Hingabe?

10. Kapitel

Der Wecker läutet. Leonie wacht mit einem Kater auf, denn Lilly und sie verbrachten jetzt schon den zweiten Abend miteinander und sprachen über Leonies Erfahrungen der letzten Tage. Leider haben sie auch dieses Mal wieder bei ihrem Plausch etwas zu viel getrunken.

Eigentlich würde sie jetzt viel lieber auf ihrem Sofa mit Leo kuscheln und über all das nachdenken, was sie kürzlich so erlebte, aber Ingeborg hat ihr zum Geburtstag Karten für die berühmten Salzburger Festspiele geschenkt. Es sind Tickets für die Generalprobe einer Oper und die Aufführung findet gerade heute um 13 Uhr statt. Deshalb hat sie schon vor drei Tagen mit der Mutter beschlossen, sich mit ihr zum Frühstück in der Stadt zu treffen. Müde steht sie auf und schleicht ins Bad. Die weiß-blauen Fliesen machen den winzigen Raum zu einem stylishen aber dennoch heimeligen Ort. Dort, der Müdigkeit trotzend, zieht sie rasch ihr dunkelblaues Etuikleid an, wirft den dazu passenden Blazer über und schlüpft in ihre eleganten, dunkelblauen High Heels. Die Haare dreht sie sich zusammen und steckt sie zu einem strengen Knoten am Hinterkopf hoch.
Gemächlich spaziert sie durch die morgendliche Stadt. Sie genießt die frühe Stunde. Das Große Festspielhaus liegt im Zentrum von Salzburg und bis zur Generalprobe haben Mutter und Tochter noch genügend Zeit für ein ausgiebiges Frühstück.

Schon von Weitem sieht sie ihre Mama über den Alten Markt Richtung Café schlendern. Leonie beschleunigt den Schritt und trifft genau vor dem Kaffeehaus mit der Mutter zusammen. Beide begrüßen sich herzlich und wählen einen kleinen runden Tisch auf dem Vorplatz der Konditorei. Die Sonne scheint und von ihren Stühlen aus können sie die Festung sehen. Beide Frauen genießen den Luxus, zu dieser Zeit in einem Café sitzen, miteinander frühstücken und plaudern zu können.
„Um was geht es denn in dieser Mozartoper?“, fragt Leonie und fügt hinzu, dass sie sich nicht besonders gut auskenne.
„Ich freue mich schon. Heuer ist es besonders schwierig gewesen, Karten zu bekommen. Ich habe richtig Glück gehabt! ‚La clemenza di Tito‘ heißt die Oper. Wir werden sie nicht im Festspielhaus, sondern in der Felsenreitschule sehen. Das Stück handelt vom großmütigen römischen Kaiser Titus, der die Verschwörer kurz vor dem Tod begnadigt“, erwidert Ingeborg.
„Die Verschwörer? Welche Verschwörung meinst du?“ fragt Leonie neugierig.
„Um was geht es denn in den Opern meistens? Um Liebe!“, antwortet Ingeborg. „Vitellia will den Kaiser heiraten, doch er will aus Staatsgründen eine andere ehelichen. So hat sie ihren Geliebten, Sesto, angestachelt, Kaiser Titus zu ermorden. Das Komplott fliegt auf und Sesto wird zum Tode verurteilt. Aus Liebe verrät er Vitellia nicht. Er will für sie sterben. Doch kurz vor der Hinrichtung gesteht sie dem Kaiser, dass sie das Komplott angezettelt hat. Er zeigt sich großherzig und begnadigt beide.“
„Wow, wieder so ein Drama! Das kann sich aber nur in einer Oper abspielen!“, bemerkt Leonie.

