Geh mit mir den Weg

1. Kapitel

Leonie sitzt in Salzburg in einem Café, genießt den Cappuccino und ist überglücklich über ihren Abschluss in Jura. In Gedanken ist sie schon längst bei ihrer lang ersehnten Arbeit in der Anwaltskanzlei, in der sie im Sommer schon öfters ein Praktikum absolvierte. Leonie thront in einem traditionellen Kaffeehaus, an dem kleinen runden Tisch und denkt über gar nichts nach, sondern genießt einfach diese wunderbare Stille. Aus ihrer Ruhe geweckt, fällt ihr Blick auf eine Schlagzeile, die sofort ihr Interesse weckt: „Mann gibt Schwangerer heimlich Abtreibungspille!“ Leonie nimmt sich die Zeitung vom Nebentisch und liest den Artikel: „Er wollte nicht Vater werden, darum mischte ein Mann seiner Freundin heimlich eine Abtreibungspille in das Essen. Die Frau verlor daraufhin das Kind. Er muss dafür ins Gefängnis“.
Na sowas! Es ist klar, dass der junge Mann das nicht machen darf. Gerade sie versteht es, dass es aus juristischen Gründen verboten ist, einem anderen etwas ins Essen zu mischen, aber so einen Aufstand und vor allem eine so hohe Strafe! Wie alle wissen, handelt es sich hier ja um kein Kind und außerdem sollte die junge Frau froh sein, denn so kann sie ungestört leben. Sie kann Karriere machen, das Leben genießen und frei sein.
Leonie hinterfragt in diesem Moment ihre eigenen Überzeugungen.

  • Wie wichtig sind mir Arbeit und Karriere?
  • Was bedeutet Partnerschaft wirklich für mich? Will ich eine dauerhafte Beziehung oder ist mir die Freiheit doch viel wichtiger? Möchte ich das machen, was ich will, nach dem Motto: Was mir Spaß macht, ist auch gut für mich?
  • Was halte ich überhaupt von den traditionellen Lebensweisen und vor allem von der Ehe?
  • Gibt es die eine alles überdauernde Beziehung, von der viele romantische Liebeslieder, Theater-Stücke und auch Filme erzählen?
  • Gibt es eine ewige Liebe?
  • Will ich Kinder und falls ja, wann? Ist es vielleicht nicht doch besser, allein zu bleiben?

Leonie bekommt ein ganz mulmiges Gefühl. Sie wundert sich, wie sie plötzlich, nur durch einen blöden Artikel verunsichert, zu solchen Fragen kommt. Ist es nicht ihr gutes Recht, einfach gut zu leben, ihren Weg zu gehen und Karriere zu machen? Wäre es nicht dumm, auf das alles zu verzichten, wofür sie doch so hart gearbeitet hat? Warum sollte sie nicht mit mehreren Männern schlafen, um wissen zu können, wer zu ihr passt? Die alten Anschauungen können ihr sowieso gestohlen bleiben! Die Menschen von heute sind in der neuen Zeit angekommen, wo es um Selbstverwirklichung, freien Sex und Karriere geht. Jeden Tag liest sie in den Zeitungen, auf Facebook oder auf Twitter, dass sie nur glücklich werden könne, wenn sie sich auf sich selbst konzentriere. Das ist doch allgemein anerkanntes Wissen. Also, warum soll sie nicht auch so leben, wie jeder lebt?
Leonie ist wütend. Sie bezahlt ihren Kaffee und marschiert mit forschem Schritt zum Ausgang, wo sie abgelenkt mit einem Unbekannten zusammenstößt. Zornentbrannt richtet sie sich auf, um den Filou ihre Meinung zu sagen, blickt ihm jedoch in seine strahlenden, blaugrauen Augen. Rasenden Herzens und weichen Knies haucht sie, unfähig für weitere Worte „Entschuldigung“ und stürmt an dem jungen Mann vorbei ins Freie.
Als sie zu Hause ankommt, hören die Gedanken nicht auf. Sie grübelt und grübelt und es kommt ihr vor, als drehe sie sich im Kreis. In ihrer gemütlichen Wohnung fühlt sie sich nicht wohl. Die zwei kleinen Zimmer in der Gstättengasse wirken plötzlich mehr fremd als vertraut und auf ihrem rosa Sofa vor der zementgrauen Wand kommt sie sich nicht mehr geborgen vor. Sie kocht sich heiße Milch und rührt ihre sanfteste Trinkschokolade ein. Dann kuschelt sie sich auf das Sofa und Leo, ihr Kater, schmiegt sich sogleich an sie. Allmählich wird sie ruhiger. Sie fragt sich, was diese Gedanken sollen und warum sie sie so aufwühlen.