Wen soll ich fragen?

4. Kapitel

Daheim legt sie sich ins Bett. Sie glaubt, durch ihren Schwips schnell einschlafen zu können, aber die Fragen, die sie sich im Café gestellt hat und an die sie seit dem Zeitungsartikel immer wieder denken muss, hören einfach nicht auf. Leonie holt sich ein Glas Milch und gibt Honig hinein, denkend an die Worte ihrer Mutter, nach denen man gleich beim Trinken schon einschlafe wie ein Baby. Doch nichts dergleichen geschieht. Sie bekommt kein Auge zu. Unruhig und aufgewühlt wälzt sie sich von einer Seite auf die andere. Um 2:34 Uhr steht sie auf,  öffnet ihren Laptop, tippt Schlafstörungen ein und hört sich einen Vortrag eines Schlafforschers an. Wenn man nicht schlafen kann und immer über die gleichen Themen nachgrübelt, solle man die marternden Gedanken einfach aufschreiben, empfiehlt er. Wenn die Gedanken zu Papier gebracht werden, müsse man sich nicht mehr den Kopf zerbrechen. Gegebenenfalls könne man am Tag danach versuchen, die Probleme zu lösen. Also setzt sich Leonie an ihren kleinen Schreibtisch, der ihr schon während des Studiums gute Dienste geleistet hat. Dort liegt allein und verstaubt in der linken Ecke ein Buch: Mission Frau – Eine neue weibliche Identität für das dritte Jahrtausend.

Dieses Buch hat ihr ihre Mama vor langer Zeit geschenkt. Damals hat Leonie nicht daran geglaubt, jemals in diesem Buch zu lesen, doch jetzt schlägt sie es auf.

Sie beginnt und findet den Text sogar ganz interessant. Am Anfang des Buches wird geschichtlich beschrieben, wie sich das Bild der Frau in der Gesellschaft gewandelt hat.

Friedlich schnurrt Kater Leo neben Leonie. Er kuschelt sich ganz an sie heran. Sie nimmt ihren rosa Notizblock  und fängt an, ihre Fragen aufzuschreiben. Zu jeder Frage erscheint ihr ein Name.

Sie notiert: „Soll ich freie Sexualität leben, Omi?“ Warum ihr der Name ihrer geliebten Omi Gertrud zu diesem Thema einfällt, weiß sie nicht.

Zur Frage: „Wie sehe ich Partnerschaft und Ehe“, hat sie das Bild ihrer Mutter Ingeborg im Kopf.

Beim Thema „Familie und Kinder“ denkt sie an ihre Schwester Lilly, die drei kleine Kinder hat und zum Teil mit ihrer Situation überfordert ist. Bei der Frage nach „Beruf und Karriere“ kommt ihr Tante Susanne in den Sinn. Susanne ist eine erfolgreiche Bankerin, besser gesagt, Abteilungsleiterin in der Kreditabteilung einer großen Bank.

Auch fallen ihr ihre Freundinnen Julia und Andrea ein, die sie für gewöhnlich immer als erstes um Rat fragt.

In der letzten Zeile des Zettels schreibt sie groß und in schnörkeliger Schrift:

Familie oder Karriere?

Als Leonie die Namen ihrer weiblichen Familienangehörigen und Freundinnen vor sich sieht, wird ihr plötzlich klar, was sie tun muss. Sie beschließt, die Zeit bis zu ihrem Eintritt in die Anwaltskanzlei dazu zu nutzen, mit ihren Freundinnen und Verwandten über diese so wichtigen Themen zu sprechen.

Beruhigt geht sie nun zu Bett. Sie schläft sofort ein. Der am Tag zuvor fast umgerannte Mann erscheint ihr. Wie durch Nebel getrübt, zeichnen verschwommene Linien seine Gestalt. Nur dieses unbeschreibliche Blaugrau scheint ihr klar.