte sie lieber oder traf sich mit ihren Freundinnen, als ihre Schwester zu besuchen.

Aber vorher muss sie Omi noch anrufen, denn schließlich hat sie ihr versprochen, sie heute wieder zu besuchen. Vielleicht braucht sie etwas, was Leonie für sie auf dem Weg besorgen kann.

„Guten Morgen, liebe Omi. Geht es Dir gut?“, fragt Leonie die flotte alte Dame, die schon nach dem dritten Klingeln abgehoben hat.

„Guten Morgen, mein Schatz! ja, es geht mir nicht schlecht, aber ich konnte heute Nacht nicht schlafen, immer wieder kamen Bilder von damals hoch.“

„Fühlst du dich wohl, soll ich dir etwas mitbringen, wenn ich zu dir komme?“ Leonie ist ganz besorgt.

„Nein danke, meine Süße, aber um ganz ehrlich zu sein, ich bin heute noch sehr müde und ich möchte lieber alleine bleiben. Ist das schlimm für dich?“, fragt Gertrud mit dünner Stimme.

„Aber Omi, nichts, was du machst, ist schlimm für mich, wir können unser Treffen gerne verschieben. Ruh dich aus und ich melde mich morgen wieder bei dir“, antwortet Leonie gedämpft, denn sie wäre sehr neugierig auf die Fortsetzungsgeschichte ihrer Großmutter gewesen.

„Danke, aber dieses Erinnern ist doch anstrengend und tut auch ein bisschen weh. Ich merke wieder einmal, wie viel ich versäumt habe und dass ich das nie wieder nachholen kann“, räumt Gertrud ein.

„Ich dachte, du hast so viel erlebt, bist so viel gereist? Was hast du denn versäumt?“, fragt Leonie ihre Großmutter ungläubig.

„Die gemeinsame Zeit mit deiner Mutter, als sie ein Kind war, die habe ich versäumt“, haucht Gertrud ins Telefon und legt auf.

Leonie ist ganz verdutzt. Soll sie ihre Omi noch einmal anrufen?

Nein, die alte Lady schätzt es nicht, wenn man sie bedrängt.

So ruft Leonie Lilly an und lädt sich bei ihr zum Frühstück ein, aber Lilly war schon wieder mit Klausi, ihrem Jüngsten, beim Doktor und bittet Leonie deshalb, erst am Nachmittag zu kommen.

„So, lieber Leo, was mache ich an diesem Vormittag?“, fragt Leonie ihren Kater, der sich nach seinem Frühstück wieder zurück an ihre Seite gekuschelt hat, um die wohlige Wärme des Bettes zu genießen.

„Ich besuche Julia“, denkt Leonie und schlüpft in ihr kleines Bad mit den blau-weißen Kacheln. Leonie liebt dieses winzige Bad, denn trotz der Kleinheit hat es eine Dusche und ein klimperkleines Waschbecken. Es ist sogar noch Platz für einen bescheidenen Schrank, in dem sie alle notwendigen Tuben, Fläschchen, Cremen, Puder und Schmink-Utensilien aufbewahren kann, damit ihre kleine Oase immer aufgeräumt erscheint.

Was für eine schöne Stadt. Das denkt sich Leonie immer wieder, wenn sie durch die Gassen flaniert. Jetzt morgens um 9 Uhr sind keine Touristen unterwegs und so spaziert Leonie durch die Getreidegasse, über den alten Markt und geht beim Kaffeehaus vorbei, in dem sie vor zwei Tagen diesen aufwühlenden Artikel gelesen hat. Etwas leitet ihre Schritte und plötzlich steht sie vor dem Dom. Sie liebt diesen Platz und zu so einer frühen Stunde erstrahlt dieser gesamte Ort in noch einem größeren Glanz. Ganz leer, einsam und ruhig liegt dieses imposante Gotteshaus vor ihr.

Da fällt ihr Blick auf den Eingang und sie entdeckt den jungen Mann, umringt von lauter jungen Mädchen. Alle blicken zu ihm hoch und er erklärt ihnen mit argumentierenden Gesten etwas und verschwindet mit den Mädels gleich darauf im Dom.

„Vielleicht ist er Fremdenführer“, fragt sich Leonie und huscht ihnen durch das schwere Holzportal ins Innere der Kirche nach.

Sie erkennt den Dom nicht wieder. Er ist komplett leer, alle Sesselreihen sind weg, nur einige Bänke stehen noch und ganz wenige Menschen befinden sich in der Kirche. Die Säulen werden mit rosa und hellblauen Strahlern beleuchtet, Teppiche liegen auf dem Boden und einige Bildschirme sind rechts und links an den Seiten aufgebaut.