„Na ja, ich glaube es geht im wirklichen Leben auch ähnlich zu. Zwar weniger mit Hinrichtungen oder Morden, aber ich glaube, dass es in sehr vielen Partnerschaften Spannungen, Trauer und Verzweiflung gibt.“
„Aber Mama, warum gibt es das? Die Leute heiraten ja aus Liebe! Sie wollen sogar ihr Leben lang zusammenbleiben, enden aber dann oft doch im absoluten Wahnsinn“, ruft Leonie aus. „Sag Mama, warum klappen so viele Ehen nicht?“

„Schau Leonie, in dieser Oper will Sesto seine Vitellia schützen, er verrät sie nicht. Auch sie gibt sich dann doch für ihn hin und beichtet dem Kaiser, dass das Komplott ihre Idee war. Da Titus ein großmütiger Herrscher ist, begnadigt er die beiden. Und so sollten auch wir öfters handeln. Wir müssen großmütig mit den Fehlern der anderen umgehen. Wir sollen uns auf den anderen einlassen und vor allem soll uns das Wohlergehen dessen so wichtig sein, dass wir uns selbst zurückstellen können.“

„Aber Mama, es wird einem doch heutzutage beinahe unmöglich gemacht, für den anderen da zu sein. Schau, sogar der Konkurrenzdruck auf den Universitäten, wo sich tagtäglich Tausende messen, ist schon enorm groß und das geht dann im Job genau so weiter. Ist es deshalb nicht natürlich, dass jeder zuerst auf sein Wohlbefinden schaut? Und vielleicht denkt man dann irgendwann an den anderen…“
„Ja, ich weiß. Das ist genau das Problem. Wenn ich nur auf mich fixiert bin, aus welchen Gründen auch immer, sehe ich die Schönheit und die Talente meines Gegenübers gar nicht.

Ingeborg sieht eine Zeit lang nachdenklich vor sich hin, bevor sie weiterspricht. „Ich glaube, dass ich erst richtig glücklich bin, wenn ich ganz für euch und für euren Vater da bin. In der Liebe zu deinem Vater kann ich auch nur glücklich sein, wenn es ihm gut geht und wir in Harmonie leben.“
„Entschuldige Mama, aber das ist ja ein totaler Schwachsinn! Du kannst dich doch nicht ganz verlieren, nur damit es Papa gut geht!“, ruft Leonie aus.
„Genau so ist es aber, mein Schatz! Nur in der ganzen Hingabe an den anderen kann ich mich finden, insbesondere in der Sexualität.“
„Nein Mama, über Sex spreche ich jetzt nicht mit dir. Darüber hinaus verstehe ich nicht, wie das mit dem Hinschenken sein soll!“
„Das glaube ich dir, mit Mama über Sexualität zu sprechen ist nicht angenehm. Aber ich möchte Dir erklären, wie ich das Hingeben verstehe. Die Sexualität bietet nun einmal das beste Beispiel dafür. Denn genau in dieser wird so viel falsch verstanden, lenkt Ingeborg ein, die den Ober mit dem Frühstück kommen sieht.

„Aber lass uns jetzt unsere Zeit genießen, denn ich freue mich, mit dir in die Oper gehen zu können. Ich bin sicher, sie wird dir gefallen.“ Mutter und Tochter genießen das Wiener Frühstück mit Kaffee, frischen Semmeln, Butter und Marillenmarmelade und blicken eine Weile schweigend über den Platz.
„Weißt du Leonie, Mutter Theresa hat sich den Armen und Sterbenden gewidmet und sich dadurch ganz gefunden. Ich glaube, sie hat trotz ihres schweren Daseins ein sehr glückliches Leben gehabt und sich nicht aufgeopfert, wie viele glauben. Auch mit Mozart ist es ähnlich gewesen. Er hat für die Musik gelebt und somit Großartiges geschaffen. Alle Menschen, die sich ganz einer Sache oder einem Menschen hingeben, werden sich selbst ganz finden – und damit ihr Glück!“
„Es ist doch eher so, dass man sich selbst ganz gehören soll“, wirft Leonie ein.
„Genau, das ist die Grundvoraussetzung“ stimmt ihr die Mutter zu. „Zuerst muss man sich selber ganz besitzen! Darum finde ich es auch so gut, dass du dich auf deine eigene Wanderung machst. So wirst du deinen Weg finden.“
„Im Moment lerne ich mehr über euch!“, seufzt Leonie, „Über Omi, Lilly und auch über dich, Mama. Über mich habe ich noch nicht viel herausgefunden.“
„Glaub mir, jeder Mensch kann sehr gut am Gegenüber lernen. Darum lernst du durch unsere Geschichten mehr als dir bewusst ist. Sogar durch eine Oper kannst du erkennen, was für dich wichtig ist. Du musst nur achtsam und offen für Neues sein, egal wie verrückt es auch sein mag.