Freier Sex?

5. Kapitel

Leonie gleitet auf ihrem Fahrrad durch die Landschaft und denkt über die Lebensgeschichten ihrer nahestehenden Familienmitglieder nach. Als sie am Morgen aufgewacht ist, hat sie sofort ihre Großmutter angerufen und sich kurzerhand bei ihr zum Frühstück eingeladen. Jetzt fährt sie durch die Kaigasse zum Kajetanerplatz und ein kurzes Stück auf der Nonntaler Hauptstraße weiter am Gerichtsgebäude vorbei, um dann am Freisaalweg Richtung Gneis nach Grödig zu ihrer Oma zu radeln. Der Bäcker in der Nähe der Großmutter ist für besonders leckeres Gebäck bekannt. Leonie kauft zwei Semmeln und drei Kipferl. In der nächsten Seitenstraße wohnt bereits die Omi. Das Holzhäuschen wird von einem herrlichen Garten mit zahllosen Blumen umgeben, in dem Gertrude oft tagelang arbeitet. Mit ihrem grünen Daumen hegt und pflegt sie ihre Pracht. Lilien, Orchideen und atemberaubende Magnolien tauchen die das Haus umgebende Rasenfläche in ein weißlich-strahlendes Rosa. So kommt es Leonie auch heute wieder vor, als wär sie in einen Zaubergarten geraten. Früher hat Omi ihren Enkelkindern in den Ferien gern die schönsten Geschichten über Feen, Kobolde und andere Gestalten, die in dem kleinen Paradies leben sollen, erzählt.

Leonie läutet an der Tür und stürmt, bemerkend, dass sie offen ist, ins Haus, wo Gertrude in der Küche lächelnd den kleinen Tisch fürs gemeinsame Frühstück deckt. Am Tisch stehen vier Gläser mit selbstgemachter Marmelade! Es gibt Marillenmarmelade mit Lavendelblüten, Marillenmarmelade mit weißer Schokolade, Himbeermarmelade und auch die klassische Marillenmarmelade. Auf den Gläsern kleben Etiketten, auf denen in schon etwas krakeliger Schrift das Jahr und der Inhalt vermerkt sind. Das ganze Haus riecht nach Gemütlichkeit. „Ob man Gemütlichkeit riechen kann“, überlegt Leonie. Im selben Moment wird sie aber schon von der Großmutter umarmt, mit derselben unverwechselbaren Herzlichkeit, die eben zu ihrer Omi gehört. Beide lachen und freuen sich über das Wiedersehen.

„Omi, kann man Gemütlichkeit riechen?“, fragt Leonie.

„Ja, mein Schatz, ich glaube schon. Warum fragst du das?“

„Weil es mir gerade so vorkommt! Ich habe diese Gemütlichkeit jetzt gerade hier in diesem Haus gerochen!“

Gertrud lacht. Ihre Augen blitzen frohmütig.

„Ja, ich glaube, man kann sehr viel riechen“, sagt sie. „Gerade Gerüche merkt man sich lange.

Du verbindest ihn wahrscheinlich mit deinen Kinderjahren, in denen du im Sommer fast täglich hier übernachtet hast“.

„Ein Hauch von Nostalgie. Wie schön“, erwidert Leonie.

„Apropos Nostalgie: Du liest noch immer deine altmodische Zeitung aus Papier?“

„Ja, natürlich. Was denn sonst?“

„Mit dem Internet hast du es ja nicht so, oder?“

„Doch, mein Schatz! Ich glaube, ich werde mir doch recht bald so ein – wie heißt denn dieses kleine Gerät, auf dem man auch alles nachlesen kann, was man so braucht – zulegen.“

„Meinst du ein Tablet?“, fragt Leonie erstaunt. Sie schmunzelt, denn noch vor einem Jahr hat sich ihre Großmutter geweigert, auch nur über neue Medien zu sprechen. Sie wollte sich nicht über das neumodische Zeug informieren. Nun ist aber zu sehen: Auch die alte Dame ist bereit, etwas Neues zu lernen.

 

„Omi, ich helfe dir gerne mit dem Einrichten und erklär dir dann noch alles! Du wirst begeistert sein!“, verspricht ihr Leonie.

„Sehr schön! Ich möchte mich besser informieren! Bestimmte Themen ziehen im Moment meine Begeisterung auf sich“, sagt Gertrud.

„Was interessiert dich denn so sehr, dass du über ein Tablet nachdenkst?“, will Leonie wissen.

„Ja weißt du, in meiner Zeitung war heute ein Bericht, der zeigte, dass Frauen immer noch benachteiligt werden. Sie verdienen viel schlechter und es gibt Statistiken, besagend, dass viel weniger Frauen als Männer in Führungspositionen aufsteigen. Frauenfragen also! – Aber sag, was hast du auf dem Herzen, meine Kleine? Wie kann ich dir helfen?“

Die beiden Frauen setzen sich am Tisch gegenüber und der Kaffeeduft steigt ihnen in die Nase. Leonie ist glücklich, bei ihrer Omi zu sitzen und Kaffee und frische Kipferl mit Marillenmarmelade zu genießen, doch im Moment weiß sie nicht, wie sie mit ihren Fragen beginnen soll. Es entsteht eine unangenehme Stille. Kaum zu ertragen. Gertrud wartet ab, bis es endlich aus Leonie herausschießt.

„Du, Omi, was hältst du vom freien Sex?“, fragt sie. Bum! So verdutzt hat Leonie ihre Großmutter noch nie gesehen. Gleich darauf prustet sie los.

„Was fragst du mich da“? fragt die alte Lady ganz perplex.

„Omi, was hältst du von freiem Sex?“, wiederholt Leonie.

„Also habe ich mich nicht verhört! Tatsächlich nicht.“

„Ja! Mit dir kann ich darüber reden: Ich weiß, dass du das nicht so eng siehst wie Mama. Mit Papa will ich nicht sprechen. Mit meinen Freundinnen zu reden, bringt auch nichts, denn die sind ja genauso unerfahren wie ich. Meine Schwester Lilly kann ich auch nicht fragen. Sie hat sowieso keine Nerven wegen der Kinder.“

Gertrud ist noch immer sprachlos.

„Außerdem weiß ich, dass du wilde Jahre durchlebt hast, als du so alt warst wie ich heute“, fährt Leonie fort. „Stimmt es, dass du die Achtundsechziger miterlebt hast? Hast du nicht einmal gesagt, du hättest sie genossen?“

Gertrud überlegt, wie sie mit diesen Fragen umgehen soll. Was kann sie ihrer geliebten Enkelin anvertrauen?

„Warum willst du das alles wissen?“, fragte sie.

Da erzählt ihr Leonie vom vorangegangenen Nachmittag im Kaffeehaus, dem Zeitungsartikel und den Fragen, die ihr seither im Herzen brennen.

Gertrud schaut ihre Enkelin weiterhin nur stumm an.

„Wie lange hast du Zeit?“, fragt sie dann.

„Lange! Ich habe viel Zeit, Omi!“

„Dann werde ich dir meine Geschichte erzählen.“

„Willst du noch einen Kaffee davor?“

„Ja bitte, Omi!“