Ganz vorne, rechts des Altars ist eine Art kleine Bühne aufgebaut und auf dieser stehen die Mädchen und unzählig viele andere junge Menschen. Vor ihnen, mit dem Rücken zu ihr gewandt, der Mann, der ihr nicht mehr aus dem Kopf geht.

Sie setzt sich Abseits auf einen der wenigen verbleibenden Sessel und beobachtet das Schauspiel. Ohne Zweifel wird der Dom auf etwas vorbereitet. Aber worauf, das weiß sie nicht, denn sie hat nichts davon in den Medien mitbekommen.

Die jungen Menschen stimmen ein Lied an und da erkennt Leonie, dass es ich hier um einen Chor und seinen Chorleiter handelt. Der Dirigent erhebt die Arme und es sieht aus, als ob er alle Chormitglieder auf einmal umarmen möchte. Sie stimmen ein wunderbares Halleluja an: „Alles, was atmet, lobet den Herrn, Halleluja, Halleluja“. Leonie ist ganz berührt und schließt die Augen. Sie sitzt im Dunkeln und genießt die Musik und die besondere Stimmung im leeren Dom. Vor ihrem inneren Auge erscheinen Bilder von Wäldern, Wiesen, Weiten und von ausgestreckten Armen, in die sie sich fallen lässt. Sie hört von weit her die Worte „Komm heim, lass alle Lasten los. Komm heim in seine Arme…“

Leonie fühlt sich gehalten, geborgen und angekommen.

„Hat es Ihnen gefallen?“, fragt sie ihr Gegenüber. Sie schreckt hoch und blickt direkt in die Augen, die sie schon zwei Tage verfolgen.

„Ja, ja schon“, stottert Leonie, springt auf und läuft aus dem Dom, ohne sich noch einmal umzublicken.

„Ja, am Wochenende ist ein Fest im Dom und es kommen anscheinend 7.000 junge Menschen in die Stadt. Da ist richtig was los und es herrscht eine Freude und Leichtigkeit in der Stadt, das ist wirklich fantastisch“, erzählt Julia ihrer Freundin, als die beiden endlich zusammensitzen.

Leonie lief schnurstracks zu ihr in das Geschäft, wo sich Julia für ihr Gesangsstudium das nötige Geld dazuverdient. Sie ist ganz bewegt und zerstreut, sodass Julia anfängt zu lachen.

„Na, bist du vielleicht verliebt?“, fragt sie schelmisch.

„Nein, was denkst du denn schon wieder?“, lacht nun auch Leonie, „Aber hungrig bin ich… Kommst du mit zu Angelika, auf ein kleines spätes Frühstück?“

„Ja, warte noch 10 Minuten und dann bin ich für heute sowieso fertig“, freut sich Julia.

Julia und Leonie genießen die Stadt, sie blödeln bei tollen Bruschetta mit Tomaten, Basilikum, Mozzarella und einer Scheibe dünnsten Parmaschinkens mit Angelika, spazieren durch die Gassen und kaufen sich noch ein fantastisches „Frozen Joghurt“ in dem kleinen Laden gegenüber der Kollegienkirche. Etwas müde aber glücklich sitzen die beiden auf den Stufen derselben und beobachten das bunte Treiben in dieser wunderbaren Stadt.

Sie philosophieren über Gott und die Welt, über das Glück und dessen Bedeutung.

Doch nach zwei Stunden muss Leonie aufbrechen: „Jetzt muss ich aber wirklich los, sonst ist Lilly böse auf mich“, sagt Leonie überzeugt und steht auf. Sie verabschiedet sich frohmütig von ihrer Freundin und überquert den Platz. In einer kleinen Seitenstraße kauft sie einige Tortenstücke für ihre Nichte und ihren Neffen.

Sie eilt mit großen Schritten durch die Seitengasse, überquert die Getreidegasse und erreicht die Bushaltestelle an der Staatsbrücke. Genau im selben Moment kommt der Bus. Schön, wieder einmal Glück zu haben, denkt Leonie, steigt mit Schwung in den Bus und setzt sich auf einen der freien Plätze. Da kommen ihr die Worte von Julia in den Sinn. Ist das Pech oder doch ein Glück, dass sie den Mann im Dom getroffen hat? Was ist Glück überhaupt, ist ihre Schwester glücklich? Ist ihre Mutter glücklich und wie geht es Omi? Ist sie glücklich?  Leonie schließt die Augen und erinnert sich mit einem Wohlgefühl an den Moment, als sie heute Vormittag in der Kirche saß und den Liedern der Gruppe lauschte.

