Gedanken zur sexuellen Revolution

7. Kapitel

Gertrud und ihr Vater verbrachten viel Zeit damit, über die Gedanken und Ansichten der sexuellen Revolution zu diskutieren. Leidenschaftlich versuchte er ein Schreiben von Papst Paul VI „Humanae vitae“ zu verteidigen, denn in diesem heißt es, Empfängnisverhütung beschädige die Würde der Frau.

„So ein Blödsinn. Nur jene Frau ist frei, die über ihren Körper selbst bestimmen kann“, schimpfte Gertrude aufgebracht.

„Vater, es kann doch nicht sein, dass wir als Frauen nicht über unseren Körper bestimmen dürfen. Schau, du machst ja auch das, was du willst, oder nicht?“ Johann blickte zutiefst bestürzt: „Glaubst du wirklich, dass ich nur das mache, was mir gefällt? Dass ich stets nur meinem Vergnügen folge, ohne je an das Notwendige zu denken?“

„Nein Vater, ich will frei sein, denn nur so kann ich glücklich werden. Nicht wie Mutter, die doch nur arbeitet und nur für andere lebt!“

„Gertrud, wenn du deine Mutter so ansiehst, glaubst du, sie ist unglücklich?“ fragte Johann.

„Ich weiß es nicht, Vater, aber kann so ein Leben glücklich sein?“

„Ja, ich glaube, dass genau so ein Leben glücklich macht“, versichert Johann mit sicherer Stimme.

Da stockt Gertrud und hört auf zu erzählen. Sie schaut an Leonie vorbei und ist in Gedanken ganz fern.

„Omi, was ist los?“

Gertrud lächelt kurz, für einen Augenblick. Dann wendet sie ihr Gesicht versteckend nach unten. In den Augen stehen ihr leichte, wolkige Tränen, leicht schimmernd und zirkelrund zusammenfallend. Eine Einzelne findet ihren Weg über die rechte Wange des alten Gesichts.

Leonie ist völlig ergriffen vom Stimmungswechsel in der Küche. Es liegt drückende, den Raum fassende Schwere in der Luft.

„Omi, was ist los, warum weinst du?“ fragt Leonie.

„Als mein Vater behauptete, es mache glücklich, für andere da zu sein, lachte ich ihn aus.“ „Nein Vater, ich glaube es ist wichtig mein Glück zu finden, mir muss es gut gehen, ich bin doch der wichtigste Mensch für mich selbst“, zitierte Gertrud ihr junges Ich. Darauf folgt Stille.

„Ja Omi, bin ich nun der wichtigste Mensch für mich selbst?“

Gertrud betrachtet Leonie lange, dann schmunzelt sie und sagt: „Das mein Schatz musst du selbst herausfinden.“

Als Gertud 21 Jahre alt war, trennte sie sich von ihrem Elternhaus und zog von Stadt zu Stadt. Zuerst ging sie nach Salzburg, dann für kurze Zeit nach Wien und schließlich erreichte sie ihren Lieblingsort, die „Ville de l’amour“, Paris. In kürzester Zeit erlernte sie dort sowohl die Sprache, als auch die für Frankreich üblichen Gepflogenheiten. Sie arbeitete als Kellnerin in einem Bistro und ein bis zwei Mal die Woche am Abend in einer Bar. Dort machte sie Bekanntschaft mit unzählig vielen Männern und konnte befähigt durch die „Pille”, ein innovatives Verhütungsmittel aus Amerika, gefahrlos mit jedem ins Bett gehen und ihren Spaß haben.

Einige Male, wenn sie am Morgen danach aufwachte, nüchtern und mit Kopfschmerzen vom Alkohol, konnte sie sich selbst nicht leiden. Vor allem ihren Körper fand sie abscheulich und irgendwie fühlte sie sich gedemütigt.

Aber diese Gedanken hielten nicht lange, denn sie konnte sich mit Arbeit und den nächsten Abenden sehr gut beruhigen. Für Gertrud war klar, dass sie als Landmädchen einfach nicht frei genug ist, zu ungebildet und weltfremd, um diesen Sex so zu genießen, wie sie sollte.

Gertruds Augen wirken matter zu sein, als Leonie es von ihnen gewohnt ist.

Um die Erzählung ihrer Großmutter voranzutreiben, fragt Leonie geschwind: „Und Omi, wie hast du dann Mama bekommen? War Opa deine große Liebe?“

„Nein mein Schatz, jetzt kann ich es dir ja erzählen, Opa war nicht meine große Liebe, aber er war der Mann, den ich am meisten geliebt habe.“

„Wie jetzt, war er nun deine große Liebe oder nicht?“

„Weißt du, die große Liebe muss nicht immer der Mensch sein, den man dann sein Leben lang liebt.“

Eines Abends betrat ein Mann das Lokal und Gertrud schien es, als ob die Zeit in diesem Moment hielt, kurz verweilte und plötzlich wieder ungebremst fortlief. Hochgewachsen, stattlich, athletisch und mit einer Präsenz, die Gertrud noch bei keinem Menschen so wahrgenommen hatte. Er war einfach da und füllte den gesamten Raum mit seinem Charisma aus. Gertrud war vom ersten Blick in seine Augen, vom ersten Wahrnehmen seines Geruchs, vom ersten Lächeln, das seine Mundwinkel zierte, verliebt in ihn. An diesem Abend aber nahm er keine Notiz von Gertrud und so versuchte sie es am folgenden Tage wieder, Anton zu beeindrucken. Leider scheiterte sie auch bei diesem Vorhaben. So beschloss sie, als die Sonne wieder einmal dem Monde wich, ein weiteres Mal in die Bar zu stöckeln, nun jedoch als Gast. Sie hatte mit ihren Stammgästen und Kollegen großen Spaß und frönte dem Alkohol. Um zwei Uhr nachts stand plötzlich Anton ganz dicht vor ihr und bat sie um einen Tanz.

„Aber das ist doch eine Bar. Hier wird nicht getanzt“, flötete Gertrud mit ihrem deutsch-französischen Akzent. „Ich kann überall tanzen“, flüsterte Anton und schob Sessel und Tisch beiseite. Er nahm sie entschiedenen Griffes und fing an, mit ihr so Tango zu tanzen, wie Gertrud es in ihrem Leben nie für möglich hielt. Dem Vierachteltakt vollends verfallen, führte er sie über den kleinen Platz. Sie fühlte sich wie im siebten Himmel. Gertrud schien nicht nur verliebt, nein, sie war regelrecht verrückt nach Anton. So war es für sie auch vollkommen selbstverständlich, ihn zu sich in ihre kleine, behagliche Wohnung einzuladen, um mit ihm die Nacht zu verbringen.

„Was! Omi, in der ersten Nacht?“

Gertrud nickt.

Am Morgen, als Gertrud aufwachte, war er fort und Gertrud am Boden zerstört.

„Ja, ist dieser Anton deine große Liebe?“ Ja und auch doch nicht. Aber mein Engel, können wir morgen weiter reden, ich bin jetzt doch etwas müde und ob du es mir glaubst oder nicht, mich an das alles zu erinnern ist ganz schön anstrengend.“

„Darf ich morgen wieder kommen?“

„Natürlich, der Kaffee steht dir in diesem Haus immer bereit.“