Gibt es Scham wirklich?

23. Brief

Liebe Leonie,

das mit der Scham ist so eine Sache. Ich glaube, sie wird in unserer Zeit nicht ernst genug genommen, beziehungsweise als altmodisch und überholt angesehen.

Bei einem Essen mit einem meiner Söhne kamen wir auf dieses Thema zu sprechen. Mein ältester Sohn erklärte mir: „Du Mama, es gibt gar keine Scham. Der Mensch ist von vornherein ohne sie, aber die Erziehung bringt Kinder und Erwachsene dazu, sich zu schämen. Es gibt Naturvölker, die die ganze Zeit nackt sind und die sich nicht schämen!“ Ich blickte meinen Sohn an und lachte. „Mein Schatz, ich weiß nicht mehr genau wie alt du warst, welche Jahreszeit gerade draußen herrschte, ob es Abend oder Morgen war, aber ich kann mich genau an den Moment, den Zeitpunkt erinnern, von dem an es für mich als Mutter ganz klar war, ab heute, ab jetzt darf ich nicht mehr ungefragt in dein Zimmer marschieren oder dich im Bad überraschen. Es passierte von einer Minute zur anderen und mir wurde bewusst, ich muss deine Privatsphäre achten. Wenn ich aus Unaufmerksamkeit, oder weil ich nicht wusste, dass du gerade im Bad bist, die Tür zu dir öffnete, dann wurde ich mit Schimpf und Schande hinausgejagt. Glaub mir, mein Lieber, du hast deine natürliche Scham ganz von alleine bekommen und sie auch verteidigt. Es war ein inneres Bedürfnis deiner Entwicklung!“

Ich schäme mich, wenn etwas nach außen dringt, das verborgen bleiben will. Jede Person hat eine Art eigene Welt in seinem Inneren, die Innerlichkeit, die geschützt werden will. Es gibt gewisse Erlebnisse, Probleme und Ansichten, die man lieber verborgen hält. Wenn diese an die Öffentlichkeit kommen, dann schämt man sich.

Aber wie ist es mit dem sexuellen Schamgefühl? Diese Scham ist der Schutz des Leibes. Ab einem gewissen Alter wollen Jungen wie Mädchen ganz von alleine bestimmte Körperteile, vor allem die geschlechtlichen Organe, schützen und verbergen. Dieses Verbergen vor dem anderen Geschlecht ist fast in jeden Menschen eingeschrieben. Auch wenn Naturvölker oft in absoluter Nacktheit leben, haben doch die meisten einen Körperteil, den sie verbergen wollen.

Das Schamgefühl muss man aber nicht nur im Zusammenhang mit dem Verbergen gewisser Körperteile erwähnen, sondern, und ich glaube das ist ein wesentlicher Aspekt der Scham, sie schützt Personen davor, als Objekte gebraucht zu werden. Dieser Schutz vor Missbrauch ist von besonderer Wichtigkeit.

Zwischen Mann und Frau besteht in diesem Kontext aber ein gewisser Unterschied. Dieser liegt in der Beziehung zwischen Sinnlichkeit (Hingabe an das sinnliche Erleben) und Sensibilität. Für Männer ist oftmals die Sinnlichkeit viel stärker und wichtiger als die Sensibilität und deshalb besteht eher eine Gefahr des Gebrauchens, weshalb die Schamhaftigkeit, bei Mädchen und Frauen stärker ausgeprägt ist. Den Frauen ist die Sensibilität oft bedeutender als die Sinnlichkeit. Das lernte ich im Studiengang Theologie des Leibes und durch das Studium der Schriften „Liebe und Verantwortung“ von Karol Wojtyla, dem späteren Papst Johannes Paul II.

Liebe Leonie, aus diesen Gründen fühlst du dich nach dem One-Night-Stand auch nicht wohl und hinterfragst dein Tun. Wie im Video von Johannes Hartl hast du 100 % von deinem Körper gegeben, aber keine 100 % Liebe, Beziehung und auch keine 100 % Schutz bekommen. Du bist deine eigene Herrin, du gehörst dir selbst, besitzt die Macht der Selbstbestimmung und niemand kann dir deine Selbstständigkeit entreißen. Niemand darf von dir Besitz ergreifen, es sei denn, du verschenkst dich an den anderen. Das ist nur dann möglich, wenn du dich zu 100 % hingeben kannst. Mit 100 % Liebe.

Liebe Leonie, ich hoffe auf viele weitere Briefe und bin dabei zuversichtlich, Antworten geben zu können.

Bis zum 10. Februar

Alles Liebe Deine Maria

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