Als es an der Tür läutet, sitzt Lilly am Boden vor einem großen Turm mit bunten Bauklötzchen und spielt mit ihrem jüngsten Sohn Klausi.

„Ach deine Tante kommt. Natürlich schon wieder zu spät… Aber wir freuen uns trotzdem, nicht wahr mein Schatz?“, flüstert Lilly ihm ins Ohr, während sie ihn hochhebt.

Sie öffnet die Tür und umarmt ihre Schwester ganz herzlich.

„Na kleine Schwester, ich freue mich über deinen Besuch. Willst du mir mit den Kindern helfen?“, lacht Lilly, denn Leonie hat sie bis jetzt nicht wirklich unterstützt, da ihr das Studium und ihr Leben anscheinend wichtiger waren.

So hat es jedenfalls Lilly immer empfunden. „Aber Achtung, kleine Maus“, denkt Lilly über sich selbst, „Was denkst du gerade? Hast du nicht in deinem Studiengang Leib-Bindung-Identität gelernt, immer zuerst einen Realitätscheck zu machen, bevor du in Situationen oder Menschen etwas hineininterpretierst?“

Lilly beginnt zu lachen und Leonie schaut sie ganz verdutzt an.

„Habe ich irgendetwas in meinem Gesicht, wenn du jetzt schon auf der Türschwelle lachst?“, fragt Leonie verdutzt.

„Nein meine Liebe, aber ich habe mich wieder selbst erwischt, wie ich in ein altes Verhaltensmuster gefallen bin“, erwidert Lilly froh.

„Aja, du lernst ja gerade Psychologie, nicht wahr?“

„‚Entwicklungssensible Sexualpädagogik‘ um genau zu sein. Ich bin auch schon fertig und hatte gerade meine Sendungsfeier“, erklärt Lilly.

„Schau, ich habe euch einige Torten mitgebracht, für jeden seinen Lieblingskuchen.

Und für dich, kleiner Klausi, eine Schokotorte, die du ja so gerne hast.“ Leonie zeigt auf die Schachtel und betritt mit Freude die kleine Wohnung ihrer Schwester.

„Klaus hat alles gerne, was süß ist. Danke liebes Schwesterherz“, freut sich Lilly über das leckere Geschenk.

Lilly nimmt den Kuchen entgegen und entdeckt die rote Torte, die neben den beiden Schokokuchen ganz verlockend aus der Tortenschachtel heraussticht.

„Für Lena hast du eine Erdbeertorte mitgebracht, da wird sie sich, wenn sie nach Hause kommt, aber sehr freuen“. Lilly ist plötzlich ganz gerührt, dass ihre Schwester sich Gedanken darüber macht, was ihre Kinder gerne essen. „Siehst du Lilly? Du hast deiner Schwester Unrecht getan und über sie schlecht gedacht“. Auch hier fällt ihr wieder ein, was sie im Kurs gelernt hat, nämlich wie wichtig es ist, sich in andere Menschen hineinzudenken.

„Weißt du, nur indem man sich in sie hineindenkt, kann man den Kindern auch die Werte, die einem wichtig sind, nahebringen“, erklärt Lilly ihrer Schwester ganz fachmännisch.

„Wie meinst du das jetzt?“, forscht Leonie zweifelnd nach.

„Ja, wenn Lena nach Hause kommt und traurig ist und ich als Mutter das spüre, dann versuche ich ihr natürlich zu helfen“, erläutert Lilly.

„Und wie machst du das?“, will Leonie wissen.

„Wenn sie es will, was natürlich nicht immer vorkommt, aber wenn, dann reden wir miteinander und dadurch kommen die besten Lösungen zutage. Dann entwickelt es sich oft, dass wir auf Werte wie Ehrlichkeit, Durchhaltevermögen, Glauben und andere zu sprechen kommen und finden dadurch gute Antworten. So kann ich meinen Kindern von Klein an Wurzeln geben, damit sie mit weiten Flügeln in die Welt hinausfliegen können, so wie es ja auch Goethe empfiehlt“, erklärt Lilly selbstbewusst.

Doch als Leonie im Laufe des Gesprächs das Wort Glauben hört, schweift sie mit den Gedanken ab, sieht sich im Dom und hört dieses wunderbare Lied: Komm heim und sieh, komm in seine Arme. Und sie sieht vor sich ein strahlendes Gesicht.