Reine Herzen

19. Brief

Liebe Leonie,

auch ich durfte die Katechese, die Ansprache von Bischof Stefan Oster, beim Pfingstfest der Loretto Gemeinschaft im Salzburger Dom hören. Als er begann, über Freiheit zu sprechen, setze ich seine Erläuterung sofort auch in Bezug zu Sexualität. Sie, die Freiheit braucht, soll warten, um gelingen zu können.

Wie frei sind wir Menschen wirklich? Es gibt Gesetze, Bedingungen, familiäre Strukturen, aber auch körperliche Einschränkungen, auf Grund derer ich nicht frei handeln kann. Darüber hinaus, sind Entscheidungen zu treffen, die meine persönliche Freiheit beschränken oder erweitern können. Bin ich als Mutter unfrei, weil ich nicht über meine gesamte Zeit frei verfügen kann, oder bin ich als Ehefrau unfrei, wenn ich nur mit einem, nur mit meinem Mann schlafen kann?

Bin ich wirklich frei, wenn ich alles tun und lassen kann, was ich will?

„Freiheit ist, im Herzen eines anderen selbst sein und werden zu können, wer man ist!“, so Bischof Oster. Welch schöne Sichtweise.

Aber was hat das mit Sexualität zu tun?

Wenn man über Sexualität spricht, und die Enthaltsamkeit vor der Ehe ins Gespräch bringt, wird man als Lustzerstörer, altmodisch oder sogar als dumm bezeichnet. Denn viele Menschen glauben, wenn sie freie Sexualität leben – heißt mit demjenigen ins Bett zu gehen, auf den man gerade Lust hat – sei es ein Zeichen von großer Freiheit.

Ich behaupte schlichtweg das Gegenteil. Ich bin dann frei, wenn ich im Herzen des anderen sein und werden kann, wie ich bin. Aber wie soll ich so sein oder werden können, wenn der andere mich nicht kennt oder ich ihn noch nicht kenne?

Im Brief „Freier Sex“ habe ich gezeigt, dass es in der Sexualität um mehr geht als nur um die körperliche Vereinigung zweier Personen. Eine gelingende Sexualität beinhaltet verschiedene Dimensionen, die Lust-, Bindung-, und Fortpflanzungsdimension, die alle miteinander verbunden sind und sich auch gegenseitig bedingen. Hier fängt das Lernen an. Viele Menschen brauchen Beziehung, Vertrautheit und Sicherheit damit sie mit dem anderen die Lust genießen können und sich danach nicht ausgenützt oder benützt fühlen.

Ich persönlich kann frei sein, wenn ich mich sicher fühle. Im Brief „Dynamik der Hingabe“ schrieb ich: „Wenn ich bedingungslos geliebt werde, entsteht durch die Geborgenheit und die Sicherheit, selbst in schlechten Zeiten gehalten und beschützt zu werden, Freiheit. Aber damit diese Geborgenheit und Sicherheit entstehen kann, braucht es einfach Zeit. Oft sehr viel Zeit.“

Ich als Maria fühle mich frei, trotz meinem großen Einsatz für meine Familie und dem damit oft verbunden Zeitmangel für mich selbst. Erst recht fühle ich mich frei zu entscheiden, nur mit meinem Mann das Bett zu teilen. Als junges Mädchen hatte ich den Leitspruch: „Ich bin frei, wenn ich mir selbst die Zeit geben kann und will nur mit demjenigen schlafen, den ich mir auch als Vater meiner Kinder vorstellen kann.“

Das Bild der roten Ampel habe ich ganz bewusst für diesen Eintrag gewählt, denn vielleicht sollten wir uns selbst so eine Ampel auf unserer Lebensstraße aufstellen. Sie soll uns immer wieder darauf hinweisen, dass es Straßen und Kreuzungen gibt, auf denen es lebensnotwendig ist, zu warten und genau zu schauen, wann man diese Straße überqueren kann.

Wenn ich tun und lassen kann, was ich will, bekomme ich nicht mehr Freiheit. Nein, ich laufe Gefahr, mich selbst zu versklaven oder mich selbst zu verlieren.

Liebe Leonie, du hast die Schönheit der Stadt gesehen, die Reinheit und Freiheit gespürt. Wir sollten, für unser eigenes Glück, freie und reine Herzen bilden, damit wir uns selbst und unserer gelebten Sexualität wieder den Stellenwert geben, der uns und dem anderen gebührt. Damit ich im Herzen des anderen so sein und werden kann, wer ich wirklich bin.

Bis zum ersten Dezember.

Alles Liebe Deine Maria