Dimensionen des Menschen

12. Kapitel

Leonie bringt ihren kleinen Neffen zurück zu ihrer Schwester, die mit Ingeborg immer noch etwas besorgt in der Küche sitzt. Aber Leonie merkt, dass es Lilly schon viel besser geht. Lillys Verzweiflung von heute Morgen ist kaum noch spürbar. Klausi und Leonie stürmen mit Übermut in die Wohnung und Lilly nimmt ihren Kleinen beschwingt auf den Arm. Ihr huscht ein kleines Lächeln übers Gesicht.

Ingeborg begrüßt Leonie mit immer noch eisiger Stimme und so verabschiedet sich Leonie von den beiden schnell.

Sie entschließt sich, zu Fuß zurück in ihre Wohnung zu spazieren, denn sie braucht Zeit, um all ihre Gedanken ordnen zu können. Leonie flaniert entlang der Salzach auf dem Ignaz-Rieder-Kai Richtung Innenstadt.

Eigentlich wollte sie sich nur mit sich selbst beschäftigen und versuchen, ihren eigenen Weg zu finden, doch in den letzten Tagen hörte sie so viele Geschichten. Und nun auch noch das mit Lilly. Ihr schwirrt der Kopf.

Doch ihr wird auch klarer, wie ihre Familienbande funktioniert und wie sie von dieser geformt wird. Nach dem langen Abend mit ihrer Mutter versteht sie nun auch Ingeborg samt ihrem Verhalten besser.

Ingeborg

„Meine Kleine, kommst du und hilfst mir bitte bei den Tieren? Du gehst so gut mit ihnen um“, hörte Ingeborg die liebevolle Stimme ihrer Großmutter Maria. Sie war sieben Jahre alt und lebte bei ihren Großeltern auf demselben Bauernhof, auf dem auch ihre Mutter aufgewachsen war. Geboren worden ist Ingeborg in Paris. Ihrer Mutter Gertrud war es jedoch nicht möglich gewesen, ein Baby und ihre Vorstellungen von einem freien Leben miteinander zu vereinbaren. Als Ingeborg ein halbes Jahr alt gewesen war, hatte Maria ihre Tochter gebeten, die Obhut für das Kind zu bekommen, damit Ingeborg auf dem Land aufwachsen konnte. Maria hatte sie an einen geregelten Tagesablauf gewöhnen wollen. Außerdem sollte immer jemand für das kleine Mädchen da sein. In Paris würde das Baby nicht immer völlig umsorgt sein. Gertrud hatte ja arbeiten und Geld verdienen müssen. Tagsüber hatte sie in einer kleinen Bäckerei gearbeitet, am Abend drei Mal in der Woche in der Bar. Nach der Arbeit in der Bar war es ihr zur Gewohnheit geworden, noch mit den Kollegen auszugehen. Ihren Vater hat Ingeborg nie kennengelernt, er hat Gertrud kurz vor der Geburt verlassen. In dieser Zeit war es einfach modern gewesen, seine Freiheit zu leben, sich zu entfalten und keine Rücksicht auf den anderen zu nehmen. Verantwortung war zum Fremdwort geworden.

Gertrud gab ihr kleines Mädchen ungern zur Mutter. Aber in der fremden Stadt konnte sie als Alleinerzieherin Baby und Arbeit nicht unter einen Hut bringen und nach Hause zurückkehren wollte Gertrud auf keinen Fall mehr. Nachdem sie ihr Kind bei den Eltern auf dem Hof gelassen hatte, sah sie ihre Tochter nur mehr selten. Einige Tage im Sommer und hin und wieder im Winter, während der Weihnachtsfeiertage.

So bliebt Ingeborg bei Oma und Opa auf dem Bauernhof. Genauso wie ihre Mutter liebte sie die Tiere. Mit acht Jahren schenkte ihr ihr geliebter Opa einen kleinen Welpen, der eigentlich nicht leben sollte. Opa hatte einen Bauern, der das kleine Wollknäuel umbringen wollte, dazu bewegt, es ihm zu schenken. Eines Abends stand er in der Tür und sprach Ingeborg mit ihrem Kosenamen, den nur er verwendete, an.

