Reife finden

16. Brief

Liebe Leonie,

durch seine geschichtliche Dimension ist auch Dein Vater aufgefordert, sich Fragen zu seinem Ich zu stellen. Er ist es gewohnt zu geben, weil seine Mutter schon sehr früh viel von ihm gefordert hat. Ich glaube zu früh. Dadurch hat er vielleicht nie gelernt, für seine eigenen Bedürfnisse einzustehen. Denn erst wenn ich selbst für mich kämpfen kann, gehöre ich ganz mir. Und erst wenn ich mir selbst gehöre, wird es mir möglich sein, mich selbst zu verschenken.

Doch wie erwerbe ich die Fähigkeit, für meine Wünsche einzutreten?

In meiner Ausbildung zur entwicklungssensiblen Sexualpädagogin lernte ich das Modell nach Grawe kennen. Die Selbst und Objektdifferenzierung.

Laut Grawe gibt es vier Grundbedürfnisse, die jeder Mensch gestillt haben will. Das Bedürfnis nach Selbsterhöhung, das Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung, jenes nach Kontrolle und Ordnung und schließlich das Bedürfnis nach Bindung. Wie du schon aus einem vorherigen Brief weißt, hilft es ungemein, seine Wünsche und Bedürfnisse zu kennen, um sie gezielt erfüllen und stillen zu können.

Um gute Beziehungen eingehen zu können ist der nächste Schritt, mein Gegenüber differenziert zu betrachten. Was will mein Mann, was brauchen meine Kinder, wie geht es meinem Gesprächspartner?  Durch diese Fragen, über uns und den anderen, werden wir automatisch reifer und können so auch Beziehungen besser gestalten.

Liebe Leonie, ich werde Dir noch öfters von diesem und anderen Modellen erzählen, denn es gibt hier sehr viel zu sagen, aber eines schon vorweg:

Ich wusste oft nicht, warum es mir nicht gut geht. Doch seit ich versuche zu verstehen, was mir fehlt, lebe ich um einiges leichter. Wenn ich mir meiner Wünsche klar werde, dann kann ich behutsamer mit mir selbst und mit meinen Mitmenschen umgehen. Und dadurch kann ich vermeiden, mich benutzt, instrumentalisiert oder als Objekt gebraucht zu fühlen, sondern beschenkt, angenommen und geliebt.

Bis zum ersten November

 

Alles Liebe Deine Maria