Die Schönheit der Frauen

8. Kapitel

Leonie verlässt ihre Großmutter mit gemischten Gefühlen, weiß aber nicht genau, was sie stört. Deswegen beschließt sie, ihre Mutter anzurufen.

„Hallo Mama, wie geht es dir?“ fragt sie Ingeborg mit unsicherer Stimme.

„Gut mein Schatz, mir geht es wunderbar. Immerhin freue ich mich ja, heute Abend endlich wieder einmal meine beiden Töchter zu sehen“, antwortet ihre Mutter mit beschwingter Stimme. Leonie schreckt kurz auf.

„Natürlich, wie könnte ich denn das vergessen? Ich wollte nur fragen, wann wir eigentlich zu euch kommen sollen.“

„Um sieben Uhr“, antwortet Ingeborg jetzt doch etwas angespannt.

„Willst du mir etwas erzählen?“ fügt Ingeborg hinzu, denn sie kennt ihre Tochter und weiß sofort, wenn sie etwas betrübt.

„Nein, alles O.K“, lügt Leonie.

„Gut, dann freue ich mich auf heute Abend, meine Süße“, sagt Ingeborg beendend und legt schnell auf.

Leonie ist unschlüssig, ob sie überhaupt mit ihrer Mutter über diese Probleme sprechen soll. Ihre Beziehung zu ihrer Mutter ist kompliziert, denn Leonie versteht sie nicht. Ingeborgs Einstellung zum Leben, wie sie mit ihren Töchtern umgeht und ihr Glaube. All diesem kann Leonie rein gar nichts abgewinnen.

Leonie setzt sich auf ihren Drahtesel und fährt zurück in die Stadt, denn sie hat noch vier Stunden Zeit, bis sie sich mit ihrer Schwester Lilly und ihren Eltern treffen wird.

Sie radelt der Allee entlang, links der Untersberg, rechts die Stadt und erinnert sich plötzlich an die geheimnisvollen Augen des jungen Mannes. Sie träumt so vor sich hin und übersieht die Gruppe der Jogger, die ihr entgegenkommen. Erst im letzten Moment blickt sie auf, kann ihr Fahrrad gerade noch rechtzeitig auf die rechte Seite herumreißen und verfehlt einen der Jogger nur ganz knapp. Und wieder diese blauen Augen. Der Schreck durchfährt Leonie. Sie steigt ab, denn ihre Knie zittern wie Espenlaub. Sie steht neben ihrem Rad und sieht den Männern nach. Da dreht sich der Läufer, den sie fast umgefahren hat, um und sie erblickt das Blaugrau seiner Augen und ein umwerfendes Lächeln. Der junge Mann hebt die Hand, winkt kurz und läuft wieder weiter.

Leonie steht da, als hätte sie der Blitz getroffen.

Ein wunderschönes Lachen und strahlende Augen.

Sie blickt in den Himmel, schwingt sich auf das Rad und setzt die Fahrt fort.

Nun aber mit Leichtigkeit und Heiterkeit im Herzen.

In ihrer Wohnung kuschelt sie sich mit ihrem Kater Leo auf ihrem geliebten Sofa zusammen.

Der halbe Siam thront, als ob ihm die Welt gehöre, oft wie ein großer Löwe auf dem Fensterbrett. So beansprucht er auch das Sofa, Leonies Bett, den Heizkörper, den Schreibtisch, ja, sogar den Drucker für sich. Jedenfalls ist er „the King of the Jungle“.

Lilly und Leonie treffen gleichzeitig vor der Haustür ihres Elternhauses aufeinander. Nach dem ruhigen Nachmittag auf ihrer Couch ist Leonie gut gelaunt und freut sich auf das gemeinsame Abendessen mit den Eltern. Einmal im Monat lädt Ingeborg ihre Töchter zu diesem ein. Früher beanspruchte dieses Ritual den Großteil von Leonies Nerven. Deswegen verbrachte sie oft lange damit, nach geeigneten Ausreden zu suchen. Manchmal organisierte sie extra Feten, nur um nicht zu ihren Eltern kommen zu müssen. Mit dem Vater kommt Leonie bestens aus. Sie kann mit ihm stundenlang über Aktien, Firmen und andere wirtschaftliche Bereiche diskutieren, wenn aber die Mutter mit ihrem Glauben anfängt, verdreht es ihr jedes Mal den Magen. Die Debatten hängen ihr zum Hals heraus, sie findet die Mutter altmodisch, verkorkst und spießig.

Leonie weiß nicht, was es ist, aber dieses Gespräch mit ihrer Großmutter hat ihr auf überraschende Weise gutgetan und sie freut sich ehrlich, ihre Schwester zu treffen. Übermütig klingeln sie an der Haustür. Peter, der Vater, öffnet und ist begeistert, seine Mädels zu sehen.

„Hallo, meine Prinzessinnen!“, begrüßt er sie und umarmt beide gleichzeitig.

„Kommt herein! Eure Mutter hat sich heute besonders angestrengt, um euch zu verwöhnen. Sie hat euch eure Lieblingsspeise gekocht und kann es kaum erwarten, euch zu sehen“, berichtet er.

„Was?“, quietschen Leonie und Lilly, als wären sie noch acht Jahre alt. Sie riechen schon bei der Haustür, was es zu essen gibt: Selbstgemachte Gnocchi mit Salbeibutter und frischer Tomatensauce, ihre geliebte italienische Spezialität.

Lilly läuft rasch in die Küche, sie begrüßt die Mutter herzlich und kostet gleichzeitig die Sauce.