„Hallo Bienchen, da ist jemand der dich braucht“, flüsterte er und öffnete seinen Mantel. Unter dem alten grauen Stoff schaute ein kleiner wuscheliger Hundekopf hervor und man konnte bei bestem Willen nicht sagen, welche Rassen, bis auf einen Deutschen Schäferhund, noch beteiligt gewesen waren. Obwohl Ingeborg noch so jung war, hat sie sich rührend um den kleinen Kerl gekümmert. Sie hat ihn gefüttert, gestreichelt und über alles geliebt. Sie konnte ihm auch alle möglichen Tricks beibringen und die beiden waren ein Herz und eine Seele. Willi, so hieß der Kleine, begleitete Ingeborg auf Schritt und Tritt. Er vertraute ihr blind. Ganz gleich, was das Mädchen auch machte, ob sie kletterte, über die Felder lief oder einen tollkühnen Sprung ins Wasser wagte, Willy war immer dicht auf ihren Fersen und machte jeden Blödsinn mit. Sie waren unzertrennlich und man sah sie stets zusammen, am Hof, im Ort, beim Pflücken von Beeren oder beim Sammeln von Schwammerln.

Trotz ihres jungen Alters übernahm Ingeborg die Verantwortung für den kleinen Kerl und daraus wuchs auf beiden Seiten großes Vertrauen. Hund und Kind waren eine Einheit, die man so selten zu sehen bekommt. Nur noch mit ihrem Großvater teilte Ingeborg eine ähnlich enge Beziehung. Wenn Opa Johann mit seiner Arbeit fertig war oder einmal eine Pause machte, setzte sich Ingeborg immer zu ihm. Er erzählte ihr die spannendsten Märchen und Geschichten und sprach mit ihr über das Wesen der Natur. Aber am liebsten ging sie mit Johann in die Kirche.

Es war der Großvater, dessen Nähe sie in der pompösen Kirche so genoss. Von der heiligen Messe und den Worten des Priesters verstand sie noch nicht viel. Die Kerzen, der Weihrauch, die Lieder des Chors und auch der Volksgesang gefielen ihr gut, aber mit ihrem Opa auf der Bank zu sitzen, das war für das kleine Mädchen das Wichtigste und so begleitete sie ihn bald jeden Sonntag. Sie liebte es, den Großvater beim Beten zu beobachten. Er war ganz bei der Sache. Ruhig und gelassen lauschte er der Stimme des Priesters. Immer wieder glaubte Ingeborg beobachten zu können, dass sich das Gesicht des alten Mannes während der heiligen Messe verwandelte. Es strahlte geheimnisvoll. Als sie älter wurde, fragte sie eines Tages ihre Großmutter, ob es stimme, was sie im Gesicht ihres Großvaters zu erkennen glaubte.

„Weißt du, dein Großvater hat im Krieg schlimme Dinge erlebt“, erwiderte Maria.

„Mir erzählte er nur einmal davon. Es war unerträglich und nur sein Glaube hat ihm geholfen zu überleben. Gläubig war er schon immer, aber in der schrecklichen Kriegszeit hat er gelernt, dem Glauben zu vertrauen. Schließlich hatte er keine andere Wahl. Sonst hätte er nicht überlebt, wie er mir selbst erzählte. Er hatte die Gewissheit, dass da etwas, oder wie er sagt, ein Jemand ist, der ihn beschützt, leitet und seinem Leben einen Sinn gibt. Opa hat den Krieg nie wieder erwähnt, aber seitdem sehe ich ebenfalls, dass in der Kirche oder beim Beten daheim ein Strahlen sein Gesicht erleuchtet.“

Maria lächelt ihre Enkelin an, bevor sie fortfährt: „Dein Großvater freut sich sehr darüber, dass du ihn begleitest und mit ihm den Glauben teilst!“