Sexuelle Revolution

6. Kapitel

„Arbeite doch endlich weiter anstatt immer nur diese rebellischen Schriften über irgendeine sexuelle Revolution zu lesen!“, hörte Gertrud ihre Mutter schon wieder schimpfen. „Ich bin ja schon fertig mit dem Stall. Was soll ich jetzt noch arbeiten? Immer ist irgendetwas auf diesem ergrauten Bauernhof zu tun. Wenn ich alt genug bin, dann bin ich weg, dann ziehe ich von Zuhause aus, werde die Welt erkunden und reisen und frei sein.“ Gertrud war das vierte von fünf Kindern und wuchs mit ihren Eltern in einem kleinen Ort auf. Dort besaßen sie einen kleinen Bauernhof, der ihnen während des Krieges über die schlimmsten Zeiten hinweghalf. Sie hatten immer genug zu essen. Doch das Leben war alles andere als einfach zuzubringen, denn die Mutter musste den Hof alleine bewirtschaften. Gertruds Vater war an vorderster Front im Russland Feldzug eingesetzt, weil er den Unmut der oberen Gemeindevorsteher des Nazi-Regimes auf sich gezogen hatte. Der gläubige Christ hatte sich für den Verbleib des ortsansässigen Priesters, der in seinen Predigten ganz offen gegen den Nationalsozialismus sprach, eingesetzt und drei Tage nach seinen Anstrengungen für den Priester den Einberufungsbefehl bekommen. Er wurde sofort an die Feuerlinie versetzt. Verzweifelt und resigniert war Maria nun alleine zuständig dafür, den Hof zu bewirtschaften und für die 5 Kinder zu sorgen. Gertrud musste, wie alle anderen Kinder auch, schon früh zu arbeiten beginnen. Sie versorgte die Hühner und arbeitete im Stall, denn sie liebte die Tiere und die Tiere liebten sie. Neben der Arbeit auf dem Hof und ihren Hausaufgaben war es ihr noch möglich, ihrem Hobby, dem Lesen, viel Zeit zu widmen. Ihre Lehrerin erkannte in dem Mädchen große Begabung und förderte sie, wo sie nur konnte.

Der Vater kam nach dem Krieg physisch, wenn auch nicht psychisch, unverletzt nach Hause. Er lächelte nicht mehr so wie früher und den Krieg erwähnte er mit keinem Wort.

Gertrud, als sie mit 19 Jahren ihre Schneiderlehre beendet hatte, begann sich mit ihrer neugewonnen Freizeit zunehmend für fremde Länder und Städte zu begeistern und beschloss, ganz den Worten Goethes folgend, die beste Bildung im Reisen zu suchen. Den Anfang dafür legte sie in den seltenen Besuchen der Stadt Salzburg. Dort, in der Auslage ihres liebsten Buchgeschäftes, sah sie trotz des überreichen Sortiments mit einem Blick das, was sie schon lange ersehnte. Ein Buch von Simone de Beauvoir namens „Das andere Geschlecht“. Eigentlich hatte sie sich versprochen, kein Geld für solchen Luxus auszugeben, doch die Begeisterung für diese Schriftstellerin und deren Ideen rief lauter. Prompt war das Werk gekauft.
Beauvoir schrieb, dass die Frau „nicht als Frau geboren“ sei, sondern dass sie dazu gemacht werde. Sie erklärte darüber hinaus, dass die Frau in „Abhängigkeit vom Mann“ lebe und wenn sie ihre Weiblichkeit leben wolle, dann müsse sie passiv bleiben, ohne sich als freier Mensch selbst aktiv betätigen zu können. „Soll sich das nicht ändern?“, fragte sich Gertrud.
Schließlich sah sie auch am Leben ihrer Mutter, dass dies genau so stimmt. Denn für Gertrud war ihre Mutter alles andere als frei oder selbstbestimmt, geschweige denn glücklich.
Es war nicht verwunderlich, dass sie Simone de Beauvoir, Sartre und andere moderne Denker las und sich mit ihren Gedanken beschäftigte.
Für Gertrud stand jedenfalls fest, dass sich die ganze Gesellschaft ändern solle und dass die Frauen, insbesondere von der Mutterschaft, befreit werden müssten, denn laut Beauvoir ist die Mutterschaft eine „Knechtschaft“.
Den Beweis dafür sah Gertrud wiederum bei ihrer Mutter, die stets arbeitend, nichts anderes gekannt hat, als für andere zu leben. Nein, Gertrud wollte so ein Leben nicht. Sie wollte reisen, frei sein und vor allem freien Sex.