„Mmh! Lecker!“, schwärmt sie, empfiehlt aber noch etwas mehr Schärfe.

„Warum hast du dir heute diese Arbeit mit den Gnocchi angetan, Mama?“, erkundigt sie sich. „Es ist ja wirklich aufwändig, den Kartoffelteig zu machen und dann die kleinen Gnocchi daraus zu drehen. Gibt es einen besonderen Anlass dafür?“

„Nein, eigentlich nicht“, antwortet die Mutter, „es ist aber wieder einmal an der Zeit, meine Prinzessinnen zu verwöhnen. Außerdem müssen wir über unser Frausein reden, auch über die Schönheit, die wir ausstrahlen!“

„Ach, jetzt weiß ich, woher der Wind weht!“, bemerkt Leonie, die auch in die Küche gekommen ist. „Bist du nicht letztes Wochenende wieder bei deinem theologischen Kurs gewesen? Geht es dabei nicht um Sex in der Kirche? Wie heißt der Kurs denn gleich?“ Fast höhnisch zwinkert Leonie der Mutter zu.

„Theologie des Leibes“, antwortet Ingeborg.

„Mama, erzähl uns doch, was das heutige Essen mit deinem Studienlehrgang zu tun hat“, fordert Lilly.

„So genau will ich das nicht wissen!“, wehrt Leonie ab. Sie dreht sich schnell um, bevor Mama sie wieder mit irgendeiner theologischen Ansicht festhalten kann. Im Hinausgehen hört sie trotzdem, wie die Mutter zu erzählen beginnt.

„Die Schönheit der Frau ist etwas ganz Besonderes“, schildert Ingeborg. „Wenn ihr euch die Gemälde der Frauen in Kirchen, Museen oder Galerien anseht, dann bemerkt ihr, dass fast alle eine Ästhetik, Schönheit und Harmonie ausstrahlen. Diese Kunstwerke sind oft so wunderschön. Bei Bildern von Männern hat man dieses Empfinden nicht, da geht es meistens um Stärke, Kraft und Durchsetzungsvermögen.“

Ingeborg holt tief Atem, bevor sie weitererzählt. „Letzte Woche im Tanzkurs mit eurem Vater konnten wir eine Tanzfigur einfach nicht begreifen. Wir haben es nicht geschafft, bestimmte Schritte nach zu tanzen. Eine der anderen Tänzerinnen, kleiner als ich und ein bisschen fülliger, ist uns beigesprungen. Sie hat sich Papa geschnappt und ihm die Schritte gezeigt. Die Frau hat sich so sanft und elegant bewegt, beinahe erotisch, sodass alle anderen Teilnehmer innehielten und staunten. Diese Frau hat nicht unbedingt unserem Schönheitsideal entsprochen, hat ihre Schönheit aber gelebt. Euer Vater hat die Schritte mit ihr sofort kapiert. Daraufhin habe ich ihm verboten, noch einmal mit dieser Frau zu tanzen!“, schließt Ingeborg und schmunzelt.

„Mama, du bist ja eifersüchtig gewesen?“, staunt Lilly ungläubig. Eigentlich kann sie sich die Eltern noch immer nicht als Liebespaar vorstellen.

„Ja, in gewisser Weise bin ich eifersüchtig gewesen“, gibt Ingeborg zu. “Bei der Frau ist die Schönheit in den Bewegungen aber so sichtbar geworden, dass es alle im Raum überrascht hat.“

„Ja, stellt euch vor, eure Mutter kann doch tatsächlich eifersüchtig sein“, spöttelt Peter in der Küchentür, von wo aus er die letzten Sätze gehört hat.

„Und dir hat das gefallen, Papa?“, zieht ihn Leonie auf.

„In gewisser Weise schon!“, nickt Peter und drückt Ingeborg einen Kuss auf die Wange.

„So, und was hat das mit deinem Studiengang zu tun?“, kehrt Lilly zum Anfangsthema zurück.

„Am letzten Wochenende haben wir gelernt, dass uns Gott als sein Abbild geschaffen hat und wir als Mann und Frau Gott gleich sind!“, führt Ingeborg aus. Leonie hält in ihrem Herumwandern inne und blickt die Mutter triumphierend an.

„Dann sagst du also, dass Gott eine Frau ist und nicht ein Mann “, forscht sie etwas boshaft.

„Ja!“, antwortet Ingeborg ernst, „Gott hat uns nach seinem Abbild geschaffen, als Mann und Frau hat er uns geschaffen und deshalb strahlen wir die Schönheit Gottes aus!“

Sogar Papst Franziskus hat, glaube ich, letzten Oktober in einem Interview gesagt: „Das Abbild Gottes ist nicht der Mann, es ist der Mann mit der Frau. Zusammen.

„Meinst du das ernst? Wir sind richtiggehend ein Abbild Gottes ?“, erkundigt sich Leonie zweifelnd.

„Ja, in unserer Schönheit sind wir ein Abbild Gottes!“, bestätigt Ingeborg. Lilly strahlt die Mutter überrascht an.

„Dann haben Klaus und ich ja lauter Abbilder Gottes geschaffen! In Lena, Christoph und Klausi! Wir sehen in den Kindern ja wirklich die Schönheit Gottes, wie auch in der gesamten Natur. Mama, das ist ein wunderschönes Bild!“, ruft sie aus. „Aber jetzt habe ich wirklich Hunger auf deine wunderbaren Gnocchi!“

„Ja, jetzt gibt es für meine Prinzessinnen ein königliches Mahl, wie es sich für Königskinder gebührt!“, neckt Ingeborg ihre Töchter. Sie lachen sich an und decken gemeinsam den Tisch.